Jede Trennung hat ihre eigene Begleitmusik – diesen einen Song, der während der dunklen Zeit rauf und runter lief. Deshalb fragen wir die Protagonistinnen und Protagonisten in unserem Format «Schöner scheiden» nach ihrem «Lied zum Leid».

Zum Ende von Hannahs Liebe zu Tim spielte «Melancholy Hill» von den Gorillaz.

Und als Manuel, 43, spürte, dass seine Ehe ins Wanken geriet, fand er Zuversicht in den Reimen von Curse (mit Silbermond):

Es gibt Songs, die Tränen trocknen, und solche, die sie erst recht fliessen lassen. Der eine sehnt sich nach einer klanglichen Umarmung, um sich in Wehmut und Verlorensein zu suhlen. Die andere braucht eher ein musikalisches Schulterklopfen – ein «Kopf hoch!», das den Tritt wieder ein wenig federn lässt.

Wir haben uns in der Redaktion umgehört. Hier sind die Beats, zu denen wunde Beobachter-Herzen schlagen:

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«Frühling 1995, ich war knapp 16 Jahre alt und verliebt in einen Kollegen aus dem Konfirmandenunterricht. Ich konnte es kaum erwarten, bald im Konflager in Frankreich viel Zeit mit meinem Schwarm zu verbringen.
Kurz vorher kam der Song heraus, der oft in meinem Walkman lief. Im Lager träumte ich eines Nachts, dass mein Schwarm und ich zusammenkämen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und erzählte es ihm. Seine Antwort: ‹Das wird auch nur ein Traum bleiben.› Meine Welt brach zusammen, ich war wochenlang niedergeschlagen. Passend dazu die Liedpassage: ‹shattered dreams›.»

Olivia Raths, 46, Korrektorin
 

«Ganz allein fahre ich 2012 ans andere Ende der Welt – nur um festzustellen, dass mein Liebeskummer mitgereist ist nach Costa Rica. Ich sitze an einem traumhaften weissen Strand und bin todunglücklich. Ich höre diesen Song – der alles sagt. Ich schreibe einen Namen in den Sand, sehe zu, wie die Wellen ihn wegwaschen, und wünschte, es wäre so einfach: Eine Welle – und die hinterlassenen Spuren sind verschwunden.»

Lena Berger, 39, Blattmacherin

«Jacques Brel, Juliette Gréco, Charles Aznavour – meine welsche Studienliebe entführte mich in die Welt des französischen Chansons. Und auch sonst: quer durch Europa. Mit einem gemieteten silbernen Jaguar fuhren wir ein Wochenende nach Madrid, ein anderes nach Brüssel oder Amsterdam. Alles im Auftrag seines Arbeitgebers, eines Callcenters. In all den Städten haben wir dann aber keine Callcenter besucht. Wir haben in Hinterhöfen und auf Parkplätzen Festplatten an Männer übergeben, die wir nicht kannten. War dies erledigt, schauten wir uns Sehenswürdigkeiten an und kehrten danach per Flugzeug wieder nach Zürich zurück. O Gott. Rückblickend bin ich überzeugt, dass wir da – unbewusst! – irgendetwas Kriminelles gemacht haben. Na ja. Immerhin funktioniert Karma. Die Beziehung zerbrach nach zwei mickrigen Semestern und unter Tränen. Zurück blieb das Chanson.»

Katharina Siegrist, 45, Redaktorin

«Skilager 1998 auf der Engstligenalp, am Schlepplift: Der Song lief in meinem Walkman. Ich war 19, sie ein paar Jahre älter und eigentlich vergeben. Alles war kompliziert und aufregend. Ich wär beinahe zu ihr nach Paris abgehauen, statt ins Skilager zu fahren. Das war zwar nur ein sehr vager Plan, aber rückblickend too close for comfort. Am Ende gings schief, aber die Erinnerung an diese fiebrigen Wochen möcht ich nicht missen.»

Balz Ruchti, 47, Redaktor

Und dein Lied zum Leid?

Welcher Song hat dich durch eine Trennung oder bittersüsse Zeiten begleitet? Erzähle es uns hier oder schreibe es in die Kommentare.

«Mein Ex-Freund hatte nie viel übrig für Musik. Damals fand ich das schade, nach der Trennung war ich froh darüber. Als wir vor acht Jahren unser Zuhause auflösten, nahm ich alle Schallplatten mit. Die Bands gehörten mir – ich brauchte sie! Zum Trauern, als Mutmacher, fürs Selbstmitleid. Wenn ich ‹Spanish Sahara› von den Foals höre, sehe ich mich in einer neuen, leeren Wohnung sitzen. Ohne Gerüche, Erinnerungen, Vergangenheit. Mit der Hoffnung, dass es wieder gut kommt. So, wie das alle immer sagen. ‹Forget the horror here, leave it all down here. It’s future rust, it’s future dust.›»

Jasmine Helbling, 35, Redaktorin

«Am Text kann es nicht liegen, der ist – sagen wir mal – maximal simpel: ‹Sometimes I feel so happy, sometimes I feel so sad.›
Die Melodie? Maximal reduziert, lakonisch. Die Gesamtwirkung? Maximal! Heisse Tage in italienischen Zügen, Interrail-Ferien in jugendlichen Sturm-und-Drang-Zeiten. Den Blick nicht losgekriegt von ihren blassblauen Augen. Und die Gedanken an sie nicht, als der Sommer längst vorbei war. ‹Linger on your pale blue eyes.›»

Daniel Benz, 62, Redaktor

«2020 war ich für drei Monate in London, um mein Cambridge-Diplom zu machen. In der Sprachschule lernte ich einen Franzosen kennen, ein paar Jahre älter als ich und frisch getrennt. Wir wussten beide, dass sich keine Beziehung ergeben würde, allein schon wegen der Distanz und seiner Abneigung dagegen, sich grad wieder zu binden. Wir genossen einfach die Zeit zusammen. Und doch tat das Adieu mehr weh als gedacht. Das Lied dröhnte in meinen Kopfhörern, während ich mit Wehmut in die Schweiz zurückflog. Aber ich würde alles wieder genauso machen.»

Chantal Cosandey, 24, redaktionelle Mitarbeiterin

«Ich war Anfang 30 und wusste: Meine Partnerin und ich haben keine Zukunft mehr. Ich konnte mir das aber nicht eingestehen. Ein Feierabendbier mit Arbeitskollegen führte spontan ans Phenomden-Konzert im Zürcher Volkshaus. ‹Es tuet mir leid, ich cha nüt defür, du musch mi gaa laa, au wännt aleige bisch›, bouncte der Reggae-Sänger in die schweissnasse Menge, draussen die eiskalte Winternacht. Am folgenden Abend machte ich Schluss, meine Partnerin war genauso erleichtert wie ich. ‹Wenn ich gsee, wie du jetz läbsch und so, bin ich froh, niemer hät mer Bilder weggnoo.› Noch Wochen hörte ich das Lied pausenlos.»

Raphael Brunner, 43, Ressortleiter
 

«Sie war 15. Ich auch. Das war ein Problem. Für sie war ich ‹wie ein Bruder›. Ich fand: Wie kannst du nur? Sie stand auf ältere Jungs. Und auf U2. Ich mochte beides nicht. Aber das gestand ich ihr nie – und liebte heimlich. Jahrelang.
Eine unerfüllte Liebe vergisst man nie. Sie bleibt. Ein Leberfleck auf dem Herzen.»

Sven Broder, 50, Blattmacher