Es war Liebe auf den ersten Ton. Ein Algorithmus spülte mir ein Soul-Cover im Stil der Fünfzigerjahre von Sisqós «Thong Song» in die Playlist. Die Ironie war perfekt: ein lasziver Text über den Tanga einer Frau, dargeboten mit der Inbrunst eines Gospelsängers.

Doch die Suche nach dem Interpreten verlief ergebnislos: Der Unterwäsche-Cover-Sänger existiert nicht. Darauf die erschreckende Einsicht: Mein neuer Lieblingssong war ein KI-Produkt. Nicht mehr als ein paar Codezeilen und ein Server, der wahrscheinlich genauso viele Emotionen hat wie mein Toaster beim Bräunen meines Frühstücksbrots.

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97 Prozent können KI-Musik nicht mehr von echter unterscheiden

Warum schmerzt mich diese Erkenntnis? Weil ich bisher immer dachte: «Also mir passiert das sicher nicht!» In der Psychologie nennt man das den Blind Spot Bias: Das ist der Irrglaube, man selbst sei weniger anfällig für kognitive Verzerrungen oder Manipulationen als der Rest der Welt. Ich erlag somit nicht nur einem technischen Trick, sondern meiner eigenen Arroganz.

Doch ich bin in guter Gesellschaft. Laut einer Studie können 97 Prozent der Menschen KI-Musik nicht mehr sicher von menschlicher Kunst unterscheiden. Angesichts der schieren Masse an künstlichen Liedern erstaunt das wenig: Allein im letzten Jahr löschte Spotify 75 Millionen «KI-Spam-Songs», und Deezer entfernt täglich rund 30’000 KI-Stücke – Tendenz steigend. Eine Kennzeichnung von KI-Musik sucht man bei Spotify jedoch vergebens. Solange unklar ist, ab wann ein Musikstück genau als KI-generiert gilt, ist in naher Zukunft auch nicht mit einer solchen Kennzeichnung zu rechnen.

Radios im Zwiespalt

Diese Herausforderung betrifft auch die Radiowelt: Während SRF sich noch kritisch gibt und bewusst auf KI-Stücke im Programm verzichtet, experimentieren Privatradios bereits mit diesen, um Urheberrechtsgebühren zu sparen. Da kann es schon vorkommen, dass plötzlich um zwei Uhr morgens ein KI-Werk mit dem bizarren Titel «Der fremde Furz» läuft.

Ist das Verrat an der Kultur? Wahrscheinlich. Es ist zumindest die Kapitulation vor der Effizienz. Wenn die Maschine billiger liefert als der Mensch, gewinnt die Maschine. Es würde mich nicht überraschen, wenn als Nächstes eine Heavy-Metal-Version von «Aui mini Änteli» die Hitparade stürmt – komponiert von meinem Toaster. Und das Schlimmste daran? Ich würde es wahrscheinlich lieben.

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