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SchwindelWenn die Welt sich plötzlich dreht

Hinter Schwindel können Panikattacken stecken, aber auch Ohrensteinchen, die sich aus ihrer Verankerung lösen. Bild: Getty Images

Schwindel tritt in ganz unterschiedlichen Formen auf und hat verschiedene Ursachen: Er kann harmlos sein – aber auch auf eine ernste Krankheit hindeuten.

von Vera Sohmeraktualisiert am 2017 M09 07

Schwindel ist weit verbreitet. Er ist nach Schmerzen der zweithäufigste Grund, warum Patienten zum Arzt gehen. Schätzungen zufolge klagt jeder zehnte Patient beim Arzt über Schwindel oder Benommenheit. Die weit verbreitete Ansicht, er sei vor allem ein Problem älterer Menschen, stimmt nicht. Schwindel, in der Fachsprache Vertigo, kommt auch bei Jugendlichen vor.

Die Spur führt meist ins Innenohr

Schwindel an sich gilt nicht als Krankheit, sondern ist ein Symptom diverser Krankheiten. Und: Er ist immer ein Hinweis darauf, dass das Gleichgewichtssystem gestört ist. Dafür ist der Grund manchmal klar und harmlos, etwa bei einer Achterbahn- oder Karussellfahrt. Werden die Sinnesorgane bewusst gereizt, ist es kaum verwunderlich, dass sich im Kopf alles dreht und man – wieder auf festem Boden – taumelt wie betrunken.

Auch bei der Reisekrankheit, dem Bewegungsschwindel, ist die Ursache leicht zu erklären: Die Gleichgewichtsorgane im Innenohr registrieren Bewegung, während der Passagier im Auto, Schiff oder Zug ruhig dasitzt. Dies verwirrt das Gehirn und kann Schwindel und Übelkeit auslösen. Vor allem Kinder sind davon betroffen.

Wenns wiederholt passiert: zum Arzt

Manchmal aber kommen Schwindel­attacken wie aus heiterem Himmel: Der Boden scheint zu schwanken, vor den Augen wird es schwarz. Betroffene fühlen sich, als würden sie auf Watte gehen oder in die Tiefe gerissen. Sie sind benommen und orientierungslos. Als ob das alles nicht bedrohlich genug wäre: Zusätzlich belastend ist die Unsicherheit, ob es sich um eine Unpässlichkeit handelt oder hinter der Attacke eine Krankheit steckt.

Das kann wirklich der Fall sein: Erkrankungen im Innenohr, Durch­blutungsstörungen etwa, können das Gleichgewichtssystem beeinträchtigen, aber auch Durchblutungsstörungen im Gehirn, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Stoffwechselerkrankungen, Nervenentzündungen, psychische Leiden oder Nebenwirkungen von Medikamenten.

Wer Klarheit will, sollte zum Arzt ­gehen. Insbesondere dann, wenn der Schwindel aus unerfindlichen Gründen spontan aufgetreten ist und anhält. Oder wenn er wiederkommt und andere Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bewegungs-, Koordinations-, Seh- oder Sprechstörungen hinzukommen. Erste Anlaufstelle ist immer der Hausarzt. Er überweist Patienten an Spezialisten wie Augenärzte, HNO-Ärzte, Neurologen, Internisten oder fachübergreifende Schwindelzentren.

Die Vielfalt der Ursachen kann die Diagnose aufwendig und schwierig machen. Und nicht alle Schwindelarten lassen sich heilen, so zum Beispiel der folgenschwere Morbus Menière. Eine der häufigsten Schwindelarten ist hingegen leicht zu erkennen: der Lagerungsschwindel, der sich ebenso einfach beseitigen lässt.

Morbus Menière

Symptome
Typischerweise drei Symptome: Drehschwindel mit Übelkeit und Erbrechen, Ohrensausen auf einer Seite oder Druck im Ohr, einseitige Schwerhörigkeit.

Ursache
Ein Überdruck im Innenohr. Normalerweise fliessen hier zwei verschiedene Flüssigkeiten in zwei verschiedenen Systemen. Zu viel Flüssigkeit lässt die Systeme durchlässig werden. Vermischen sich die beiden Flüssigkeiten, bringt dies das Gleichgewichtsorgan durcheinander. Die Anfälle können mehrmals pro Woche auftreten.

Behandlung
Bettruhe beim akuten Anfall. ­Medikamente lindern die Anfälle und sorgen dafür, dass diese seltener vorkommen. Bei der Labyrinthanästhesie wird durch einen kleinen Schnitt im Trommelfell ein Medikament ins Ohr gegeben. Das Mittel betäubt das Gleichgewichtsorgan. Eine weitere Methode: Eine spezielle Injektion zerstört das Gleichgewichtsorgan teilweise oder ganz.

Nur noch selten wird heute der Gleichgewichtsnerv durchtrennt. Vorher muss sichergestellt sein, dass die andere Seite den Gleichgewichtsverlust kompensieren kann. Die Erkrankung ist belastend und beängstigend. Manchmal empfiehlt sich psychologische Begleitung.

