Wissen Sie spontan, wie viel Sie monatlich für Ihre Telefonate ab Festanschluss bezahlen? Eben. Da ist man wie Klaus Guretzki erst mal überrumpelt, wenn man plötzlich einen Anruf bekommt, der billigeres Telefonieren verspricht. «Der Vertreter der Firma Primacall sprach von einer Zusammenarbeit mit der Swisscom – und dass ich billiger telefonieren könne, wenn ich dem Angebot zustimme», erzählt Guretzki. Er aber wollte das Angebot zuerst prüfen. Deshalb sagte er bloss Ja zu Unterlagen – und war bass erstaunt, als er kurz darauf eine «Auftragsbestätigung» erhielt. «Wir freuen uns, Ihren Umstellungsauftrag für die Einrichtung unseres Tarifs bestätigen zu können», schrieb Primacall dem verdutzten Guretzki.

Täuschung mit dem guten Namen Swisscom?

Die Primacall, seit Ende 2009 in Zürich domiziliert, ist nicht der einzige Telefonanbieter, über den sich Ratsuchende beim Beobachter informieren – und beschweren. Insbesondere zur Firma Talk Easy, seit Sommer 2009 in Zürich, hat das Beratungszentrum im letzten halben Jahr ungewöhnlich viele Reklamationen bekommen. Viele Ratsuchende erzählen ähnlich wie Edith Kramer: «Gleich zu Beginn des Gesprächs sagte der Talk-Easy-Vertreter, sie würden eng mit der Swisscom zusammenarbeiten. Deshalb dachte ich, es handle sich um ein günstigeres Produkt der Swisscom, und sagte Ja.» Erst die zugeschickten Unterlagen machten ihr klar, dass sie einen Vertrag mit einer andern Firma abgeschlossen hatte.

Absichtliche Täuschung oder klare Information? Über diese Frage streiten Swisscom und Talk Easy inzwischen vor Gericht. Wie Talk Easy weist auch Primacall den Vorwurf zurück, ihre Mitarbeitenden machten am Telefon irreführende Angaben über eine Zusammenarbeit mit der Swisscom. «Eine solche Praxis ist nicht in unserem Interesse, wir wollen mit der Swisscom in gutem Einvernehmen sein», sagt Emanuel Galic, Mediensprecher der Primacall.

Dass der Name Swisscom bei diesen Telefonfirmen auftaucht, hat einen gesetzlichen Hintergrund. Denn die Swisscom muss ihre Leitungen der Konkurrenz zur Verfügung stellen. Technisch funktionieren die Angebote von Preselection-Firmen nur auf der Basis des Swisscom-Anschlusses. Wer zu einem Preselection-Anbieter wechselt, erhält oft zwei Rechnungen pro Monat: eine von der Swisscom über CHF 25.25 für den Anschluss, die berühmte «letzte Meile», eine für die Gespräche von jenem Anbieter, bei dem er angemeldet ist. Das kann zum Beispiel Talk Easy oder Primacall sein.

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Lockvogel: Gratis ins Festnetz telefonieren

Doch auch nach der Erfahrung von Ralf Beyeler, Telekomfachmann beim Internetvergleichsdienst Comparis, verwenden Preselection-Anbieter das Wort «Swisscom» auffallend häufig in ihren telefonischen Werbegesprächen. «Wenn sie wegen der gesetzlichen und technischen Verbindung eine weitergehende Zusammenarbeit mit der Swisscom unterstellen, dann ist das täuschend», sagt Beyeler.

Billiger telefonieren – was hat es mit diesem Versprechen wirklich auf sich? Da man die «letzte Meile» weiterhin an die Swisscom zahlt, geht es bloss um die Gesprächstaxen. Preselection-Firmen bieten dafür verschiedene Tarifmodelle an – zum Beispiel eine bestimmte Anzahl Freiminuten oder Gratis-Telefonieren zu bestimmten Tageszeiten oder Monatspauschalen.

Mit solchen Pauschalen, auch Flatrates genannt, arbeiten Primacall und Talk Easy. Bei Primacall kann man zum Beispiel für CHF 19.95, bei Talk Easy für 19 Franken pro Monat so viel telefonieren, wie man will – aber nur ins Schweizer Festnetz. Alle anderen Anrufe – auf Handys, Business- oder Kurznummern sowie ins Ausland – werden ausserhalb dieser Paketpreise nach den jeweiligen Firmentarifen abgerechnet, Tarife notabene, die deutlich über jenen der grossen Anbieter liegen können. «Erst wenn man allein fürs Schweizer Festnetz deutlich mehr Gesprächskosten als 20 oder 30 Franken pro Monat hat, gibt es mit einem solchen Preselection-Anbieter Einsparmöglichkeiten», sagt Ralf Beyeler von Comparis. «Doch viele Kunden telefonieren gar nicht so viel.»

