Die Rückkehr aus den Ferien birgt für viele Schweizer eine böse Überraschung: Die Handyrechnung kann schnell höher werden als die gesamten Reise­kosten. Jedenfalls wenn sie vergessen haben, das Datenroaming und die Combox auszuschalten.

Ein Deutscher müsste das nicht befürchten. Anders als in der Schweiz gibt es in der EU gesetzlich verankerte Preisobergrenzen für Gespräche, Textnachrichten und für das Surfen im Ausland. Schweizer zahlen für die Kommunikation im ­Ausland massiv höhere Gebühren als EU-Bürger. Vor allem wenn sie keine ent­sprechende Zusatzoption lösen oder kein Datenpaket kaufen.

Die EU-Kommissarin Neelie Kroes hat das Europäische Parlament sogar aufgefordert, die Roaminggebühren komplett abzuschaffen. Ende Juli will sie ihren Gesetzesvorschlag vorlegen, bis Ostern 2014 soll das Parlament diesen verabschieden. An die Abgeordneten gerichtet, sagte Kroes: «Ich möchte, dass Sie zu Ihren Wählern ­zurückgehen und sagen können, dass Sie in der Lage waren, Roaminggebühren ein Ende zu machen.» In der Schweiz scheinen weder Politiker noch Mobilfunkanbieter dazu in der Lage zu sein. Auch ein Erfolg von Kroes im EU-Parlament hätte keine ­direkten Konsequenzen für die Schweiz.

Schweizer zahlen bis zu 700-mal mehr

Ralf Beyeler, Telekomexperte beim Vergleichsdienst Comparis.ch, bezeichnet die Standard-Auslandstarife einiger Schweizer Anbieter schlicht als «Abzocke». Deutlich macht er das mit einem Beispiel zum Datenroaming. In Deutschland kostet das Herunterladen von 500 Megabyte via Sunrise mit bestimmten Abos atemberaubende 7500 Franken, via Swisscom 700 Franken. Wer bei Lidl eine lokale SIM-Karte für die gleiche Datenmenge kauft, zahlt zehn Euro. Um sie verwenden zu können, darf das Handy aber keine Nutzungs­be­schrän­kung durch SIM-Lock haben.

André Bähler von der Stiftung für Konsumentenschutz hofft, dass die Diskus­sionen in der EU Druck in der Schweiz erzeugen: «Ich gehe davon aus, dass die Anbieter ihre Tarife weiter senken, um eine drohende Regulierung zu verhindern.»

Vertreter der Telekombranche sind der Meinung, der technische Fortschritt werde eine Regulierung ohnehin überholen. ­«Eine Regulierung ist immer etwas Lang­sames, das Telekommunikationsgeschäft jedoch verändert sich rasch», sagt Annina Merk, Mediensprecherin der Swisscom.

Im Parlament ist das Thema Roaming ein Dauerbrenner. Zwei Motionen zur Gebührensenkung wurden vom Nationalrat mit überwältigendem Mehr angenommen – der Ständerat hat sie aber auf Eis gelegt. Daraufhin hat die zuständige Fachkommission den Bundesrat beauftragt, einen Bericht über die Entwicklung der Roaminggebühren zu verfassen. Bis Ende 2014 soll er vorliegen – erst dann will die Kommission entscheiden. Dennoch ist für ­Deborah Murith, Sprecherin des Bundesamts für Kommunikation, «politisch und technisch einiges in Bewegung» und «das Bewusstsein vorhanden, dass es Lösungen zugunsten der Kunden braucht».

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Als solche Lösung wird die örtliche An­bindung ans Netz (Local Break-out) gehandelt. Ab Sommer 2014 können Kunden im EU-Raum die Datenkommunikation – unabhängig vom Heimanbieter – über das Netz eines lokalen Anbieters abwickeln. Die Swisscom möchte ihren Kunden Local Break-out ebenfalls zur Verfügung stellen. Orange und Sunrise haben sich noch nicht entschieden.

Aus dem Weg schaffen würde die lokale Anbindung die hohen Gebühren aber nicht: Das Angebot bezieht sich nur auf Daten, nicht auf Gespräche und SMS.

Das Sprachroaming bringt hiesigen Mobilfunkanbietern das meiste Geld. 554 Millionen Franken sollen sie 2011 damit erwirtschaftet haben, rechnete das Bundesamt für Kommunikation hoch. Zählt man SMS-Roaming und Datenroaming hinzu, beträgt der Umsatz 845 Millionen Franken.

Während die Standardtarife für die Handynutzung im Ausland bei Sunrise und Orange seit zehn Jahren stagnieren, hat die Swisscom sie mehrmals gesenkt. Im Juli will sie die Gebühren für Daten erneut drücken. Dann wäre der Marktführer gemäss einem Vergleich von Comparis bis zu 16-mal günstiger als Sunrise und Orange.

Sunrise begründet den Rückstand bei den Roaminggebühren für Daten und Gespräche ­damit, dass mit jedem ausländischen Anbieter separate Ta­rife vereinbart werden müssten: «Die Swisscom hat im Roamingbereich ein höheres Volumen und damit eine bessere Verhandlungsposition», sagt Sunrise-Mediensprecher Tobias Kistner. Für den Comparis-Experten Ralf Beyeler ist das eine fadenscheinige Begründung: «Ich glaube nicht, dass die Einstandspreise so hoch sind, dass sie die aktuellen Tarife rechtfertigen.»

Vielmehr hätten die Anbieter «zwei Hüte an». Einerseits kaufen sie für Schweizer, die im Ausland telefonieren, dortige Leistungen ein. Anderseits verkaufen sie fremden Anbietern ihr Netz für Besucher in der Schweiz. «Dabei gilt natürlich das Prinzip: Wer mehr verkauft als einkauft, ist an möglichst hohen Preisen interessiert», so Beyeler. Die Swisscom hat in der Schweiz einen Marktanteil von 60 Prozent, muss sich somit für mehr Kunden in ausländische Netze einkaufen und ist also an tieferen Roamingpreisen interessiert. Bei Orange und Sunrise ist es umgekehrt.

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Damit künftig auch Schweizer von den Bemühungen der EU profitieren können, wäre es das Ein­fachste, die Schweiz würde die Gesetze der EU übernehmen. Das aber widerspräche den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO): Die EU müsste das Angebot an alle Mitglieder der WTO richten, nicht bloss an die Schweiz.

Ralf Beyeler von Comparis.ch sieht eine technische Lösung: Schweizer Firmen müssten in der EU eine Tochter gründen und mit ihr «doppelte» SIM-Karten herausgeben. Befindet sich die SIM-Karte in der Schweiz, gibt sie sich als Schweizer Karte aus, ansonsten als ausländische. Kunden müssten keinerlei Aufwand betreiben und würden wesentlich weniger bezahlen.