SVP-Nationalrat Gregor Rutz will Velofahrende stärker in die Pflicht nehmen. Seine Argumentation: Probleme mit ihnen nähmen vor allem in den Städten zu. Rüpel würden «bald regelmässig» Fahrverbote missachten, Rotlichter ignorieren, auf dem Trottoir fahren. Rutz fordert darum höhere Bussen für Velofahrende, eine obligatorische Fahrzeugplakette und notfalls sogar den Einzug der Velos von besonders renitenten Pedaleuren.

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Abgesehen davon, dass der Vorschlag in Zeiten der Klimakrise die falschen Anreize setzt, ist auch die Grundannahme falsch. Klar gibt es den einen oder anderen Rüpel auf zwei Rädern. Viele Leute in den Städten missachten Verkehrsregeln aber, weil sie sie gar nicht einhalten können. Velowege enden oft im Nichts, teilweise auf Trottoirs, oder existieren gar nicht erst. Radfahrende weichen bei neuen Tramsteigen auf den Gehweg aus, um nicht in den Schienen hängen zu bleiben, sie fahren auf Trottoirs, um bei den Baustellen in Städten ihr Leben nicht zu riskieren. Die Velo-Infrastruktur sei derzeit ein riesiger Flickenteppich, der das Velofahren unattraktiv und unsicher mache, sagt Mobilitätsexperte Thomas Sauter-Servaes von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Wirksame Konzepte

Möchte Gregor Rutz tatsächlich etwas für die Verkehrssicherheit tun, sollte er den Ausbau der Velo-Infrastruktur vorantreiben. Sie ist derart mangelhaft, dass sie alle Verkehrsteilnehmer – Autolenker, Zweiradfahrer, Fussgänger Kampf um Platz Velofahrer gegen Fussgänger gegen Autofahrer – in den Wahnsinn und in Unfälle treibt. Sogar Burgdorf, gemäss Pro Velo die velofreundlichste Stadt der Schweiz, erhielt in einer Umfrage nur mittelgute Noten.

Gute Infrastruktur für Velofahrende ist einer der wichtigsten Faktoren für Strassensicherheit, zeigte kürzlich eine Studie der University of Colorado Denver. In Städten mit komplett abgetrennten Velowegen gebe es 44 Prozent weniger Tote im Strassenverkehr als in Städten mit wenig geschützten Velowegen. Die Anzahl Schwerverletzte sei halb so hoch.
 

«Viele Leute in den Städten missachten Verkehrsregeln, weil sie sie gar nicht einhalten können.»

Caroline Freigang, Beobachter-Redaktorin


An Vorbildern für eine bessere Velopolitik mangelt es nicht: Velostädte wie Amsterdam und Kopenhagen Kopenhagen Wo das Velo regiert zeigen seit Jahren, welche Konzepte wirken. Dass dort viele täglich mit dem Velo zur Arbeit oder zur Schule fahren, ist nicht kulturell bedingt. Dem Ganzen gingen klare Entscheidungen voraus: Kopenhagen hat in den letzten Jahrzehnten massiv in ein Velonetz mit Wegen so breit wie Autospuren investiert. Die Velospuren sind durch niedrige Schwellen klar vom Trottoir und der Strasse abgegrenzt.

Mehr Platz für Velofahrende sorgt dort nicht für mehr Chaos, sondern für geregelten Verkehr. Auf den Velowegen herrschen klare Regeln: Rechts fährt, wer es gemütlich nimmt, links, wer überholt. Ergänzt wird das Ganze durch spezifische Velohandzeichen. Hand hoch bedeutet: Ich halte an – bitte überhole. Das führt zu einem derart geschmeidigen Verkehr, dass 75 Prozent der velofahrenden Dänen auch bei Schneesturm Schutz und Pflege Sicher mit dem Velo durch den Winter , Wind und Wetter auf zwei Rädern unterwegs sind.

In der Schweiz verweist man oft auf den limitierten Platz in den Städten. Doch auch Kopenhagen und Amsterdam arbeiten mit begrenzter Fläche in engen Innenstädten. Für eine nachhaltige urbane Mobilität in der Schweiz brauche es darum eine neue Verteilung der Verkehrsflächen E-Trottinette, E-Bikes & Co. «Wir müssen den Platz auf der Strasse neu verteilen» , ist Mobilitätsforscher Sauter-Servaes überzeugt. Autos müssten zwangsläufig Platz abgeben. 

Genau daher dürfte der Widerwille in der Politik stammen, grundlegend etwas zu ändern. Es stehen Privilegien auf dem Spiel: die der Autofahrenden – für die sich auch Gregor Rutz’ Partei einsetzt.

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