Plötzlich ist «gratis» nicht mehr kostenlos

Hinzu kommt eine weitere Einschränkung: Preselection-Verträge enthalten meist Mindestlaufzeiten. Sowohl bei Primacall wie bei Talk Easy ist man für die rund 19 Franken pro Monat mindestens 24 Monate an den Vertrag gebunden – ohne vorzeitige Ausstiegsmöglichkeit. Wenn man die Kündigungsfrist verpasst hat, erneuert sich der Vertrag gleich wieder um ein Jahr. Für Primacall wie Talk Easy liegt der Kundenvorteil darin, dass «der Kunde in dieser Zeit garantiert keine Preissteigerung erfährt», wie Heidrun Mayr von Talk Easy ausführt. Doch Experte Ralf Beyeler kritisiert: «Im Unterschied zum Handy-Abo, wo man für die Mindestlaufzeit immerhin ein Gratis-gerät bekommt, gibt es für die Rollover-Verträge dieser Preselection-Anbieter keine Gegenleistung.»

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Bezüglich Kosten lohnt sich auch noch ein Blick ins Kleingedruckte: Talk Easy verrechnet trotz Pauschale – «für 0,00 Rappen telefonieren Sie ins Schweizer Festnetz» – auf jedem aufgebauten Gespräch eine Verbindungsaufbaugebühr von 3 Rappen. Zudem verlangt Talk Easy für jede Rechnung CHF 1.80, wenn man nicht mit Lastschriftverfahren zahlt, und 2 Franken, wenn man eine Papierrechnung möchte. Primacall verrechnet für Mahnungen eine Taxe von mindestens 30 Franken.

Schliesslich gibt es noch einen weiteren Stolperstein. Wer einen Breitband-Internetanschluss über die Telefonleitung hat (zum Beispiel ADSL), ist in der Regel verpflichtet, mit demselben Anbieter zu telefonieren, kann also nur erschwert zu einem andern Anbieter wechseln.

Vielleicht bekommen deshalb auffallend viele ältere Leute solche Werbeanrufe – weil sie eher weniger ans Internet angeschlossen sind und deshalb der Wechsel zu einem andern Telefonanbieter sehr rasch möglich ist. Auf jeden Fall sind viele Senioren den Telefonverkäufern und ihrer Redegewandtheit ausgeliefert. «Meine Mutter hat am Telefon gar nicht richtig verstanden, worum es ging», sagt zum Beispiel Doris Zimmerli. «Sie hat am Schluss dann halt einfach Ja gesagt.»

Billiger telefonieren: Das müssen Sie wissen

  • Für einen Vertragsabschluss braucht es keine Unterschrift, ein mündliches Ja am Telefon reicht. Fragen Sie also genau nach, wozu Sie Ja sagen sollen, und reagieren Sie bei Missverständnissen sofort.

  • Vertragsabschlüsse am Telefon können innert sieben Tagen widerrufen werden, so die konsumentenfreundliche Auslegung des sogenannten Haustürgesetzes. Die Frist beginnt mit der schriftlichen Information über das Widerrufsrecht.

  • Primacall gewährt das Widerrufsrecht und wird – auf Anfrage des Beobachters hin – in ihren Auftragsbestätigungen nun neu auch darauf hinweisen.

  • Machen Sie den Preisvergleich richtig: Bei allfälligen Sparmöglichkeiten geht es vorab um die reinen Gesprächskosten ins Schweizer Festnetz. Nur schon Anrufe auf Handys sind bei Preselection-Anbietern teurer als etwa bei der Swisscom oder bei Sunrise. Wer oft ins Ausland telefoniert, findet bei Call-by-Call-Anbietern günstige Tarife. Dabei gibt man vor der Telefonnummer einen Code ein.

  • Nach einem Ja zum neuen Angebot und zum Anbieter erfolgt die Umstellung sehr rasch. Der alte Anbieter ist gesetzlich verpflichtet, den Kunden innerhalb von fünf Arbeitstagen freizugeben.
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Swisscom und Talk Easy im Rechtsstreit

Im Januar 2010 hat die Swisscom beim Zürcher Bezirksgericht Klage gegen Talk Easy eingereicht. «Mehrere hundert Kunden haben sich bei uns über unlautere Methoden der Talk Easy beschwert, das akzeptieren wir nicht», sagt Swisscom-Mediensprecher Olaf Schulze. Die Swisscom wollte einen raschen Entscheid. Mitte April hat das Gericht dem Begehren die Dringlichkeit abgesprochen; inhaltlich hat es den Vorwurf der Unlauterkeit nicht geprüft. Im Dezember hat die Swisscom dann eine Zivilklage beim Handelsgericht Bern eingereicht.

Talk Easy ist ihrerseits bei der Wettbewerbskommission (Weko) vorstellig geworden und hat dort eine Beschwerde gegen die Swisscom eingereicht wegen «unzulässiger Wettbewerbsbeschränkung». Sie wirft der Swisscom vor, Kundendaten missbräuchlich zu verwenden.