Wir ❤️ Beobachter
Aus den Augen, aus dem Sinn? Nicht mit uns!
Wer beim Beobachter arbeitet, tut dies mit Leidenschaft. Weshalb das so ist, erzählt unser Team gleich selbst – in einer Serie ganz persönlicher Texte. Diesmal: Recherchejournalistin Tina Berg.

Veröffentlicht am 8. Oktober 2026 - 05:00 Uhr

«Nur wenn wir Missstände sichtbar machen, kann sich etwas ändern»: Tina Berg
Quelle: Fabian WidmerLiebe Leserin, lieber Leser
Ich bin kein besonderes Mathematik-Talent. Als ich also mit meinem einfachen Dreisatz auf 0,04 Prozent kam, traute ich der Sache noch nicht ganz. Erst nachdem mir die Behörden und Expertinnen bestätigt hatten, dass – momoll – das schon richtig sei, konnte ich die ganze Tragweite dieser Zahl sinken lassen.
0,04 Prozent. So viel hatte die Schweiz wenige Jahre vor Ablauf ihres Klimaziels von dem erreicht, was sie mit Klimakompensationen im Ausland erreichen wollte. Und weil die Schweizer Politik sich richtig fest auf diese Auslandsprojekte abstützt – nämlich mit einem ganzen Drittel des gesamten Schweizer Klimaziels –, war mir mit dieser Zahl schon klar: Die Schweizer Klimapolitik scheitert, und zwar ziemlich spektakulär.
Jetzt haben wir gerade einen extremen Hitzesommer hinter uns. Es wurde so viel über den Klimawandel gesprochen und geschrieben wie schon lange nicht mehr. Natürlich auch beim Beobachter. Aber wir schauen eben auch hin, wenn es sonst fast niemand tut.
Die CO₂-Kompensationen sind ein typisches Beispiel für die «Aus den Augen, aus dem Sinn»-Politik unseres Parlaments. Kaum jemand hatte diesen zentralen Pfeiler der Klimapolitik auf dem Schirm.
Deshalb hat wohl die Zahl 0,04 Prozent letzten Herbst so eingeschlagen in Bundesbern. Es folgten parlamentarische Vorstösse, und schliesslich musste sogar Bundesrat Albert Rösti dazu Red und Antwort stehen in der Wintersession Ende 2025.
Dieser Dreisatz war nur ein kleines Puzzlestück einer grösseren Recherche zu einem Kompensationsprojekt in Ghana. Ich arbeitete zusammen mit Journalisten in Holland und Ghana, stellte zahlreiche Öffentlichkeitsgesetz-Gesuche bei den Schweizer Behörden. Sprach mit unzähligen Menschen.
Solche Recherchen kosten viel Zeit. Oft sind es Monate. Aber nur wenn wir solche Missstände sichtbar machen, kann sich etwas ändern. Dass wir das tun können, verdanken wir auch unseren Abonnentinnen und Abonnenten.
Herzliche Grüsse
Tina Berg, Recherchejournalistin




