«Ich bin getorkelt Schwindel Wenn die Welt sich plötzlich dreht , als wäre ich betrunken.» Mit 26 Jahren bemerkt Daniela Minnig erstmals: «Mit mir stimmt etwas nicht.» Immer wieder strauchelt sie, aber schwindlig ist ihr nie. Erst nach einem halben Jahr, kurz vor ihrer Hochzeit, geht sie zum Arzt. Der schöpft einen Verdacht, der sich be­stätigt: Multiple Sklerose, MS.

Kurz darauf erleidet Daniela Minnig ­einen starken Schub, kann fast nichts mehr sehen, sitzt wochenlang zu Hause und hört Radio. Sie hat Angst. «Ich fürchtete, dass dieser Zustand für immer so bleiben wird.» 

Einschränkungen verschwinden nach dem Schub wieder

Mittlerweile, 20 Jahre später, weiss sie, dass es nur während des Schubs so schlimm ist. Sobald sie Cortison nimmt, verschwinden die Einschränkungen langsam wieder. Allerdings nicht komplett.

Anfangs konnte Minnig noch selbständig gehen, dann war sie auf Krücken angewiesen, schliesslich kam der Rollstuhl. «Ich hatte lange Mühe damit», erzählt die Thunerin. Sie fühlte sich beobachtet, fürchtete das Gerede. Doch inzwischen sei ihr das egal. «Ich habe die Krankheit akzeptiert.»

Jeden Tag eine neue MS-Diagnose

In der Schweiz sind etwa 15'000 Personen von der unheilbaren Nervenkrank­heit betroffen. Jeden Tag kommt statistisch gesehen eine Person dazu.

«Einige finden durch Googeln selbst he­raus, dass die Sym­p­tome von MS herrühren könnten. Und gehen so schneller zum Arzt als noch vor einigen Jahren», sagt Susanne Kägi von der Schweizerischen Multip­le-Sklerose-Gesellschaft. Gerade bei der schub­förmig wiederkehrenden MS könne eine frühe Diagnose helfen, mit Medikamen­ten einer Schädigung des Gehirns vorzubeugen.

Multiple Sklerose: Krankheit mit 1000 Gesichtern

Etwa 80 Prozent der Patienten erhalten die Diagnose zwischen ihrem 20. und 40. Lebensjahr. Doch auch Kinder und Jugendliche können an MS erkranken (circa drei bis zehn Prozent), auch bei Personen über 40 Jahren könne die Krankheit auftreten, sagt Kägi. Auffallend ist, dass Frauen fast doppelt so häufig an Multipler Sklerose erkranken wie Männer. Warum, ist bislang nicht klar. Forscher vermuten, dass die weiblichen Hormone einen Einfluss haben. Auch über die Ursache der Krankheit weiss man bis heute wenig. Man vermutet, dass sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

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Bei einer Multiplen Sklerose greift das Immunsystem die Nerven an, wodurch es zu Beeinträchtigungen verschiedener Körperfunktionen kommt (siehe Infobox unten «Was ist Multiple Sklerose?»). Da sich Multiple Sklerose durch eine Vielzahl von Symptomen äussert, wird sie auch die Krankheit mit den 1000 Gesichtern genannt. Diese Anzeichen reichen von einer Sehschwäche oder Doppelbildern beim Sehen über Sprech- und Schluckstörungen, Empfindungsstörungen bis hin zu Müdigkeit oder Gedächtnisstörungen (weitere Symptome siehe auch Infobox «Diese Symptome können auf MS hinweisen»).

Viele Tests notwendig für Diagnose von MS

Um die Autoimmunerkrankung zu diagnostizieren, schliesst der Arzt in einem ersten Schritt andere Erkrankungen aus, etwa über die Blutwerte. Dann überweist er den Patienten an einen Neurologen.

Dieser testet die Funktion der Augen, der Hirnnerven (mit einem sogenannten «Idioten-Test»), die Muskelkraft, aber auch, ob der Patient genügend auf Berührung, Temperatur und Schmerzen reagiert. Auch eine Magnetresonanztomographie (MRI) gehört heute standardmässig zum Diagnoseverfahren, ebenso wie die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor), das durch Punktion des Rückenmarks gewonnen wird.

