«Jetzt reichts!», sagt Angela Müller (alle Namen geändert) zu sich selbst. Ihr Chef hat sie schon wieder vor dem ganzen Team blossgestellt, zum dritten Mal diese Woche. Dauernd hackt der Neue auf ihr herum, die Chemie zwischen ihnen stimmt rein gar nicht. Eine interne Versetzung wäre in der grossen Firma zwar kein Problem. Müller nimmt sich auch immer wieder vor, mit dem Anliegen zum Personalbüro zu gehen. Doch sie tut es nicht. Was ist los? Ist sie Masochistin?

Der Schrecken über schreiende Tiere sitzt Manuel Schmid noch in den Knochen. Vor dem inneren Auge sieht er ihre angstvollen Blicke, ihr Brüllen im Schlachthof hallt noch in den Ohren. Beim Ansehen der Fernsehbilder hat er sich geschworen, künftig kein Fleisch mehr zu essen. Drei Tage später sitzt er im Lieblingsrestaurant und isst, was er dort immer isst: Cordon bleu. Ist ihm das Schicksal der armen Schweine plötzlich wieder egal? «Nein», sagt er, «es ist wohl eher die Macht der ­Gewohnheit.»

Die Macht der Gewohnheit

Deren Macht ist tatsächlich immens. Immer wenn wir uns in gewohnten Gefilden bewegen und Automatismen abspulen, kann das Hirn auf bereits vorhandene Nervenverknüpfungen zurückgreifen und belohnt uns dafür mit körpereigenen Opiaten. Zudem werden Gewohnheitshandlungen in einer Hirnregion abgelegt, die sich der bewussten Kontrolle entzieht. Wir können sie ausführen, ohne wirklich darüber nachzudenken. Würde Manuel Schmid sich stattdessen auf die Menükarte konzentrieren, um ein ihm unbekanntes, vegetarisches Menü auszuwählen, würde das nicht mehr funktionieren. Auch die hirneigene Belohnung bliebe aus: Entscheidungsprozesse strengen unser Denkorgan mächtig an, da bleibt wenig Kapazität für anderes.

Nachhaltige Verhaltensänderungen brauchen deshalb mehr Einsatz als der vor dem Fernseher gefällte Entscheid, künftig kein Fleisch mehr zu essen, oder die kurze Empörung über den neuen Chef.

«Eigentlich ändert man sein Verhalten nur, wenn daraus Belohnungen folgen.»

Gerhard Roth, Hirnforscher

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Die Chancen, aus einem langjährigen Trott herauszufinden, sind auch damit eher gering. Laut dem deutschen Hirnforscher Gerhard Roth gibt es nur drei Methoden: Hirnwäsche, grosser emotionaler Aufruhr wie etwa eine schwere Erkrankung oder eine (neue) Partnerschaft, die sehr viel fordert. Meist aber bleibt nur die Veränderung in kleinen Schritten.

Denn auch die Psyche stellt uns Fallen auf dem Weg zu einem neuen Leben: Die gewohnten Pfade zu verlassen birgt Unsicherheit, weil man nicht weiss, was danach kommt. Und das löst in fast allen Menschen Un­behagen oder sogar Angst aus. Wer kann mir garantieren, dass ich mich nach der Versetzung im Job wohler fühle? Und kann eine rein vegetarische Ernährung tatsächlich gesund sein?

So bekämpfen Sie erfolgreich den Trott

  1. Daran glauben
    Je stärker Sie daran glauben, dass Sie die angestrebte Ver­änderung schaffen, umso besser stehen die Chancen, es tatsächlich zu packen. Dabei hilft, sich auszumalen, wie das ­Leben danach aussehen könnte. Oft hilft es zusätzlich, seine Gedanken schriftlich festzuhalten.

  2. Konkret bleiben
    Der Vorsatz, fortan «gesünder zu leben», ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil er in dieser Allgemeinheit nichts aussagt. Was wollen Sie konkret ändern, um gesünder zu ­leben? Sich mehr bewegen? Weniger ­Süsses essen? Auf Fleisch verzichten?

