Beobachter: Die Schweiz stürzt nicht erstmals in eine Wirtschaftskrise. Wie gut ist sie gewappnet? Wie gross ist der Einbruch im historischen Vergleich?
Tobias StraumannEs hängt alles vom Zeitpunkt des Exits ab. Wenn die Behörden zu lange warten, kann es wie bei der letzten Finanzkrise sehr kostspielig werden. Einmalig ist, dass die Krise nicht vom Finanzsektor ausgeht, sondern von der Realwirtschaft.


Gibt es tatsächlich kein historisches Vorbild zum Lockdown beziehungsweise zu den Massnahmen des Bundesrates?
Auch in den beiden Weltkriegen hatte der Bundesrat weitgehende Vollmachten. Aber er hat selbst in der Kriegszeit nicht einen grossen Teil der Wirtschaft geschlossen. Bei der Spanischen Grippe von 1918 hat die Wirtschaft normal weiter funktioniert.

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Lassen sich aus frühen Krisen trotzdem Lehren ziehen für die aktuelle?
Die wichtigste Lehre ist, die Dynamik der Krise nicht zu unterschätzen. Im Moment besteht die Gefahr, dass man nur auf die Bundesbeiträge schaut und davon ableitet, man habe alles im Griff. Wie beim Virus kann es aber sehr schnell dazu kommen, dass eine Kettenreaktion in Gang kommt, die man kaum noch kontrollieren kann.

«Es kann zu einer Kettenreaktion kommen, die man kaum noch kontrollieren kann.»

Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker, Universität Zürich

Hat der Bundesrat schnell und stark genug reagiert und reichen die bisherigen Massnahmen mit Milliardenkrediten und Kurzarbeit?
Bisher hat es der Bundesrat gut gemacht. Die Massnahmen Corona-Krise So funktioniert die Bundeshilfe für KMU und Selbständige helfen, die Wirtschaft für einige Zeit zu stützen. Er muss aber am 19. April mit dem Exit beginnen, sonst besteht die Gefahr, dass die Krise aus dem Ruder läuft. Der Exit muss natürlich kontrolliert vor sich gehen und unter Einhaltung von strengen Gesundheitsvorschriften Covid-19 Wie schütze ich mich vor dem Coronavirus? . Zudem muss die Nationalbank das Bankensystem stützen und dafür sorgen, dass der Wechselkurs des Schweizer Frankens nicht plötzlich in die Höhe schiesst. Wir haben die Dynamik der Pandemie erfolgreich gebremst, jetzt kommt die nächste Phase

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Wie lange kann der Bundesrat diese Milliardenhilfe für die Wirtschaft durchhalten? Gibt es Grenzen?
Der Betrag ist nicht entscheidend. Der Bund kann auch 100 Milliarden Franken ausgeben. Das Problem ist die Komplexität der Krise. Solange keine Konkurswelle ausbricht, kann der Bund einen grösseren Wirtschaftseinbruch verhindern. Wenn diese Welle einsetzt, werden nicht nur die kurzfristigen, sondern auch die mittelfristigen Kosten enorm ansteigen.

«Die hohe Arbeitslosigkeit verschwindet nicht so schnell.»

Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker

Die Staatsverschuldung ist – im Vergleich zu allen OECD-Staaten – einmalig tief. Ist es tatsächlich so schlimm, wenn der Bund jetzt Milliarden aufnehmen muss – zumal wir ja Negativzinsen haben und er an den Schulden noch verdient? 
Ja, aber Schulden sind Schulden, auch wenn der Zinssatz tief ist. Sie werden unseren Spielraum bei der nächsten Krise stark einschränken, wenn wir das Gefühl haben, es spiele überhaupt keine Rolle, in welcher finanzpolitischen Verfassung wir aus dieser Corona-Krise herauskommen. Man sollte im Moment auch Steuererleichterungen zur Entlastung der KMU anstreben. Das grösste Risiko ist eine hohe Arbeitslosigkeit. Die verschwindet nicht so schnell.


Die Hypozinsen sind bereits gestiegen. Geht die Zeit der Negativzinsen zu Ende? Wird es wieder wie in den 80er-Jahren Inflation geben?
Nein. Aber die steigenden Hypozinsen zeigen, dass es sehr gefährlich werden kann, wenn die Wirtschaft sich nicht bald wieder erholt. Ein Einbruch auf dem Hypothekarmarkt wäre enorm kostspielig. In den 1990er-Jahren hatten wir ja wegen der damaligen Immobilienkrise eine lange Stagnationsphase mit recht hoher Arbeitslosigkeit.

