Frage eines Lesers: «Warum schaffe ich es nicht, vom Rauchen loszukommen?»

Sie beschreiben, wie es damals war mit der ersten Zigarette. 15 waren Sie und verliebt. Unterwegs zusammen auf dem langen Skilift in einem Innerschweizer Skiort, es schneite so schön, und sie bot sie Ihnen an – eine Muratti 2000. Es hatte etwas Abenteuerliches, Verwegenes und Aufregendes. Geschmeckt hat diese erste Zigarette aber eigentlich nicht.

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Und doch wurde daraus rasch eine Gewohnheit – und dann eine Sucht. Zuerst heimlich, dann öffentlich und in den letzten Jahren wieder eher heimlich, weil Rauchen sozial immer weniger akzeptiert ist. Zigmal haben Sie versucht, ganz aufzuhören. Wegen der Kinder, der Partnerin, der Gesundheit, des Geruchs in den Kleidern, der Arbeit, der Langstreckenflüge.

Gründe gäbe es genug. Funktioniert hat es immer zeitlich begrenzt, mal nur ein paar Tage, mal ein paar Monate und einmal zwei Jahre. Daran änderten auch Nikotinpflaster und -kaugummis oder unterstützende Medikamente nichts.

«Bleiben Sie dran! Im Schnitt benötigen Raucher und Raucherinnen elf Anläufe.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

Nikotin hat sehr hohes Suchtpotenzial

Wie Ihnen geht es jeder vierten Person in der Schweiz. Bei den meisten beginnt der Konsum früh, und eine Sucht stellt sich meist innert Tagen oder Wochen ein. Das Suchtpotenzial von Nikotin ist sehr hoch – es ist vergleichbar mit dem von Kokain und Heroin. Nikotin aktiviert das Suchtzentrum des Gehirns innerhalb von Sekunden. Das Suchtzentrum entspricht unserem Belohnungszentrum und befindet sich in einer eher tief gelegenen und instinktiv veranlagten Hirnregion.

Der erste Zug an einer Zigarette ist für das Gehirn eigentlich identisch mit der Situation, als Sie als vierjähriger Knirps das erste Mal Schlittschuh liefen und der Vater Ihnen stolz auf die Schulter klopfte. Die meisten Raucherinnen und Raucher beschreiben einen entspannenden oder aktivierenden Effekt. Das stimmt so auch, scheint aber eher an der Oberfläche zu sein. Tiefer geht es um ein Gefühl von Verbundenheit und Sicherheit.

Was kann ich Ihnen raten?

Bleiben Sie dran. Durchschnittlich benötigen Raucherinnen und Raucher elf Anläufe Rauchstopp Was es braucht, um die Sucht zu bodigen . Es klappt also selten beim ersten, zweiten oder dritten Mal, und Ihre acht Anläufe relativieren sich so etwas. Nehmen Sie sich einen Nachmittag Zeit und setzen Sie sich vertieft mit Ihrer Verbundenheit mit Nikotin auseinander. In Ihrem Schreiben an mich haben Sie das ansatzweise ja schon getan. Wie war die erste Zigarette, was war der Kontext? Ab wann waren Sie süchtig? Welche Bedürfnisse deckte die Zigarette respektive das Rauchritual anfänglich ab, welche nach drei Jahren, nach fünf und nach zehn?

Fokussieren Sie dabei auf das Positive. Denn das Belohnungszentrum hält die Sucht aufrecht, nicht das Bestrafungszentrum. So etwas als Geschichte zu verschriftlichen, ist sinnvoll, weil sich Motivation und Gedachtes wieder verflüchtigen.

Lesen Sie das Geschriebene immer wieder und ergänzen Sie es. Allen Raucherinnen und Rauchern sind die gesundheitsschädigenden Effekte von Zigaretten bewusst, und sie leiden oft unter Selbstvorwürfen und Selbstentwertungen, weil sie nicht von der Sucht loskommen. Die Geschichte der eigenen Abhängigkeit zu lesen, hilft, diese in ihrer Komplexität zu verstehen und Selbstmitgefühl zu entwickeln. Das ist wichtig, wenn es Schädliches loszulassen gilt, das eben auch wichtige Bedürfnisse abdeckte.

Andere Wege der Achtsamkeit erlernen

Sie werden sich hier aber auch überlegen müssen, wie Sie die positiven Bedürfnisse anders abdecken können. Es tönt jetzt vielleicht etwas paradox, aber Rauchen hat auch etwas Achtsames. Eine Raucherin am Morgen auf dem Balkon nimmt für drei Minuten ihr Ein- und Ausatmen sehr bewusst wahr und ist sehr im Hier. Sie wird also ein neues Achtsamkeitsritual Achtsamkeit Wie Sie die innere Ruhe finden können benötigen. Suchen Sie sich einen Wegbegleiter. Es gibt Fachstellen, Selbsthilfeangebote, aber auch eine begleitende Psychotherapie kann eine gute Unterstützung sein.

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