Jeder MS-Betroffene braucht massgeschneiderte Behandlung

Steht die Diagnose MS eindeutig fest, werde gemeinsam mit dem Patienten ein passender Therapieplan erarbeitet, sagt Susanne Kägi von der MS-Gesellschaft. «Das beinhaltet sowohl, das passende Medikament für den Betroffenen zu finden, als auch paramedizinische Betreuung, etwa über eine Physio-, Ergo- oder auch Logotherapie.» Und auch Angehörige würden häufig in solche Beratungsgespräche mit einbezogen. «MS betrifft nicht nur den Patienten selbst, sondern mit fortschreitender Krankheit sehr stark auch dessen Umfeld.» Daher sei es wichtig, auch dessen Bedürfnisse, Möglichkeiten und Grenzen ernst zu nehmen.

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Einige MS-Betroffene haben das Bedürfnis, neben der Schulmedizin ergänzend etwas zu tun. «Viele suchen das in der Komplementärtherapie », sagt Kägi. Zwar gebe es bei komplementären Behandlungsmethoden keine exakten wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit. Aber die Nachfrage nach alternativen Therapien sei gross. «Wichtig für Betroffene ist, dass sie sich gut informieren und ihren Therapeuten sorgfältig aussuchen.» Dabei sollte man auf eine fundierte Ausbildung achten und darauf, dass der Therapeut einer entsprechenden Fachgesellschaft angehört.

«Für MS-Patienten besonders wichtig ist, dass sie nicht an eine extreme Person geraten, die die Schulmedizin verteufelt – das macht es am Ende für die Betroffenen schwierig, sich an Therapieempfehlungen zu halten, wenn diese sich gegenseitig widersprechen.» Die Fachfrau rät zudem, vorgängig mit der Krankenkasse die Kostenübernahme Helsana Wenn Patienten plötzlich selbst zahlen müssen zu prüfen.

Leben mit MS – zwischen Positivität und Fluchen

Was löst die Diagnose Multiple Sklerose bei Betroffenen aus? «Klar gibt es Momente, wo mich Mut und Durchhaltewille verlassen und ich weinen muss», sagt Daniela Minnig. Oder sie fluche lautstark, wenn sie etwas nicht mehr tun könne.

«Aber ich habe mir …» – sie stockt. Auch das ist ein Symptom bei ihr: Wörter, die eben noch im Kopf waren, entfallen ihr. «… ich habe mir geschworen, dass ich trotz der Krankheit meine positive Art beibehalten werde.»

Multipler Sklerose: Drei Krankheitsformen

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei verschiedenen Typen von MS:

  • Die schubförmig wiederkehrende Multiple Sklerose: Für diese Form typisch sind plötzlich auftauchende Beschwerden, die einige Tage bis Wochen andauern und danach (häufig) wieder vollständig verschwinden. Patienten mit dieser MS-Form werden mit entzündungshemmenden Medikamenten behandelt, um eine Schädigung der Nerven zu vermeiden.
  • Die progrediente Multiple Sklerose: Patienten, die an dieser MS-Form leiden, erleben keine Schübe, sondern eine schleichende, aber stetige Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Bislang gibt es für Betroffene mit diesem Krankheitsbild kein Medikament. Einige Arzneien sind aber gemäss Kägi bereits in der Pipeline und könnten in der Schweiz bald zugelassen werden.
  • Die sekundär chronisch fortschreitende multiple Sklerose: Betroffene haben in der ersten Zeit der Erkrankung Schübe, die mit der Zeit immer weniger werden. Nach etwa zehn Jahren bleiben die Schübe ganz aus und die Krankheit geht über in einen schleichenden Verlauf, die Kontrolle über den eigenen Körper reduziert sich also stetig. Bis jetzt gibt es für diese MS-Form nur wenige Medikamente, die eingesetzt werden können.
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Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche, bislang unheilbare Erkrankung des zentralen Nervensystems. Aus bislang ungeklärten Gründen werden bei einigen Menschen die Immunabwehrzellen im Gehirn aktiviert, und statt im Körper Erkältungs- oder andere Viren zu bekämpfen, greifen sie die Schutzummantelung der Nerven, die sogenannte Myelinschicht, an (siehe Grafik unten). Eine Entzündung entsteht, und die Myelinschicht, die für den Informationsaustausch zwischen den Nerven eine zentrale Funktion hat, wird beschädigt. Unter Umständen wird auch der darunter liegende Nerv geschädigt und es kommt zu Beeinträchtigungen der regulären Körperfunktionen.

Was passiert bei Multipler Sklerose im Hirn?

Grafische Darstellung, wie Multiple Sklerose die Nerven schädigt.
Quelle: Anne Seeger / Quelle: Schweizerische Multiple-Sklerose-Gesellschaft

Diese Symptome können auf MS hinweisen

Weitere Informationen über Multiple Sklerose und Hilfe

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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