Es sind nicht selten tiefe menschliche Abgründe, die sich bei den Patientinnen und Patienten von Hartwig Uhl auftun. Schwere Depressionen, Traumata und Psychosen, Misshandlungen, Suizidversuche Suizidgedanken «Ich habe aus dem Loch gefunden» . «Es ist manchmal schwer zu glauben, was manche Menschen durchmachen müssen», sagt Uhl. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie führt seit 18 Jahren eine Praxis in Uster ZH. Er ist Spezialist für die Folgen von Traumata.

Seit letztem Jahr greife die Krankenkasse Helsana immer wieder stark in sein Behandlungssetting ein, sagt Uhl. «Die Abteilung Leistungskoordination, in Zusammenarbeit mit dem Vertrauensarzt, beeinträchtigt bei einigen Patienten die ärztlich notwendige psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung», so Uhl – vor allem bei zeitaufwendigen und kostenintensiven Fällen.

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Telefonate: gestrichen

So geschehen bei Thomas Schneider*, der unter schweren Kindheitstraumata leidet und mit Unterbrechungen seit 1997 bei Uhl in Behandlung ist. Uhl stellte im letzten Juni einen Antrag auf Kostengutsprache Krankenkasse Was, wenn die Kasse nicht zahlt? für weitere 20 Sitzungen. Im gewohnten Setting mit einer Einzeltherapie und einer Gruppentherapie alle zwei Wochen. Die Helsana strich die Gruppentherapie und die telefonischen Konsultationen. Die Einzeltherapie zweimal pro Monat wurde bis Ende Jahr bewilligt, für die Zeit von Januar bis Juni aber auf eine Sitzung pro Monat gekürzt.

«Das hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Ich fühle mich im Stich gelassen», sagt Schneider. Er verstehe, dass die Krankenkassen aufs Geld achten müssen, sagt der gelernte Autolackierer. «Aber es ist krass, dass Vertrauensärzte die Macht haben, anhand von Berichten meine Therapie willkürlich einzuschränken, ohne dass sie mich je getroffen haben.» Bei Menschen mit einem Beinbruch könne man leicht Prognosen abgeben, sagt der 43-Jährige. «Aber bei psychisch Kranken Vorurteile Psychische Krankheiten sind keine Einbildung wie mir ist dies schwierig.» Wenn die Helsana die Leistungen kürze, heisse das: «Sie haben das Gefühl, dass ich stagniere. Das gibt mir das Gefühl, abgeschrieben zu sein.»Besonders schlimm ist für Schneider, dass die telefonischen Konsultationen gestrichen wurden. Wenn er in einer Krisensituation kurzfristig mit seinem Psychiater sprechen möchte, muss er das nun selber bezahlen. Schneider, der seit Jahren keiner Arbeit nachgehen kann und eine IV-Rente bezieht, kann sich das nicht leisten. «Ich habe kein grosses soziales Netzwerk, das mich in schlechten Momenten auffängt. Es hilft mir, zu wissen, dass ich mich im Notfall an Doktor Uhl wenden kann.»
 

«Jährlich gibt es in mehr als 100 Fällen Probleme, die uns gemeldet werden.»

Fulvia Rota, Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

Lisa Weibel* ist ebenfalls Patientin von Hartwig Uhl. Sie litt an Magersucht, ist depressiv, suizidgefährdet und seit 17 Jahren bei ihm in Behandlung. Vor einem Jahr stellte Uhl für Weibel den Antrag, die Therapie fortzusetzen. Die Kostengutsprache wurde von der Helsana zunächst gutgeheissen – drei Wochen später aber widerrufen.

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Als Weibel Einsprache einlegte, wurde die Massnahme sogar noch verschärft. Für die Rentnerin ein katastrophales Signal: «Man nimmt mich und meine Krankheit nicht ernst. Ich bezahle meine Prämien wie alle anderen. Es ist nicht fair, dass die Krankenkasse mir so in meine Behandlung dreinredet.»

Sie sei oft nahe an einem Klinikaufenthalt Klinikaufenthalt Wann braucht es eine Vertrauensperson? gewesen, Uhl habe dem aber stets entgegenwirken können, sagt Weibel. «Dies hätte bestimmt mehr Kosten verursacht und mich noch weiter zurückgeworfen.» Auch sie hadert mit der gestrichenen telefonischen Behandlung. «Die hat mir Stabilität gegeben.» Sie könne nicht verstehen, warum das plötzlich keinen Sinn mehr ergebe. «Für die Kasse bin ich doch nur eine Ziffer auf einem Blatt. Es kümmert sie nicht, was sie mit ihrem Hin und Her bei kranken Menschen auslöst.»