  3. Kleine Schritte machen
    Es reizt ­natürlich, mehrere Sachen auf einmal ­anzupacken. Die Gefahr des Scheiterns ist allerdings grösser, wenn man sich zu viel vornimmt. Besser: sich auf ­eine Sache konzentrieren oder sich der ­grossen Sache langsam annähern. Das nächste Ziel können Sie dann ins ­Auge fassen, wenn Sie das erste Projekt erfolgreich zu Ende gebracht haben.

  4. Sich Zeit geben
    Gewohnheiten sind nicht angeboren, sondern durch Übung erlernt. Das Gute daran: Man kann diese Gewohnheiten auch wieder «verlernen» respektive durch andere ersetzen. Fachleute gehen davon aus, dass es 20 bis 30 Tage dauert, bis sich die neuen Muster mehr oder weniger eingespielt haben.

  5. Auslöser erkennen
    Vieles in unserem Leben passiert automatisch: Wir stehen auf, duschen, putzen die Zähne, machen Kaffee. Eine Handlung löst quasi die nächste aus. Welche provoziert nun das Verlangen nach einer Zigarette, nach Schokolade oder nach zu schnellem Fahren? Nehmen Sie sich immer wieder vor, in der konkreten Situation anders zu handeln.

  6. Vorbereitungen treffen
    Weniger Süsses zu essen fällt bedeutend leichter, wenn Sie nichts Süsses mehr im Haus haben. Und ein wichtiges Gespräch führt sich leichter, wenn Sie es im Kopf oder mit ­einem Freund eingeübt haben.

  7. Andere einweihen
    Suchen Sie Verbündete, erzählen Sie anderen von Ihrem Plan. Das schafft (Erfolgs-)Druck. Zudem finden Sie so vielleicht jemanden, der die gleichen Pläne hegt – und mitmacht.

Die Babyjahre sind sehr prägend

Es hängt vor allem von frühkindlichen ­Erfahrungen ab, ob solche psychischen ­Widerstände überwunden werden können, stellt die Wissenschaft fest. Je sicherer und geschützter sich ein Kind in der ersten ­Lebensphase fühlt, umso leichter gelingen ihm im Erwachsenenalter Ablösungsprozesse und der Sprung ins Unbekannte.

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Etwa jeder Zehnte liebt es geradezu, sich immer wieder neu zu erfinden, wechselt mühelos den Wohnort oder den Job. Warum diese zehn Prozent so anders ­ticken als die Mehrheit, ist nicht abschlies­send geklärt. Vermutlich spielen neben den genetischen Anlagen auch hier frühe prägende Umwelterfahrungen eine Rolle.

Die übrigen 90 Prozent müssen sich Veränderungen hart erkämpfen und tendieren in der Regel dazu, erst mal abzuwarten. Auch Angela Müller zögert und beschönigt die Situation. Ihre jetzige Stelle habe auch Vorteile, sie kenne alle Abläufe, und sie könne die Kollegin nicht einfach im Stich lassen. Diese leidet unter dem Chef nämlich noch mehr als sie. Die Psychologie macht für dieses Zuwarten und Beschönigen das «psychische Immunsystem» verantwortlich: eine Art Schutzmechanismus, der uns das Leben nach einer Fehlentscheidung leichter machen soll.

Eine Masochistin ist Angela Müller deswegen nicht. Vielmehr funktioniert sie wie die grosse Mehrheit, die auch dann auf dem Status quo beharrt, wenn sie damit unzufrieden ist. Auch das hat seinen Grund in der Psyche: Wer sich unsicher fühlt, tendiert dazu, alles beim Alten zu ­lassen – selbst wenn (gesundheitliche) Nachteile resultieren. Einsicht allein genügt meist nicht. «Eigentlich ändert man sein Verhalten nur, wenn daraus Belohnungen folgen», sagt Hirnforscher Roth.

