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Kommentar zum Frauenstreik500'000 Frauen irren nicht

Nach dem Frauenstreik müssen sich Frauen für ihren Protest rechtfertigen. Genau das zeigt, wieso es ihn braucht. Ein Kommentar von Beobachter-Redaktorin Caroline Freigang.

Von Veröffentlicht am 04. Juli 2019

Der Frauenstreik war laut, flächendeckend und glasklar in den Forderungen. Unmöglich, ihn zu ignorieren. Trotzdem stellen Zweifler die Anliegen der Frauen Frauenstreik 5 Frauen erzählen, warum sie genug haben weiterhin in Frage. Ihr werdet nicht wirklich diskriminiert. Ihr habt doch alle Möglichkeiten, ihr müsst nur wollen. Selten habe ich mich derart häufig rechtfertigen müssen wie in den Tagen nach dem Streik, vor männlichen Freunden, Arbeitskollegen, Lesern. Und nicht nur ich: Viele Kolleginnen berichten Ähnliches.

Die Kritiker ignorieren Fakten und führen Ausweich-Diskussionen. Etwa über die Anzahl Streikende: «Haben in Zürich wirklich 160'000 Menschen demonstriert? Waren es nicht weniger?» Diese Diskussion ist absurd und lenkt vom Inhalt der Forderungen ab.

Eine weitere Taktik: Einzelfälle nennen. Anekdoten, die beweisen sollen, dass Frauen gar nicht diskriminiert werden. Schliesslich sei in Abteilung XY ihrer Firma eine Frau Chefin. «Ich ­habe Frauen nie diskriminiert», schreibt mir ein Leser und ehemaliger KMU-Chef. Das mag stimmen, bloss sagt das Verhalten einer Einzelperson nichts über die Zustände im ganzen Land aus.

Auch die Gründe sind bekannt

Einige Kritiker gehen zum Gegenangriff über: Sie hätten Frauen einstellen wollen. Keine sei bereit gewesen, einen verantwortungsvollen Job zu übernehmen. Besonders effektiv ist dieses ­Argument, wenn es Frauen äussern. Sie hätten Frauen für Führungspositionen Frauenstreik 2019 Wir sind gleich. Oder? gesucht, aber keine gefunden, hört man auch von Chefinnen.

Dabei sind die Ursachen längst bekannt. Frauen steigen seltener auf, wenn sie im ­Alleingang zwischen Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Haushalt und Beruf jonglieren müssen. Aus steuerlichen Gründen ist der Anreiz für verheiratete Frauen, als Zweitverdienerin Vollzeit zu arbeiten, minim. Und Teilzeitpositionen für Chefs sind rar. Es braucht bessere Rahmenbedingungen für alle. Frauen nach der Babypause weiterzubeschäftigen, ist noch lange keine Frauenförderung.

Doch manche drehen lieber die Beweislast um: Frauen, belegt erst mal, dass ihr mit eurem Protest richtig liegt. Dabei sind die Fakten auf dem Tisch. Frauen werden in vielen Bereichen diskriminiert Diskriminierung im Alltag Männer sind gleicher : beim Lohn Lohnungleichheit «Ich verdiene mehr als du!» , bei den Aufstiegsmöglichkeiten, der Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Es handelt sich gerade nicht um bedauerliche Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Problem, das beweisen die Statistiken.

«Erklärbar» heisst nicht «okay»

Der ultimative Trick der Zweifler: die Lohnfrage. In vielen ­Debatten geht es nur noch um die 7,7 Prozent – die unerklärbare Lohn­differenz zwischen Mann und Frau – und darum, ob die nicht auch erklärbar wären. Insgesamt beträgt die Differenz 18,3 Prozent. Aber bloss weil Frauen aus «erklärbaren Gründen» weniger verdienen – durch geringere Anzahl Dienstjahre oder Arbeit in Tieflohnbranchen –, ist das noch lange nicht okay. Wenn eine Frau weniger verdient, weil sie wegen Kindern eine Karrierepause einlegen musste oder Teilzeit arbeitet, ist das störend.

Um dieses Problem zu lösen, müssten Jobs in Tieflohnbranchen aufgewertet werden – auch für Männer. Und es muss verhindert werden, dass Frauen aus dem Beruf scheiden. Es braucht eine Elternzeit für Mütter und Väter Vaterschaftsurlaub Auch kleine Firmen könnten von der Papi-Zeit profitieren und eine bessere Kinderbetreuung, damit Frauen nicht für eine «Babylücke» im CV bestraft werden.

Warum aber versuchen viele Männer und manche Frauen krampfhaft zu beweisen, dass es keine Diskriminierung gibt? Jede achte Frau in der Schweiz ist am 14. Juni auf die Strasse gegangen. Ihnen die berechtigten Anliegen mit billigen Argumenten auszureden, ist ein pein­licher Affront. Und er legt den Schluss nahe: Die Zweifler haben Angst, etwas zu verlieren. Privilegien, Positionen, höhere Löhne.

Es ist symptomatisch: Männer entscheiden immer noch, welche Anliegen Frauen haben dürfen. Das muss sich ändern.

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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Veröffentlicht am 02. Juli 2019

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RBaumgartner

Doch, es ist "okay", wenn jemand weniger verdient, weil er/sie beispielsweise eine schlechtere Ausbildung hat oder weniger Berufserfahrung. Beides kann sich in seiner/ihrer Arbeitsleistung äussern - und die zählt am Ende des Tages.
Es sind nun mal nur die Frauen, welche die Kinder bekommen. Ein Streit darüber, ob das fair ist, erübrigt sich. Dass nun ausgerechnet Frauen soziale Errungenschaften, wie das Arbeitsverbot nach der Geburt bzw. den Mutterschaftsurlaub anprangern, Schuld am Karriereknick zu sein, ist störend. Gänzlich unverständlich ist es, wenn Frauen für Männer einen Vaterschaftsurlaub fordern. Damit zementieren sie nur die Vollzeitpensen der Männer. Wieso sollte ein Mann nach der Geburt seines Kindes Teilzeit arbeiten, eine längere Auszeit nehmen oder gar seine Karriere für ein paar Jahre unterbrechen - wenn doch nun der Staat signalisiert, dass es reicht, wenn er seinen Vaterschaftsurlaub bezieht?

Es steht jeder Frau frei, in Hochlohnbranchen zu arbeiten und verantwortungsvolle Jobs zu übernehmen. Wenn sie Kinder will, soll sie sich einen Mann zutun, der bereit ist, diese Kinder alleine oder gemeinsam aufzuziehen. Dann steht einer Karriere nichts mehr im Weg. Und wenn das Frauen-Rentenalter auf der Höhe des Männer-Rentenalter ist, dann verschwinden auch die 7.7 % bisher unerklärten Lohndifferenzen. Der Arbeitgeber wird mehr (Lohn, Weiterbildung) in die Frau investieren, weil sie länger bleibt.

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