Der Satz war ein Giftpfeil. «Ich bin stolz darauf, kein Schweizer zu sein!» So brüllte sich im Februar der frühere italienische Senator Tommaso Cerno in einer Talkshow seinen Missmut von der Seele. Sein Furor zielte auf die – seiner Meinung nach – schludrige und selbstgefällige Aufarbeitung der Brandkatastrophe von Crans-Montana. Beim Feuer in der Neujahrsnacht waren auch junge Italienerinnen und Italiener umgekommen.

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Der Pfeil bohrte sich tief ins Fleisch. So radikal hatte noch kein anderer Staatsmann das schweizerische Selbstverständnis in Frage gestellt, in allem ein bisschen besser zu sein als die Welt um uns herum – ordentlicher, genauer, verlässlicher.

Der erste Reflex auf den Frontalangriff war absehbar: Ungehörig! Was bildet der sich ein? Ausgerechnet ein Italiener, bei denen gar nichts funktioniert! Die zweite Reaktion: Was ist eigentlich dran an diesem verinnerlichten Gefühl der Überlegenheit? Wo sind wir wirklich besser als andere, und wo glauben wir nur, es sei so?

Ein Blick auf die Schweiz im Jahr 2026

Wenn Vorstellung und Realität nicht mehr zusammenpassen, hilft ein Faktencheck. Was sehen die Menschen in diesem Land tatsächlich, wenn sie auf die Schweiz blicken? Wie beurteilen sie ihre eigene Mentalität? Was hält das Land zusammen? Um das herauszufinden, führte das Institut GFS Bern im Auftrag des Beobachters eine repräsentative Umfrage durch (Pdf).

Für den Beobachter ordnet die politische Philosophin Katja Gentinetta wesentliche Erkenntnisse aus der Umfrage ein. Die 58-Jährige hat sich mit zahlreichen Publikationen einen Namen als präzise Analystin der Sensibilitäten in der Schweizer Gesellschaft gemacht.

EXPERTIN KATJA GENTINETTA ÜBER NATUR

Was macht die Schweiz im Kern aus? Die Meinungen dazu finden sich in der Wortwolke oben: Je grösser ein Begriff in der Grafik, umso öfter wurde er spontan genannt. Besonders gross: «Natur».

Kein Zufall, findet die Philosophin aus dem Wallis, schliesslich seien die Umstände wesentlich für das Selbstbild. «Die intakte Natur ist unsere Umgebung, darauf sind wir stolz. Obwohl wir ja nichts dafür können, dass wir so schöne Landschaften haben – sie wurden uns geschenkt, sind unser geografisches Lebensglück.» Diesen Gedanken dreht Gentinetta noch weiter: «Wir sind glücklich, unser Land ist intakt. Wir wurden verschont.»

... ÜBER SICHERHEIT

Ein weiterer nationaler Pfeiler in der Umfrage ist «Sicherheit». Katja Gentinetta verbindet damit primär die äussere Sicherheit. Sie sagt: «Ja, es ist sicher bei uns. Wir können uns frei bewegen, Anschläge sind selten.» Ist das gleichbedeutend mit dem Gefühl, uns könne nichts passieren? «Man kann das Umfrageergebnis so lesen, aber das wäre tückisch.» Eine andere Lesart ist: «Es gibt ein hohes Bewusstsein für die Gefährdung, der die Schweiz ausgesetzt ist.»

... ÜBER DEMOKRATIE

Dass viele Befragte «Demokratie» als Kern der Swissness nannten, ist für Gentinetta nichts als logisch: «Wir definieren uns ein Stück weit darüber, dass wir mitreden und mitentscheiden können.»

Dies zumindest in der Deutschschweiz, wo der Begriff eine 70-prozentige Zustimmung erhält. In der lateinischen Schweiz ist sie mit 46 Prozent deutlich geringer. Gentinettas Erklärung: «Romands und Tessiner sind in der Minderheit. Und das bleiben sie auch, selbst wenn sie noch so geschlossen anderer Meinung sind. Für sie zahlt sich Demokratie nicht immer im gleichen Mass aus.»