Wenn andere Druck aufsetzen

Oder wenn schwerwiegende Konsequenzen drohen. Als Angela Müllers Mann ihre ewig schlechte Laune nicht mehr aushielt und sie dringend bat, die Stelle zu wechseln, schaffte sie es schliesslich doch noch. «Die Angst, meinen Mann zu verlieren, war letztlich grösser als die Unsicherheiten beim Jobwechsel», sagt sie. Ein nahestehender Mensch, der einem sagt: «Du wolltest doch, also tu es!» – das ist laut Gerhard Roth einer der wichtigsten Meilensteine auf dem Weg zur Veränderung. «Allein klappt es fast nie, weil man zu früh aufgibt.»

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Schon Goethe kannte das Problem mit den guten Vorsätzen: «Man muss nicht nur wollen, man muss es auch tun!» Zwei Jahrhunderte später antwortete Sport­artikelhersteller Nike lakonisch: «Just do it.»

Wenn es nur so einfach wäre. Wir wissen zwar alle, dass mehr Sport besser wäre, dass es viele gute Gründe dafür gibt, sich ein wenig zu schinden: Joggen für die Ausdauer, Krafttraining gegen Rückenschmerzen, alles zusammen zur Vorbeugung gegen Depression und Burn-out, als Figur- oder gar Anbandelhilfe. Doch oft ist der Lockruf des Sofas einfach zu laut.

Viele Vorsätze scheitern im Stillen. Das Paar Laufschuhe in der Ecke, das noch aussieht wie damals im Verkaufsregal, oder die gestylte Schwimmbrille, die noch nie Wasser gesehen hat, tauchen in keiner Statistik auf. Doch wenn der gute Vorsatz darin besteht, ein Fitnessstudio zu besuchen, wird das Scheitern aktenkundig. Betreiber von Sportcentern kennen das Phänomen der vermehrten Abo-Neuabschlüsse kurz nach Neujahr. Und dennoch trainiert jeder vierte Aboinhaber weniger als einmal pro Woche. Dann lohnt sich das Abo nur für den Anbieter.

Wie finde ich das passende Fitnesscenter?

  • Im Alltag funktioniert nur, was praktikabel ist. Suchen Sie sich ein Fitnesscenter, das auf Ihrem Arbeitsweg liegt oder das Sie von zu Hause aus zu Fuss erreichen. Passen die Öffnungszeiten in Ihren Alltag?

  • Klären Sie Ihre Bedürfnisse ab. Möchten Sie zum Beispiel nach dem Training in die Sauna? Dann gehen Sie keine Kompro­misse ein und suchen Sie ein Center mit dem entsprechenden Angebot. Lassen Sie sich umgekehrt aber nicht von teuren, unnötigen Angeboten verführen. Eine Checkliste hilft, beim Gespräch beim Wichtigen zu bleiben. Auch Fitnesscenter-Mitarbeiter werden für Verkaufsgespräche geschult!

  • Klären Sie mit Ihrer Krankenkasse ab, unter welchen Bedingungen Sie eine Kosten­gutsprache erhalten und wie hoch sie ausfallen wird.

  • Vereinbaren Sie ein Probetraining, besser sogar zwei. Beim ersten soll das Personal alles Wichtige erklären. Beim zweiten trainieren Sie allein – jedes Gym hat seine Stimmung, die kann einem behagen oder auch nicht. Es ist wichtig, diese Stimmung in Ruhe auf sich wirken zu lassen, bevor man sich für ein Jahresabo entscheidet.

  • Kann man das Abo aussetzen? Wenn Sie länger abwesend sind, lohnt es sich, das Abo zu hinterlegen.

  • Klären Sie allfällige medizinische Probleme mit dem Arzt ab – er kann Ihnen sagen, ­worauf Sie beim Training achten sollten. Wählen Sie ein Center, das die entsprechende Betreuung bietet.
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Buchtipp

Gerhard Roth: «Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern»; aktualisierte und erweiterte Auflage, Klett-Cotta, 2015, 370 Seiten