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Kann die Schweizer Wirtschaft von dieser Krise auch profitieren?
Schwer zu sagen. Im Moment geht es vor allem darum, die grosse Konkurswelle und eine hohe Arbeitslosigkeit zu verhindern.


Internationale Kooperation oder nationaler Grenzschutz: Was ist effektiver, um die Corona-Pandemie sowie die Wirtschaftskrise zu bewältigen?
Das ist kein Widerspruch. Bei einer Pandemie muss man in der brenzligen Phase immer die Grenzen schliessen und die Reisefreiheit innerhalb des Landes einschränken. Die Weltwirtschaft – und damit die Schweizer Wirtschaft – kann sich nur erholen, wenn der Welthandel wieder reibungslos funktioniert.


Wird diese Krise die Rolle des Staats verändern?
In der Schweiz kaum. Wir werden aber mit höheren Schulden leben müssen, nicht nur beim Bund, sondern auch bei den Kantonen und Gemeinden. Ausserdem müssen wir die Arbeitslosenversicherung nachher sanieren. Finanzpolitische Diskussionen werden dadurch wieder wichtiger werden als vor der Krise, wo die Politik teilweise so tat, als könne man alles Wünschenswerte problemlos finanzieren.


China China auf dem Vormarsch Die Schweiz in den Fängen des Drachen hat radikal, Europa zögerlich, die USA mit Verspätung reagiert. Bewältigen autoritäre Staaten solche Krisen besser?
Überhaupt nicht. China hat miserabel reagiert, weil man keine offene Diskussion zuliess. Dadurch ging am Anfang viel Zeit verloren. China hat es ausserdem verboten, ausländischen Wissenschaftlern und Journalisten vollen Zugang zu den Daten zu geben. Hätte China besser mit dem Ausland kooperiert, hätte man viel Schaden vom übrigen Teil der Welt abwenden können.


Und die westlichen Demokratien Immer mehr Protestwahlen Wie ist die Demokratie noch zu retten? ? Sind Länder mit starkem Staat und Sozialsystem jetzt erfolgreicher als zum Beispiel angelsächsische Länder wie Grossbritannien oder die USA mit weniger ausgebautem Sozialstaat, die vielleicht aber wirtschaftlich flexibler agieren können?
Jedes westliche Land hat seine Stärken und Schwächen. Sicher ist, dass alle Länder die Krise erfolgreich bewältigen werden. Interessant ist, dass das eher zentralistische Schweden ein liberales Regime gewählt hat, während die dezentrale Schweiz sehr weitgehende Einschränkungen verordnet hat. Ich bin sehr gespannt auf die Bilanz, wenn alles vorbei ist.

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«Hätte China besser mit dem Ausland kooperiert, hätte man viel Schaden vom übrigen Teil der Welt abwenden können.»

Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker

Wird sich unsere jetzige Wirtschaftsordnung von dieser Krise erholen oder läutet die Coronakrise eine wirtschaftspolitische Wende ein, wie wir es nach der Ölkrise in den 70er-Jahren erlebt haben?
Ich glaube eher, dass sich die bereits vorhandenen Tendenzen verstärken werden. Das wichtigste Erbe der Krise wird fast überall in der Welt ein höherer staatlicher Schuldenberg sein. Das bedeutet, dass die Zinsen weiterhin tief bleiben müssen und die Steuern eher steigen als fallen.


Zum Schluss: Was lernt die Wirtschaft und die Gesellschaft – und was lernen wir durch die Coronakrise?
Man muss mehr Reserven bilden und gewisse Produktionskapazitäten in der Schweiz aufbauen, damit man im Krisenfall handlungsfähig bleibt. Gesellschaftlich wird das Bewusstsein für die Verwundbarkeit wieder steigen. Das ist heilsam, vor allem in einem Land wie der Schweiz, das wegen der Absenz von grösseren Krisen zu verlernen droht, dass es manchmal zu bösen Überraschungen kommen kann.

Zur Person

Tobias Straumann

Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich. Der 54-Jährige ist als Spezialist für Finanz- und Wirtschaftkrisen bekannt geworden.

Quelle: ZVG
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