... ÜBERS INSELDASEIN

Begriffe wie «Eigenständigkeit» und «Abgrenzung gegen aussen» sind in der Umfrage vergleichsweise tief bewertet. Ein Anzeichen dafür, dass die hiesige Igelmentalität aufbricht? Katja Gentinetta will sich nicht festlegen. Einerseits erkennt sie im Ergebnis ein «wachsendes Bewusstsein, dass es doch eine Verbindung mit dem Ausland gibt». Darüber sei sie froh.

Andererseits müsse man die vorangehenden Erkenntnisse mitdenken, findet sie. Die Menschen schätzen es, in einem Land zu leben, in dem sie mitbestimmen können, das stabil, sicher und auch wohlhabend ist. «Das heisst: Man geniesst das wohlige Inseldasein und wünscht sich insgeheim, dass alles so bleibt, wie es ist. Zugleich ist die Erkenntnis da, dass es ganz ohne die anderen dann doch nicht geht.»

... ÜBER FOLKLORE

Typisch Schweiz könnte auch heissen: Schokolade, Käse, Kühe. Solch folkloristische Attribute werden in der Beobachter-Umfrage aber nur vereinzelt genannt. Beruhigend für die Schweiz-Kennerin: «Ich würde mir Sorgen machen, wenn viele Menschen sagen, dies sei der Kern unseres Landes», sagt sie. Der Schoggi-und-Chäs-Zugriff sei primär Marketing, weit weg vom Erleben der Menschen.

KATJA GENTINETTA ÜBER NEUTRALITÄT

Die Schweiz als neutraler Staat ist ein Profil, das mehr und mehr ins Wanken gerät – auch in der Innenansicht. Katja Gentinetta erwähnt die neue Studie «Sicherheit Schweiz» der ETH Zürich, die bezüglich Zustimmung zur Neutralität einen historischen Tiefststand ausweist.

Dies bestätigt die Selbstbild-Befragung des Beobachters. «Neutralität» als schweizerische DNA weist höchstens mittelmässige Werte auf, und auch die Schweizerinnen und Schweizer beschreiben sich selbst nur bedingt als neutral (siehe Grafik Seite 12). «Die Leute verstehen zunehmend – und stehen offenbar auch dazu –, dass die Neutralität längst keine Garantie für Sicherheit mehr ist, die uns vor einem militärischen Konflikt verschonen würde», ordnet die Philosophin ein.

... ÜBER INNOVATION

Die Selbstbeschreibungen der Menschen in diesem Land liefern teils amüsante Auffälligkeiten. So hat die Schweiz mit ihren Hochschulen und Forschungseinrichtungen international den Ruf, ein Ort der Erneuerung zu sein. Und die Einheimischen selbst? Finden sich überhaupt nicht innovativ (nur 9 Prozent Nennungen). Kein Widerspruch, findet Katja Gentinetta: «Egal, wie meine Umgebung ist: Als Mensch bin ich ein Gewohnheitstier. Ich brauche meine festen Strukturen und Abläufe und habe nicht zwingend den Anspruch, jeden Tag neu zu gestalten.» Wäre ja auch sehr anstrengend.

... ÜBERS BEWAHREN

Wenn sie nicht innovativ sind und nur mässig neutral: Wie ticken die Schweizerinnen und Schweizer in ihrer eigenen Wahrnehmung dann? Sie sehen sich als naturnah und fleissig an, aber auch als sehr bodenständig (34 Prozent) und eher konservativ (13 Prozent). Da ist es also wieder, dieses Verbindende, Bewahrende. Die politische Philosophin liest daraus dann doch eine gewisse Selbstzufriedenheit ab: «Bleiben wir bei uns! Wir wissen zwar, dass wir mit vielen Abhängigkeiten leben – aber so, wie es hier ist, ist es eben schon gut.»

Ein neuer Realismus

Wenn Katja Gentinetta alle diese Eindrücke auf den kleinsten Nenner bringen soll, dann sagt sie: «Die Verklärung weicht ein Stück weit dem Realismus.» Zwar gebe es nach wie vor viel Wertschätzung dafür, was man an der Schweiz habe. Genauer: «An dem, was uns geschenkt wurde und was wir erschaffen haben.» Zugleich wachse aber die Erkenntnis, als Nation nicht allein existieren zu können, sondern verflochten zu sein mit dem, was in der Welt da draussen passiere. «Eine wertvolle Nachjustierung», findet die Schweiz-Kennerin.

