Es ist ein unmögliches Dilemma, vor dem viele Reisende wegen des Coronavirus stehen: kurzfristige oder auch spätere Reisen stornieren und auf den Kosten sitzen bleiben – oder abwarten und darauf hoffen, dass der Reiseveranstalter in letzter Minute selbst absagt?

In dieser Situation fand sich auch Ernst Schibli* wieder. Er hatte eine Kanadareise mit Flug, Hotel und Mietauto gebucht. Los gehen sollte es Anfang August. Der Anbieter hält an der Reise fest, es wird nichts storniert. Die Annullierungsversicherung zahlt nichts. Die Entscheidung liegt also bei ihm selbst. Würde er heute noch absagen, bekäme er gemäss den Vertragsbedingungen immerhin noch einen Teil des Reisepreises zurück. Das restliche Geld wäre verloren. Wartet er ab, schrumpft der Betrag, den er zurückerhält, immer mehr.

Aber was, wenn er storniert und der Reiseveranstalter später die ganze Reise von sich aus absagt und den vollen Preis zurückerstattet? Hat er dann einfach Pech, weil er vorher schon storniert hat, während andere Reisende schliesslich das ganze Geld kriegen?

Bleibende Unklarheiten und Einreisesperren

Beim Reiseombudsmann gehen sehr viele solche Anfragen ein. «Meine Mitarbeiterinnen und ich erwarten einen anhaltenden Ansturm», sagt Franco Muff. Sie mussten deshalb die telefonischen Öffnungszeiten gar vorübergehend einschränken. In der Reisebranche sei man enorm am Rotieren. Für ihn ist unbestritten, dass man je nach Dauer der Bedrohung von einer sehr hohen Summe und enormen Konsequenzen für Veranstalter und Reisebüros Übers Reisebüro buchen Was sind die Vorteile? ausgehen muss. 

Viele Unklarheiten im Zusammenhang mit Reisen würden bis auf Weiteres bestehen bleiben, sagt Reiseombudsmann Muff. «Kein Mensch weiss derzeit, wie es in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht.» Er rät Konsumentinnen und Konsumenten grundsätzlich davon ab, allzu früh zu stornieren. «Wer für September eine Städtereise nach Barcelona gebucht hat, kann getrost noch abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Es lohnt sich, in den Vertragsbedingungen zu studieren, bis wann man kostenlos stornieren kann. Und kurz bevor es kostet, nochmals zu evaluieren – will ich aussteigen oder nicht? Respektive: Zu welchem Zeitpunkt kostet es mich wie viel?»

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Dass man sich Sorgen macht, sei verständlich. Trotzdem müsse man je nach Fall damit rechnen, dass man die Annullierungskosten berappen müsse. Vor allem für ausgestellte Flugscheine bei Stornierung durch die Kunden selbst und solange der Flug weiterhin im Angebot ist. 
 

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Keine länderspezifischen Reisewarnungen

Der Bund macht wegen des Virus keine länderspezifischen Reisewarnungen. Aber viele Reiseversicherungen zahlen üblicherweise erst dann, wenn es eben eine solche Warnung vom Bund gibt. «Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA gibt solche Warnungen normalerweise heraus, wenn die Lage in einem Land aufgrund der politischen Situation heikel ist, wenn etwa Terrorgefahr herrscht. Bei Gesundheitsgefährdungen, wie bei der aktuellen Pandemie, jedoch nicht. Und das ist unbefriedigend», sagt Reiseombudsmann Muff.

Das heisst, beim aktuellen Vorgehen des Bundes werden Reisende Rückreisen in die Schweiz Was Schweizer Reisende jetzt tun können auf den Kosten sitzen bleiben, wenn sie nicht selber frühzeitig stornieren oder der Reiseveranstalter absagt. «Das ist unschön und ein klarer Nachteil für die Konsumenten.»

Steht die Reise bald bevor, sei die Entscheidung, ob man stornieren oder abwarten soll, schwieriger, findet Muff. Er rechnet zwar damit, dass einige Reiseveranstalter geplante Angebote noch annullieren werden, aber Sicherheit gebe es keine. «Wenn die gebuchten Ferien nicht allzu teuer sind und es eine hohe Chance gibt, dass die Veranstalter sie streichen, dann würde ich pokern und abwarten – sofern man denn unter den gegebenen Umständen in nächster Zeit überhaupt noch reisen will.»

Klar ist für Franco Muff: Wenn man kurz vor Reiseantritt selber den Vertrag kündigt und die Veranstalter dann von sich aus später absagen, hat man Pech gehabt. Nachverhandlungen hätten in solchen Fällen keine Chancen.

Reiseveranstalter müssen Lösungen finden

Bei teureren Reisen müsse das Risiko sorgfältiger abgewogen werden. Bei einer grösseren Reise, wie sie Ernst Schibli eigentlich hätte antreten wollen, empfiehlt der Reiseombudsmann zu mehr Vorsicht: «In solchen Fällen wäre ich als Konsument aus mehreren Gründen eher vorsichtig und würde früher annullieren.» Bei teuren Buchungen gelte es vorsichtig zu sein, weil man entsprechend hohe Summen verlieren könnte, wenn man nicht rechtzeitig reagiert. 

Da die meisten Reisen in näherer Zukunft sowieso nicht durchgeführt werden können, sei das aber häufig gar kein Thema mehr, sagt der Reiseombudsmann. Dann sei der Fall klar – die Reiseveranstalter müssen eine Lösung finden und den Kunden die Kosten zurückerstatten. Dabei versuchen viele Reiseveranstalter, die Kunden mit Gutscheinen oder Verschiebedaten Coronavirus Reisegutschein statt Geld zurück? zu behalten.

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Der Zwiespalt bleibt – es wird weiterhin schwierig sein zu entscheiden, ob man annullieren oder abwarten will. «Wir spüren eine grosse Verunsicherung», sagt Doris Huber vom Beobachter-Beratungszentrum. «Wir empfehlen die Annullierungsbedingungen zu prüfen und vor allem mit dem Reisebüro Rücksprache zu nehmen. Nicht zuletzt ist es zentral, auf das Bauchgefühl zu hören, wenn man sich im Moment eine Reise ins Ausland nicht vorstellen kann.»


*Name geändert
 

Lockdown statt Check-in – was nun?

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Quelle: Beobachter Bewegtbild

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