Vielleicht sind die Beine ja nur etwas schwer von der letzten Wanderung. Oder das Taubheitsgefühl in der Hand rührt daher, dass man in der Nacht ungünstig gelegen ist: Macht sich Multiple Sklerose erstmals bemerkbar, denken viele Betroffene nicht sofort daran, dass sie an einer unheilbaren Autoimmunerkrankung leiden könnten.

«Der Arzt glaubte, ich bilde mir die Empfindungsstörungen nur ein.»

MS-Betroffene

 

Ähnlich erging es auch einer heute 28-jährigen Aargauerin. «Kurz vor meinen Abschlussprüfungen in der Bezirksschule hatte ich während Wochen von der Brusthöhe her abwärts bis zu den Füssen keine Empfindungen mehr, habe Berührungen nicht mehr gespürt und hatte permanent ein Kribbeln in den Füssen», erzählt die Multiple Sklerose-Betroffene in der Sendung «Rehmann S.O.S.» auf SRF Virus.

Auch als die damals 15-Jährige immer wieder unkontrolliert Urin verlor Blasenschwäche Die Angst, dass es in die Hose geht , versuchte sie noch, dies mit anderen Ursachen zu rechtfertigen. Und ihr Hausarzt tat die Symptome als psychosomatische Reaktion ab. «Er glaubte, das komme von der Nervosität und ich bilde mir die Empfindungsstörungen nur ein.» Erst als sie während eines Sprachaufenthalts in Frankreich wegen einer Schwellung an den Lymphknoten notfallmässig ins Spital kommt, stellen die Ärzte die richtige Diagnose: Multiple Sklerose, kurz MS.

Jeden Tag eine neue MS-Diagnose

Dass nicht mal der Fachmann die Symptome richtig deutet, komme heute glücklicherweise nur noch selten vor, sagt Susanne Kägi, Co-Leiterin Beratung bei der Schweizerischen Multiplen Sklerose-Gesellschaft. «Die Ärzte sind heute zum Glück viel stärker auf die Krankheit sensibilisiert», sagt die gelernte Pflegefachfrau. Denn die Krankheit kommt häufig vor: Laut Hochrechnungen basierend auf dem zentralen MS-Register sind etwa 15'000 Personen von dieser unheilbaren Nervenkrankheit betroffen. Und jeden Tag kommt statistisch gesehen eine neue betroffene Person hinzu.

Einige Patienten kämen heute durch Googeln teilweise sogar selbst darauf, dass die Symptome von MS herrühren könnten und gehen darum schneller zum Arzt als noch vor einigen Jahren, so Kägi. «Gerade bei der schubförmig wiederkehrenden Multiplen Sklerose hilft eine frühe Diagnose, um mit Medikamenten möglichst einer Schädigung des Gehirns vorzubeugen», so die Fachfrau.

Diese Formen von Multipler Sklerose gibt es

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei verschiedenen Typen von MS:

  • Die schubförmig wiederkehrende Multiple Sklerose: Für diese Form typisch sind plötzlich auftauchende Beschwerden, die einige Tage bis Wochen andauern und danach (häufig) wieder vollständig verschwinden. Patienten mit dieser MS-Form werden mit entzündungshemmenden Medikamenten behandelt, um eine Schädigung der Nerven zu vermeiden.
  • Die progrediente Multiple Sklerose: Patienten, die an dieser MS-Form leiden, erleben keine Schübe, sondern eine schleichende, aber stetige Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Bislang gibt es für Betroffene mit diesem Krankheitsbild kein Medikament. Einige Arzneien sind aber gemäss Kägi bereits in der Pipeline und könnten in der Schweiz bald zugelassen werden.
  • Die sekundär chronisch fortschreitende multiple Sklerose: Betroffene haben in der ersten Zeit der Erkrankung Schübe, die mit der Zeit immer weniger werden. Nach etwa zehn Jahren bleiben die Schübe ganz aus und die Krankheit geht über in einen schleichenden Verlauf, die Kontrolle über den eigenen Körper reduziert sich also stetig. Bis jetzt gibt es für diese MS-Form nur wenige Medikamente, die eingesetzt werden können.

