Leserfrage: «Jedes Jahr zu Silvester mache ich mir voller Vorfreude eine Liste mit Dingen, die ich verändern möchte. Warum versanden diese Ideen spätestens im Februar?»

Gute Vorsätze fürs neue Jahr sind hilfreich. Nicht weil sie wirklich bessere Menschen aus uns machen, sondern weil sie eine Möglichkeit bieten, Bilanz zu ziehen. Sie geben unserem Leben Rhythmus, lassen uns hoffen und träumen und beleben uns (zumindest kurzfristig).

Und wenn der Wandel nicht gelingt: Nach Silvester ist vor Silvester.

Wir Menschen sind zu den unglaublichsten Dingen fähig. Wir bewegen uns im All, beschleunigen Teilchen oder laufen 100 Meter in 9,58 Sekunden. Aber einfach die Treppe statt den Lift zu nehmen oder ein schädliches Laster abzulegen, scheint fast aussichtslos zu sein. Selbst wenn es aus medizinischer Sicht dringend erforderlich ist, den Lebensstil zu verändern Psychologie Tricks gegen den Trott , schaffen es 90 Prozent nicht, langfristig weniger zu rauchen Rauchen Jetzt ist Schluss , zu trinken oder gesünder zu essen.

Doch obwohl wir immer wieder erleben, dass unsere guten Vorsätze scheitern, halten wir an ihnen fest. Der Philosoph Peter Sloterdijk nennt das Streben, sich immer weiter selbst zu verbessern und nicht im Status quo stecken zu bleiben, «Vertikalspannung».

Wir Gewohnheitstiere

Was ist es aber nun, was uns trotz aller Vertikalspannung rauchend, übergewichtig und unsportlich verharren Fitness Erste Schritte für Sportmuffel lässt? Schuld hat die Tatsache, dass wir bei der Planung unseres «neuen Lebens» die Art und Weise, wie unser Gehirn funktioniert Hirnforschung «Fordern Sie Ihr Gehirn, sonst schrumpft es» , nicht mit einbeziehen.

Der Mensch ist das, was er immer tut. Ein Gewohnheitstier. Gewohnheiten vereinfachen unser Leben. Sie machen oft Sinn und halten sich hartnäckig.

«Wer bewusst jeden Tag eine Kleinigkeit anders macht als üblich, ist wacher und aufmerksamer.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Gewohnheiten bilden sich durch Wiederholung. Wenn Sie nur einmal über eine Wiese laufen und das hohe Gras niedertreten, wird es sich wieder aufrichten – und Sie hinterlassen keine Spur. Wenn Sie aber den Weg immer wieder benützen, wird er zum Trampelpfad und dann zur Strasse. Diese wird Ihnen fortan nahelegen, immer wieder die gleiche Strecke zu benützen, auch wenn Sie versuchen, eine andere Route einzuschlagen.

Ähnliches geschieht im Gehirn. Neuronale Pfade werden ausgebaut, je öfter wir etwas tun. Mit jeder Wiederholung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man das Verhalten beibehält. Dennoch braucht es sechs bis neun Monate, bis ein neuer Pfad im Gehirn ausreichend vernetzt ist, um ein Verhalten zur stabilen Gewohnheit zu machen.

Unser Gehirn besteht grob aus 3 Teilen:

  1. dem Stammhirn, das Instinkte und Körperfunktionen steuert. Es ist entwicklungsgeschichtlich am ältesten. 
  2. dem starken limbischen System, das für Emotionen zuständig ist, unser Alltagsbefinden prägt und für Flucht oder Kampf zuständig ist. 
  3. und dem Neocortex, der für Vernunft, Logik und Planung zuständig ist.
     

Bei alltäglichen Entscheidungen wird der Neocortex, der uns zum Beispiel sagt, dass 2500 Kalorien pro Tag genug sind, hintertrieben vom limbischen System. Es lässt uns gegen alle Weisheit zum zweiten Stück Torte greifen, weil sie süss und schmackhaft ist und ohne Probleme noch reinpasst.

Gute Vorsätze sind also nicht wirkungsvoll, wenn sie allein auf Ideen des Neocortex beruhen. Sie müssen mit emotionalen, bildhaften Zielen verknüpft werden. Vernünftige «Weg von»-Verbote («Ich sollte die Flasche Wein heute nicht mehr leeren») nützen weniger, da sie sich für das limbische System nach Verlust anfühlen. Besser ist es, sich ein positives «Hin zu»-Bild vorzustellen («Ich wache morgen ohne Kater und Augenringe auf»).

Mit positiven Gefühlen fällt es einem leichter

Hinzu kommt: Man sollte lieber etwas Neues einführen als auf etwas Altes verzichten. Das heisst: Nichtrauchen erlernen ist leichter, als das Rauchen zu verlernen.

Forscher haben festgestellt: Wer bewusst jeden Tag irgendeine Kleinigkeit im Alltag anders macht als üblich, ist insgesamt wacher und aufmerksamer. Das hilft, nicht jedem Impuls aus Gewohnheit nachzugeben, sondern dem Neocortex und den positiven Alternativen eine Chance zu geben.

Denken Sie also am 1. Januar daran: öfter mal was Neues probieren, den Silvestervorsatz mit positiven Gefühlen laden und – üben, üben, üben …

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an: christine.harzheim@beobachter.ch oder per Post an:

Christine Harzheim
Beobachter
Postfach
8021 Zürich

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