Auch nachjustiert bleibt als Fazit: In den Augen ihrer Bewohner wird die Schweiz als Erfolgsmodell angesehen. Was ist die Erklärung für dieses Renommee? Dazu geben sich die Schweizerinnen und Schweizer in der Umfrage ziemlich selbstbewusst. «Wir haben uns den Erfolg hart erarbeitet und verdient», finden 25 Prozent; für weitere 46 Prozent ist er «mehrheitlich erarbeitet». 

Weniger euphorisch ist der Zehntel, der dahinter «hauptsächlich Glück und günstige Umstände» vermutet. Und von 17 Prozent der Befragten kommt sogar Grundsatzkritik: «Wir haben uns auf Kosten anderer bereichert und tun dies immer noch.»  

Polarisierung als Spaltpilz

Bleibt zum Schluss: Was gefährdet das «Modell Schweiz»? Als diese GFS-Befragung zum helvetischen Selbstbild stattfand, lief die Debatte zur 10-Millionen-Schweiz auf Hochtouren. Das Hickhack zwischen Rechts und Links drehte sich im Kern darum, ob und wie stark die Zuwanderung aus dem Ausland den gemeinsamen Nenner unseres Landes gefährdet.

Die Beobachter-Umfrage liefert nun aber eine etwas andere Sichtweise auf die Frage, wo die grössten Bedrohungen für die nationale Identität liegen. Die Schweizerinnen und Schweizer finden: Nicht Einflüsse von aussen schädigen das kollektive Zugehörigkeitsgefühl, sondern ein hausgemachtes Phänomen – die wachsende soziale Ungleichheit und just diese politische Polarisierung im eigenen Land. Beinahe drei Viertel der Befragten sehen in diesem Auseinanderdriften in Gesellschaft und Politik eine «sehr grosse» oder zumindest «grosse Bedrohung» für die Schweizer Identität (siehe Grafik). Diese Sorge um den inneren Zusammenhalt teilen alle Altersgruppen gleichermassen.

Hingegen spalten die politischen Präferenzen die Ansichten massiv: Anhängerinnen der linken Parteien (Grüne 56 Prozent, «sehr grosse Bedrohung»; SP 48 Prozent) bereitet das soziale Gefälle im Land weitaus mehr Bauchweh als jenen der rechten (SVP 22 Prozent, FDP 8 Prozent). Zudem auffällig: Frauen befürchten häufiger als Männer, dass Ungleichheit und Polarisierung das identitätsstiftende Wir-Gefühl unterwandern.

Blockbildung beim Thema Zuwanderung

Und die Annahme, die Schweiz könnte sich durch die Zuwanderung aus dem Ausland in Zukunft weniger schweizerisch anfühlen? Dies wird als geringere Gefahr für die Identität angesehen: Gut die Hälfte der Befragten sorgt sich deswegen.

Erwartungsgemäss brechen auch da politische Gräben auf. Einen starren Block bilden die SVP-Anhänger: 84 Prozent sehen in der Zuwanderung eine «sehr grosse Bedrohung», weitere 15 Prozent eine «grosse» – macht zusammen sagenhafte 99 Prozent. In SP-nahen Kreisen liegt dieser Wert bei lediglich 17 Prozent.

Dasselbe Bild, wenn auch in abgeschwächter Form, zeigt sich bei einem anderen politischen Zankapfel, der Integration der Schweiz in Europa. Hier findet gesamthaft knapp die Hälfte: Mehr Europa ergibt weniger Schweiz.

Klar ist, dass die Identität des Landes also auch durch äussere Einflüsse unter Druck gerät. Wie gross ist auf der anderen Seite die eigene Veränderungsbereitschaft? Antwort: überraschend gross.

Dies geht aus der Anschlussfrage der GFS-Untersuchung hervor: «Muss die Schweiz typisch schweizerische Eigenschaften anpassen, um in Zukunft erfolgreich zu bleiben?» Nur gerade 9 Prozent der Befragten wollen, dass alles genau so bleibt, wie es ist. Demgegenüber finden 13 Prozent: Ja, wir müssen uns grundlegend ändern. Dazwischen sehen satte 54 Prozent der Nennungen einen teilweisen Anpassungsbedarf.

Fazit: Wo Schweiz draufsteht, muss nicht immer dasselbe drin sein.

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