«Kinder beherrschen das Trottinett oft erst ab der Mittelstufe»
Schneller in der Schule, aber auch sicher? Viele Eltern erlauben ihren Kindern das Trottinett für den Schulweg. Experten warnen jedoch.
Veröffentlicht am 8. März 2026 - 06:00 Uhr

Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit kann bei erhöhtem Tempo fatale Folgen haben.
1. Schnelligkeit gefährdet die Sicherheit
Was die Sicherheit angeht, sind sich die Fachorganisationen einig: Fahrzeugähnliche Geräte, kurz fäG, wie eben Trottis oder Miniscooter, haben auf dem Schulweg nichts verloren. Zumindest nicht im Kindergarten oder der Unterstufe. «Ich würde sagen, dass Kinder motorisch und entwicklungspsychologisch erst ab der Mittelstufe in der Lage sind, die Fahrdynamik eines fäG im Strassenverkehr richtig einzuschätzen und zu beherrschen», sagt Schulweg-Experte Pascal Regli von Fussverkehr Schweiz.
«Wenn Kinder mit erhöhter Geschwindigkeit unterwegs sind, sehen Automobilisten sie oft zu spät.»
Pascal Regli, Schulwegexperte
Die Zahlen geben ihm recht. Kinder sind zu Fuss im Kindergartenalter mit ein bis zwei Stundenkilometern unterwegs, später mit bis zu drei Stundenkilometern. Auf dem Trottinett erhöht sich ihre Geschwindigkeit um ein Vielfaches. Damit steigt auch die Unfallgefahr durch Stürze oder Kollisionen mit dem motorisierten Verkehr sowie die schwere der Verletzungen an.
«Wenn Kinder mit erhöhter Geschwindigkeit unterwegs sind, sehen Automobilisten sie oft zu spät», sagt Regli. Deshalb wird unter Anderem empfohlen, dass die Kinder bei der Querung der Strasse vom Gerät steigen sollen, um zu Fuss über die Strasse zu gehen.
Plattform Schulweg.ch lanciert
So entschärfen Sie die Gefahren auf dem Schulweg Ihrer Kinder. Auf der neuen Plattform Schulweg.ch melden Eltern brenzlige Stellen auf dem Schulweg ihrer Kinder. Die interaktive Karte macht das Problem sichtbar. Und das Beratungszentrum des Beobachters hilft dabei, es zu lösen.
Zwar verzeichnet die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) einen positiven Langzeittrend: Verletzten sich 1980 noch über 1700 Kinder schwer oder tödlich, sank diese Zahl gemäss dem aktuellen Bericht «Sinus 2025» auf 156 betroffene Kinder unter 15 Jahren. In der Altersgruppe der 15- bis 17-Jährigen hingegen zeigt sich seit 2021 ein deutlicher Anstieg. Die BFU-Zahlen stützen Reglis Warnung: Weil Kinder Gefahren oft entwicklungsbedingt noch nicht richtig einschätzen können, sind sie bei 60 Prozent der schweren Verkehrsunfälle die Hauptursache. Zudem passiert ein Drittel all dieser schweren Kinder-Unfälle ausgerechnet auf dem Schulweg.
2. Der Schulweg als Lernfeld und Freiraum
Der Schulweg ist mehr als eine Strecke von A nach B. Für viele Kinder ist er eine der wenigen Freiräume, in denen sie sich unbeobachtet entwickeln können. Ein immens wichtiges Lern- und Erlebnisfeld. Dass Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, ihnen damit schaden können, ist hinreichend bekannt.
Hat ein Scooter auf dem Schulweg denselben Effekt wie das Elterntaxi? Hier gibt der Schulwegexperte teilweise Entwarnung: «Gehen ist natürlich die ursprünglichste Form der Fortbewegung und macht auf dem Schulweg besonders viel Sinn, weil man dabei Gestikulieren, das Rad schlagen, reden, Hecken durchforsten, Konflikte austragen und Selbständigkeit lernen kann.»
Mit dem Miniscooter sei dies etwas eingeschränkter möglich. «Man muss sich konzentrieren und bremsen können. Auf dem Trottoir fährt man zudem eher hinter als nebeneinander.» Wenn Miniscooter allerdings im privaten Umfeld nicht als Fahrzeuge sondern als Spielgeräte eingesetzt werden, kann Pascal Regli ihnen nur Positives abgewinnen. «Wer seine Kinder mit Laufrädern, Trottinetts und anderen Geräten spielen lässt, fördert ihre motorische Entwicklung sehr. Später, wenn die Kinder alt genug sind, um mit dem Velo zur Schule zu fahren, kommt ihnen das zugute.»
3. Gehen hält gesund und fit
Kinder gehen den Schulweg durchschnittlich 3.1 Mal am Tag. Da kommen schnell einige Kilometer zusammen, die der kindlichen Gesundheit zuträglich sind. Und zwar auch dann, wenn die Kinder sie auf einem fäG zurücklegen. «Trottinettfahren ist eine aktive Mobilitätsform. Wer so unterwegs ist, übt eine relativ intensive Bewegung aus und hält sich damit fit», sagt Regli.
Allerdings weiss der Schulweg-Experte aus eigener Erfahrung: «Wenn die Strecke sich länger zieht, wird es unangenehm, sie mit dem Trottinett zurückzulegen, da man immer dasselbe Bein und die dieselben Muskelgruppen belastet. Ich finde das unbequem und anstrengend.»
Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst auf «schweizer-illustrierte.ch» erschienen.