Morbus Menière

Lagerungsschwindel

Symptome
Die Anfälle treten bei bestimmten Kopfbewegungen auf, wenn man sich hinlegt, im Bett umdreht oder aufsteht. Das Schwindelgefühl hält einige Sekunden an, kann aber auch bis zu einer Minute dauern. Der Lagerungsschwindel ist ungefährlich, aber lästig und kann über Jahre auftreten.

Ursache
Ohrsteinchen (Otolithen) lösen sich aus ­ihrer Verankerung und gelangen in die ­Bogengänge des Innenohrs, einen Teil des Gleichgewichtsorgans. Warum, ist nicht ganz geklärt. Es wird etwa vermutet, dass es sich um einen normalen Alterungsprozess handelt. Die Ablagerungen können aber auch die Folge anderer Erkrankungen sein, etwa wenn ein Gleichgewichtsorgan gestört ist.

Behandlung
Man wiederholt jene Bewegungen, die den Schwindel ausgelöst haben. Je öfter man das tut, umso schwächer wird das Schwindelgefühl. Spezielle Übungen beschleunigen die Heilung. Die Steinchen lassen sich so wieder an die richtige Stelle befördern. Die Techniken dazu kennt der Arzt. Er beobachtet zunächst die Augenbewegungen des Patienten, um den betroffenen Bogengang des Innenohrs zu bestimmen. Bei ­einem Rückfall lassen sich die Übungen auch zu Hause anwenden.

Lagerungsschwindel

Schwindel mit psychischer Ursache

Symptome
Die häufigste Form ist der phobische Schwankungsschwindel. Betroffene fühlen sich unsicher beim Gehen und Stehen, haben das Gefühl, in einem Lift zu fahren oder sich auf einem schaukelnden Schiff zu befinden. Der Schwindel kommt spontan in Situationen, die Angst auslösen: auf grossen Plätzen, unter vielen Menschen, in engen Räumen.

Ursache
Psychische Probleme wie Phobien, Psychosen, Panikattacken. Auch Depressive leiden oft unter Schwindel.

Behandlung
Der psychischen Krankheit auf den Grund gehen, sich ihr stellen, mit ihr umzugehen lernen: mit Psychotherapie, Verhaltenstherapie, Entspannungstechniken.

Schwindel mit psychischer Ursache

Schwindel beim Aufstehen

Symptome
Unangenehme Folgen, wenn man sich schnell aufrichtet: Im Kopf herrscht plötzlich totale Leere, den Boden scheint es unter den Füssen wegzuziehen, und vor den Augen wird es schwarz.

Ursache
Oft steckt eine sogenannte orthostatische Hypotonie dahinter, ein plötzliches Abfallen des Blutdrucks, vor allem im Stehen, manchmal auch im Sitzen. Auch bestimmte Medikamente können für dieses Schwindelgefühl verantwortlich sein – etwa Blutdruckmittel, starke Beruhigungsmittel, bestimmte Schmerz- oder Rheumamittel. Manchmal ist auch eine ernstere Krankheit der Auslöser, zum Beispiel Herzschwäche.

Behandlung
Auf jeden Fall die Ursache vom Arzt abklären lassen. Selber helfen können sich Betroffene, indem sie immer langsam aufstehen. Empfehlenswert ist auch, sich morgens etappenweise aufzurichten: Bleiben Sie einfach noch einen Moment auf der Bettkante sitzen. Wem nach Einnahme von Medikamenten schwindlig ist, sollte seinen Arzt informieren.

Schwindel beim Aufstehen

Ausfall eines Gleichgewichtsorgans

Symptome
Betroffene fühlen sich wie auf dem Karussell, das Gefühl kann mehrere Tage anhalten (Dauerdrehschwindel). Ihnen ist übel, sie müssen erbrechen. Sie fühlen sich un­sicher beim Gehen und Stehen, drohen umzukippen. Oft verstärken sich die Beschwerden bei bestimmten Bewegungen des Kopfes.

Ursache
Ausfall des Gleichgewichtsorgans auf einer Seite. Dafür kann eine Infektion verantwortlich sein oder eine akute Durchblutungsstörung im Innenohr, die auch den Gleichgewichtsnerv in Mitleidenschaft zieht. Mediziner sprechen von Neuritis vestibularis; ist das Gleichgewichtsorgan auf beiden Seiten gestört, von bilateraler Vestibulopathie. Sie kann mit Entzündungen im Gehirn zusammenhängen.

Behandlung
Hilfreich sind Übungen, mit denen sich das Gleichgewichtssystem wieder ins Lot bringen und die Koordination schulen lässt. Wie das geht, zeigen spezialisierte Physiotherapeuten. Die Übungen kann man nach einigen Sitzungen zu Hause anwenden.

Ausfall eines Gleichgewichtsorgans