Als stellvertretender Filialleiter einer Poststelle am Zürichsee verdiente Kevin Hug, der tatsächlich anders heisst, rund 4500 Franken. Ein bescheidener Lohn, der keine Ausschweifungen zulässt.

Doch dann auf einmal: eine Rolex Submariner im Wert von 13’600 Franken am Handgelenk des Pöstlers. Zur Abwechslung eine Ausfahrt mit einem gemieteten Lamborghini (1000 Franken) oder ein Heliflug (600 Franken). Und natürlich: die Ferien mit der Freundin in Dubai, wo das Paar in fünf Tagen 7600 Franken verpulvert.

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Pöstlerdelikt: Couverts leeren

Weshalb man das alles so genau weiss? Der Lebensstil von Kevin Hug, damals noch keine 30, wurde von den Zürcher Ermittlungsbehörden durchleuchtet. Denn das plötzliche Geld hatte einige Irrwege hinter sich.

Startpunkt war im März 2021: Eine Frau holt auf der besagten Poststelle zwei eingeschriebene Briefe ab. Sie erwartet darin 30’000 Franken in bar – und findet: nichts. Die Frau zeigt den Diebstahl an, hinter den Kulissen werden bald interne Ermittler der Post aktiv. Innert weniger Wochen verschwindet nach dem gleichen Muster weiteres Geld. Am Schluss lösen sich insgesamt 43’400 Franken vermeintlich in Luft auf. Und Kevin Hug beginnt sein Luxusleben.

Ermittlertrick: Silbernitrat

Dann heckt die Polizei einen Plan aus: Die Ermittler präparieren Banknoten mit Silbernitrat und stecken sie in den Umschlag eines Briefs, der an Hugs Poststelle geht. Silbernitrat ist eine chemische Substanz, die bei Kontakt auf der Haut violettschwarze Flecken hinterlässt, die sich wochenlang nicht abwaschen lassen. Ein erster Versuch misslingt, doch beim nächsten schnappt die Falle zu: Als die Polizei die Angestellten der Filiale kontrolliert, hat nur einer schwarze Finger – Kevin Hug. 

Beratung mit Chatbot

Er habe das Lockvogel-Couvert «aus reiner Neugier» geöffnet und das Geld gleich wieder hineingesteckt, gibt der Pöstler in der Einvernahme zu Protokoll. Tatsächlich können ihm die Ermittler diesen Diebstahl nicht nachweisen, aber sie sammeln massenhaft Hinweise auf Hugs Täterschaft in den vorangegangenen Fällen. Unter anderem wird sein Fingerabdruck auf einem der geplünderten Couverts sichergestellt. 

Richterspruch: Schuldig

Im April 2025 wird Kevin Hug von der Berufungskammer des Bundesstrafgerichts zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwölf Monaten verurteilt, namentlich wegen gewerbsmässigen Diebstahls. Alle Ausreden und juristischen Winkelzüge, die der Beschuldigte in der Verhandlung vorbringt, verfangen bei den Richtern nicht. Man habe sich «mit einem Tunnelblick» auf ihn als Täter fixiert und lasse willkürlich andere Ermittlungsansätze ausser Acht, behauptet Hug etwa. Und sein plötzlicher Reichtum? Stamme von Gewinnen aus Onlinecasinos und vom Verkauf von Luxusartikeln im Nebenerwerb.

Aufgrund von Hugs Beschwerde beugt sich ein Jahr darauf, wir sind mittlerweile im März 2026, das Bundesgericht über den filmreifen Fall. Es bestätigt das erste Urteil vollumfänglich. Die Vorinstanz habe eine «erdrückende Indizienlast» vorgelegt, schreiben die Bundesrichter in ihrem soeben publizierten Entscheid. Von Willkür könne keine Rede sein. Und auch: «Im Übrigen sind die Ausführungen des Beschwerdeführers zu seinen Zusatzeinkünften lebensfremd.» Gegen die schwarzen Finger ist letztlich kein Kraut gewachsen.

Faule Ausreden

Dass die Polizei die Silbernitratfalle stellt, kommt ab und zu vor. Typischerweise wird die Methode eingesetzt, um Diebe in Büros oder Heimen zu überführen. Ebenso typisch ist, dass die Ertappten – wie vorliegend – erst einmal andere Erklärungen liefern, wie die Farbe an ihre Finger gekommen sein könnte. 

Den Vogel schoss diesbezüglich 2021 ein Pfleger eines Altersheims im Zürcher Weinland ab: Er habe bloss ein Praliné aus der Schachtel nehmen wollen, tischte er den Richtern auf. Allerdings war dort sein Diebesgut versteckt, präparierte Noten inklusive. Erwartungsgemäss reichte es auch in jenem Fall nicht zum Freispruch.

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