Das Messer am Hals – ein Barber will Männer zum Reden bringen
Ist ein Wartezimmer ein guter Ort, um über Männlichkeit und Gewaltmuster zu sprechen? Ein Projekt in Basel will genau das herausfinden.

Veröffentlicht am 5. März 2026 - 16:16 Uhr

Thomas Hinz, Inhaber Hinz & Kunst Haarkultur Basel, macht ein Gesprächsangebot zu männlichen Rollenbildern in seinem Barbershop.
Der Wartebereich des Barbershops soll zu einem Ort werden, an dem Männer über ihr Mannsein diskutieren. Das ist die Idee von «Barbertalks – s Mässer am Hals». Ausgebildete Berater für Gewaltfragen und Opferhilfe suchen vor Ort das Gespräch in einem Basler Barbershop – wenn die Kunden einverstanden sind. Das Ganze ist freiwillig, niemand wird überredet.
«Ein Coiffeursalon ist ein Ort des Vertrauens»
Die Aktion findet zunächst einmalig an einem Nachmittag Anfang Mai statt. Thomas Hinz, der Inhaber des Barbershops Hinz & Kunst Haarkultur, schneidet seit 30 Jahren Haare und Bärte. «Ein Coiffeursalon ist ein Ort des Vertrauens», sagt Hinz, «manche Stammkunden öffnen hier über die Jahre ihr Herz.»
Hinz weiss darum, dass Männer – und Frauen – mit Erfahrungen zu kämpfen haben, die sie aufwühlen. «Da sollten wir zuhören. Als Gesellschaft, aber eben auch hier, beim Coiffeur.» Sprechen seine Kunden von sich aus über Gewalt? «Nicht so explizit vielleicht, aber mit der Zeit erhält man ein Gespür für Subtext. Da reicht ein Blickkontakt über den Spiegel.»
Der Barbershop von Hinz gehört zum gehobenen Segment. Ein Haarschnitt für Männer kostet hier 60 Franken, mit Bartpflege sind es 100 Franken. Die Kundschaft ist durchmischt. «Kulturell und sozial bedienen wir eine grosse Bandbreite.»
Gewaltprävention mal anders
Männerberatung findet in der Regel hinter geschlossenen Türen statt. Mehrere Kantone haben Lernprogramme, in denen Männer freiwillig an ihrem Konfliktverhalten arbeiten können. Ein kleiner Teil wird von Behörden zugewiesen.
«Ziel ist es, mit Männern ins Gespräch über Rollenbilder und Gefühle zu kommen.»
Florian Hochstrasser, Sozialarbeiter
Das Gesprächsangebot bei Hinz & Kunst Haarkultur Basel setzt bewusst früher an. Weil es im Alltag stattfindet, nahe an den Leuten. Die Gespräche «fokussieren nicht nur auf Gewalt», erklärt der Sozialarbeiter Florian Hochstrasser vom Fachbereich Gewaltberatung Basel-Stadt. Im Mai findet in Basel die Aktionswoche «Halt Gewalt» mit unterschiedlichen Aktionen gegen häusliche Gewalt statt. Die Barbertalks sind eine davon.
«Ziel ist es, mit Männern erst mal ins Gespräch über Rollenbilder und Gefühle zu kommen», sagt Hochstrasser und macht Beispiele: Welche Erwartungen ans Mannsein tun dir gut? Welche nicht? Wie gehst du mit Angst um? «Es sind offene Fragen, manche grösser, andere banal.» Dass Gespräche im Wartebereich stattfinden, ist Teil des bewusst offenen Formats.
Das Konzept ist nur für die Schweiz neu. Weltweit haben Barber – wie der Australier Matt Brown – schon ihre Salons erfolgreich in Foren für Männlichkeit, Gewaltprävention und Stil verwandelt. Brown hat als Kind selber sexualisierte Gewalt erlebt. Als Barber und Autor hält er heute Vorträge und sensibilisiert erfolgreich für das Thema. Im Internet, aber auch ganz konkret, in seinem Laden. Solche Beispiele zeigen: Neue Wege der Gewaltprävention unter Männern können sich lohnen. Weil sie das Gespräch über Rollenbilder und problematische Verhaltensmuster an männlich konnotierten Orten normalisieren.
Bis jetzt ist Hinz & Kunst der einzige Basler Barber, der an der Aktionswoche mitmacht. Hinz hofft, damit auch eine Vorbildrolle einzunehmen und andere Betriebe zu ermutigen, sich künftig ebenfalls zu beteiligen.
- Halt Gewalt: Kampagne gegen häusliche Gewalt in Basel
- Oh Boy: Fachstelle für geschlechterreflektierte Jungenarbeit
- Update Männlichkeit: Workshops für Männer und Jugendliche
- Die Feministen 1: Scheisse finde langet nöd. Man(n) muss handeln
- Die Feministen 2: Rethink Masculinity Day am 8. April
- Übersicht über Lernprogramme gegen häusliche Gewalt: Basel, Basel-Landschaft, St. Gallen, Zürich
- Matt Brown: Der Barber, zu dem Männer gehen, um über Probleme zu sprechen