An Weihnachten erhielt Lisa Weibel einen eingeschriebenen Brief. Sie wusste nicht von wem, hatte Angst, dass ihr auch noch die Wohnung gekündigt werde. Die 74-Jährige erlitt einen Zusammenbruch. «Das war alles zu viel für mich.» Später stellte sich heraus, dass der Brief von der Helsana stammte. Die Versicherung hatte rückwirkend die Kostengutsprache doch noch bewilligt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Weibel aber bereits bei der Kasse gekündigt. «Das ist doch reine Schikane», meint sie. Seither kämpfe sie mit Suizidgedanken. «Wenn es einem von allen Seiten so schwer gemacht wird, hat man irgendwann keine Energie mehr.»

Ignorierte Warnungen

Für Hartwig Uhl ist klar: «Die Helsana will kostenintensive Patienten und mich als ihren Psychiater loswerden.» Neben Schneider und Weibel hat die Helsana bei vier weiteren seiner Patienten die Kostengutsprache abgelehnt. In einem Fall musste eine Patientin in eine Klinik eingeliefert werden, obschon Uhl zuvor darauf hingewiesen hatte, dass die Frau unbedingt im aktuellen Setting weitertherapiert werden müsse. Sonst müsse man damit rechnen, dass sie erneut versuche, sich das Leben zu nehmen, oder vermehrt Suchtmittel Drogen legalisieren Wie schlimm sind Drogen wirklich? konsumiere. Das verursache hohe Kosten.Umgekehrt lässt sich mit erfolgreichen Therapien Geld sparen. Dies belegte Uhl mit Beispielen aus seiner Praxis. In einem Fall beliefen sich die jährlichen Behandlungskosten inklusive Medikamenten im Jahr 2012 auf 30'730 Franken. 2019 lagen sie noch bei 1810 Franken. Der Patient war bei der IV, heute verdient er selbständig seinen Lebensunterhalt.
 

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«Da könnte eine Strategie dahinterstecken.»

Hartwig Uhl, Traumaspezialist

Hartwig Uhl verfügt über viel Erfahrung. Vor seiner Praxistätigkeit leitete er als Oberarzt das Psychiatrische Ambulatorium der Klinik Hard in Bülach ZH. Er weiss von Kollegen, die «schwierige Fälle» nicht mehr annehmen. «Sie haben keine Lust auf diesen Kampf mit der Kasse», sagt er. «Aber wenn sich niemand mehr dieser Patientinnen und Patienten annehmen will, was wird dann aus diesen Menschen?» Uhl weiss von zwei Berufskollegen, die ähnliche Probleme mit der Helsana haben. «Da könnte eine Strategie dahinterstecken.»

Fulvia Rota ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie und für Fragen rund um Versicherungen zuständig. Mit den meisten Vertrauensärzten arbeite man gut zusammen, sagt die Psychiaterin. «Aber der Kommission werden jährlich mehr als 100 Fälle gemeldet, bei denen es mit den Versicherungen Probleme gibt.»

So komme es immer wieder vor, dass sie die Weiterführung einer Psychotherapie Psychotherapie Des einen Freud... ablehnen oder die Sitzungsfrequenz stark einschränken – trotz klarer medizinischer Notwendigkeit. «In die Sitzungsfrequenz einzugreifen ist rechtswidrig», sagt Fulvia Rota. Gemäss der Krankenpflege-Leistungsverordnung könne die Versicherung eine Behandlung bewilligen oder ablehnen, nicht aber den Modus vorschreiben.

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Wenn Kassen sich in eine Therapie einmischen oder diese ablehnen, habe das für die Patienten unweigerlich Konsequenzen. Das könne zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands bis hin zu Suizidalität führen, sagt Rota. «Bei manchen Patienten kommt das einer Operation am offenen Herzen gleich, die mitten im Eingriff abgebrochen wird.» Es dürfe nicht sein, dass ein Facharzt einen so grossen Teil seiner Ressourcen investieren müsse, um die Therapien bewilligen zu lassen.

Helsana klärt ab

Die Helsana will zu den einzelnen Vorwürfen nicht konkret Stellung nehmen, sondern schreibt nur: «Als Krankenversicherer sind wir von Gesetzes wegen verpflichtet, die Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit von medizinischen Leistungen zu überprüfen. Im Interesse des Versichertenkollektivs überprüfen wir auffällige Ärzte und Leistungsbezüge, indem wir das Behandlungssetting zusammen mit Vertrauensärzten mit entsprechender fachärztlicher Ausbildung genauer untersuchen. Wir können bestätigen, dass Abklärungen bei den von Herrn Dr. med. Uhl behandelten Patienten im Gange sind.»

Ausser bei Lisa Weibel korrigierte die Helsana kurz vor Weihnachten ihren Entscheid bei zwei weiteren Patienten und bewilligte die Kosten rückwirkend. Beide hatten die Kasse gewechselt . Auch Thomas Schneider blieb nicht. Die Belastung sei zu gross. 


*Name geändert

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