Sylvia Duss interessiert sich für Wellness am Meer, ihr Mann Bruno für Bootsferien. Den neunjährigen Sohn Jérôme zieht es in verschiedene Freizeitparks. Und die zweijährige Olivia fühlt sich vorläufig in den eigenen vier Wänden noch am wohlsten. Bis die endgültige Wahl des Feriendomizils getroffen ist, trägt die vierköpfige Familie aus Luzern jeweils mehrere hitzige Diskussionen aus.

Die Familientherapeutin Rochelle Allebes kennt solche Probleme aus ihrer Tätigkeit beim Elternnotruf in Zürich: «Familienferien werden zur Katastrophe, wenn es nicht gelingt, die verschiedenen Bedürfnisse und Wünsche unter einen Hut zu bringen.» Doch das ist meistens leichter gesagt als getan.

Oft sind es am Schluss die Mütter, die bei der Wahl des Ferienortes zu viele Kompromisse eingehen. Sie möchten zwar für einmal nicht kochen und aufräumen, sondern selbst verwöhnt werden. Aus Rücksicht auf das Budget und den Platzbedarf der Sprösslinge fahren sie trotzdem mit in eine Ferienwohnung oder auf den Zeltplatz. «So sind Spannungen und Streit programmiert», sagt Rochelle Allebes.

Damit alle auf ihre Kosten kommen, muss jede Familie ihren eigenen Weg aus dem Dilemma finden. Das bedeutet nicht selten, sich von festgefahrenen Vorstellungen über ideale Familienferien zu lösen. Was spricht dagegen, dass ein Familienmitglied einmal allein verreist? Der Teenager ins Lager oder die Mutter mit einer Kollegin ins Wellnessweekend? «Auch Ferien als Paar können eine belebende Oase sein», ist der Berner Paartherapeut Klaus Heer überzeugt.

Hat man sich für Ferien mit dem Nachwuchs entschieden, müssen sowohl die Unterkunft als auch der Ort möglichst kinderfreundlich sein. «Wo sich unsere Kinder nicht akzeptiert fühlen, sind wir gestresst», ist sich das Ehepaar Duss einig.

Gütesiegel wie dasjenige der «Familienorte Schweiz» geben ebenso Hinweise auf geeignete Ziele wie Mundpropaganda anderer Eltern. Schlechter fährt, wer sich auf die Versprechungen in teuren Hochglanzprospekten verlässt. Denn viele Touristiker sehen im Nachwuchs lediglich das lästige Anhängsel zahlender Erwachsener. «Die Bedürfnisse der Kinder werden von vielen Ferienanbietern nicht ernst genommen», bringt es Ursula Wyss, Assistentin am Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus der Uni Bern, auf den Punkt.

Quelle: Archiv

Die Kleinen sind Kunden von morgen
Das ist schade für feriensuchende Familien und dumm von den Anbietern. Laut einer Umfrage des deutschen «Eltern»-Magazins entscheiden Kinder immerhin zu 80 Prozent mit, wohin die Reise geht. Und sie sind sehr begeisterungsfähige, treue Gäste, die gern dahin zurückkehren, wo sie sich wohl fühlten. Kleine Details und Erlebnisse entscheiden, ob eine Unterkunft für Kinder «uncool» oder «megageil» ist. «Sie merken zum Beispiel genau, wie willkommen sie sind, wenn der Gastgeber sie begrüsst», betont Wyss.

Familie Duss hat sich für Ferien am Lago Maggiore entschieden. Boote gibt es auch hier, und die Ferienwohnung ist auf die Bedürfnisse eines Kleinkindes zugeschnitten. Jérôme wird in ein Kinderlager fahren. Und Sylvia freut sich auf besonders erholsame Tage, denn das Zepter in der Küche wird für einmal Bruno übernehmen.

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Der Weg zu erholsamen Ferien

  • Planung: Reservieren Sie früh genug. Die beliebtesten Ferienziele sind oft über ein Jahr im Voraus ausgebucht.

  • Reisedestination: Suchen Sie ein Feriendomizil, das nicht zu weit weg liegt. Besonders lange Autofahrten machen den Erholungseffekt rasch zunichte und sind für Kinder eine Tortur.

  • Einzelkinder: Wählen Sie als Einzelkindfamilie einen Ferienort mit vielen andern Kindern. Sie sind dort besser aufgehoben als in einer isolierten Ferienwohnung.

  • Babys: Reisen Sie mit Babys und Kleinkindern ausserhalb der Hochsaison. So fahren Sie günstiger und treffen auch eher Familien mit Gleichaltrigen.

  • Haustiere: Kümmern Sie sich rechtzeitig um die Betreuung Ihrer Haustiere.

  • Anreise: Fahren Sie möglichst mit dem Zug. Er bietet Kindern viel Platz und Bewegungsfreiheit. Falls Sie mit dem Auto verreisen, machen Sie regelmässig Pausen. Fahrten während der Nacht sind mit kleinen Kindern wesentlich angenehmer.

  • Versicherung: Schliessen Sie rechtzeitig eine Annullierungsversicherung ab, um bei Krankheit der Kinder vor Kosten geschützt zu sein.

  • Budget: Verschulden Sie sich nicht für die Ferien. Es gibt auch lohnenswerte Reiseziele, die günstig sind.

Tipps: So vermeiden Sie Streit im Urlaub

Ferien versprechen Erholung. Doch oft werden sie zum Stressfaktor: schlechte Planung, überhöhte Erwartungen, Familienkonflikte, die aufbrechen. Das rät der Berner Familientherapeut Klaus Heer, damit aus dem Traum kein Albtraum wird:

  • Die Liebe kann Ihre nächsten Familienferien nicht vor einem Absturz bewahren. Bessere Chancen haben Sie, wenn Sie sich rechtzeitig zusammensetzen und einander offen sagen, was Sie von Ihrem Urlaub erwarten.

  • Alle, auch Ihre grösseren Kinder, legen ihre Bedürfnisse dar. Sie als Elternpaar entscheiden letztlich gemeinsam, wie die unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut gebracht werden könnten.

  • Befreien Sie sich von der fixen Idee, Ferien mit Kindern seien nur im vollständigen Familienverband etwas wert. Haben Sie den Mut, die Familie aufzuteilen, zum Beispiel tageweise. Das beugt Stress vor.

  • Für die Familienferien sollten Sie sich gemeinsam auf das Wohl Ihrer Kinder konzentrieren. Um Ihre Bedürfnisse als Paar kümmern Sie sich besser bei einer anderen Gelegenheit.
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