Multiple Sklerose: Krankheit mit 1000 Gesichtern

Circa 80 Prozent der Patienten erhalten die Diagnose zwischen ihrem 20. und 40. Lebensjahr. Doch auch Kinder und Jugendliche können an MS erkranken (circa drei bis zehn Prozent), auch bei Personen über 40 Jahren könne die Krankheit auftreten, sagt Kägi. Auffallend ist, dass Frauen fast doppelt so häufig an Multipler Sklerose erkranken wie Männer. Warum, ist bislang nicht klar. Forscher vermuten, dass die weiblichen Hormone einen Einfluss haben. Auch über die Ursache der Krankheit weiss man bis heute wenig. Man vermutet, dass sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

Bei einer Multiplen Sklerose greift das Immunsystem die Nerven an, wodurch es zu Beeinträchtigungen verschiedener Körperfunktionen kommt (siehe Infobox unten «Was ist Multiple Sklerose?»). Da sich Multiple Sklerose durch eine Vielzahl von Symptomen äussert, wird sie auch die Krankheit mit den 1000 Gesichtern genannt. Diese Anzeichen reichen von einer Sehschwäche oder Doppelbildern beim Sehen über Sprech- und Schluckstörungen, Empfindungsstörungen bis hin zu Müdigkeit oder Gedächtnisstörungen (weitere Symptome siehe auch Infobox «Diese Symptome können auf MS hinweisen»).

Viele Tests notwendig für Diagnose von MS

Um die Autoimmunerkrankung zu diagnostizieren, schliesst der Arzt in einem ersten Schritt andere Erkrankungen aus. Er untersucht beispielsweise über die Blutwerte, ob keine Entzündung vorliegt. Dann überweist er den Patienten an einen Neurologen.

Dieser testet die Funktion der Augen, der Hirnnerven (mit einem sogenannten «Idioten-Test»), die Muskelkraft, aber auch, ob der Patient genügend auf Berührung, Temperatur und Schmerzen reagiert. Auch eine Magnetresonanztomographie (MRI) gehört heute standardmässig zum Diagnoseverfahren, ebenso wie die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor), das durch eine Rückenmarkpunktion gewonnen wird.

Jeder MS-Betroffene braucht massgeschneiderte Behandlung

Steht die Diagnose MS eindeutig fest, werde gemeinsam mit dem Patienten ein passender Therapieplan erarbeitet, sagt Susanne Kägi von der MS-Gesellschaft. «Das beinhaltet sowohl, das passende Medikament für den Betroffenen zu finden, als auch paramedizinische Betreuung, etwa über eine Physio-, Ergo- oder auch Logotherapie.» Und auch Angehörige würden häufig in solche Beratungsgespräche mit einbezogen. «MS betrifft nicht nur den Patienten selbst, sondern mit fortschreitender Krankheit sehr stark auch dessen Umfeld.» Daher sei es wichtig, auch dessen Bedürfnisse, Möglichkeiten und Grenzen ernst zu nehmen.

Einige MS-Betroffene haben das Bedürfnis, neben der Schulmedizin ergänzend etwas zu tun. «Viele suchen das in der Komplementärtherapie Akupunktur Nadelstiche als Wundermittel », sagt Kägi. Zwar gebe es bei komplementären Behandlungsmethoden keine exakten wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit. Aber die Nachfrage nach alternativen Therapien sei gross. «Wichtig für Betroffene ist, dass sie sich gut informieren und ihren Therapeuten sorgfältig aussuchen.» Dabei sollte man auf eine fundierte Ausbildung achten und darauf, dass der Therapeut einer entsprechenden Fachgesellschaft angehört.

«Für MS-Patienten besonders wichtig ist, dass sie nicht an eine extreme Person geraten, die die Schulmedizin verteufelt – das macht es am Ende für die Betroffenen schwierig, sich an Therapieempfehlungen zu halten, wenn diese sich gegenseitig widersprechen.» Die Fachfrau rät zudem, vorgängig mit der Krankenkasse die Kostenübernahme Helsana Wenn Patienten plötzlich selbst zahlen müssen zu prüfen.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche, bislang unheilbare Erkrankung des zentralen Nervensystems. Aus bislang ungeklärten Gründen werden bei einigen Menschen die Immunabwehrzellen im Gehirn aktiviert, und statt im Körper Erkältungs- oder andere Viren zu bekämpfen, greifen sie die Schutzummantelung der Nerven, die sogenannte Myelinschicht, an. Eine Entzündung entsteht, und die Myelinschicht, die für den Informationsaustausch zwischen den Nerven eine zentrale Funktion hat, wird beschädigt. Unter Umständen wird auch der darunter liegende Nerv geschädigt und es kommt zu Beeinträchtigungen der regulären Körperfunktionen.

Diese Symptome können auf MS hinweisen

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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