Beobachter: Der IPCC-Bericht fordert schnell einschneidende Massnahmen für die ganze Welt. Warum bloss thematisiert er das Bevölkerungswachstum mit keinem Satz?
Urs Neu: Das Bevölkerungswachstum ist ein allgemeines Problem, weil der Platz auf der Erde und die Ressourcen beschränkt sind. Das müssen wir aber weniger wissenschaftlich durchleuchten, sondern es stellt uns eher vor ethisch-moralische Fragen. Wir müssen uns beiden Aufgaben stellen und sollten sie nicht gegeneinander ausspielen.


Dennoch: Die im Bericht geforderten CO2-Sparziele werden doch alle wieder zunichte gemacht durch das Bevölkerungswachstum.
Massnahmen gegen das Bevölkerungswachstum sind sehr heikel und ohne Zwang nur sehr langfristig möglich – über Bildung und mehr Wohlstand. Natürlich wäre das ein effektvoller Hebel, aber sehr schwer zu realisieren. Andere Massnahmen wie der Ersatz von Ölheizungen Luftreinhalte-Verordnung Heizungen sollen sauberer und effizienter werden , die vielleicht einzeln betrachtet weniger bringen, lassen sich leichter und schneller umsetzen.  


Pro zehn Jahre erwärmt sich das Klima global um 0,2 Grad, wenn wir weitermachen wie bisher. Was sind aus wissenschaftlicher Sicht die wichtigsten Massnahmen dagegen?
Grundsätzlich geht es darum, die Emissionen der Treibhausgase zu reduzieren – und zwar schnell. Die grossen Hebel sind je nach Region und Land aber unterschiedlich. In den Industrieländern ist das die Energieversorgung. Weltweit sind Landwirtschaft und Ernährung wichtige Einflussfaktoren. Und überall der wachsende Verkehr Mobilität Ist dieses Wachstum noch zu bewältigen? . Bei uns sicher auch die Sanierung von Gebäuden und Heizungen.


Aber gerade da stellt sich doch die Frage: Ist es ökologisch sinnvoll, 40 Jahre alte Häuser abzureissen, nur um sie durch Minergiehäuser zu ersetzen?
Ein Gebäude neu aufzubauen, braucht selbstverständlich auch Energie. Je nach Massnahme und Bereich geht es lange, bis das den gewünschten Effekt hat. Wir müssen jedoch bei allem, was neu gebaut oder in Betrieb genommen wird, das energetisch Beste wählen. Gerade weil die Erneuerungszyklen, besonders bei Häusern, so lange sind.


Wenn Sie entscheiden könnten: Was müssen wir zuerst tun?
Wir dürfen nicht das eine gegen das andere abwägen. Die eine ideale Massnahme, die schnell Erfolg bringt, gibt es leider nicht. Wir müssen auf allen Ebenen alles tun, was wir können, wenn wir eine fortlaufende globale Erwärmung mit zunehmend einschneidenderen Folgen verhindern wollen.


Im Verkehr liesse sich viel schneller etwas ändern.
Die Elektromobilität Verstopfte Strassen und überfüllte Züge Der Verkehrskollaps droht lässt sich sicher schneller einführen, als den Gebäudebestand zu sanieren. Aber die Elektromobilität allein löst das Problem noch nicht. Die Frage ist ja: Woher kommt der Strom dafür? Solarstrom fürs Elektroauto So amortisieren Sie Ihre Fotovoltaikanlage Dennoch müssen wir jetzt mit dem Umbau beginnen, auch wenn das vorerst noch wenig bringt.
 

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«Wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass weniger materieller Wohlstand nicht weniger Lebensqualität bedeutet, kann viel in Bewegung kommen. Netto Null CO2 bedeutet ja nicht, dass wir Höhlenbewohner werden müssen.»

Urs Neu, Meteorologe 


Seit den sechziger Jahren weisen die Emissionskurven global deutlich nach oben. Laut allen Szenarien müssen sie ab 2020 drastisch sinken, wenn wir das Schlimmste abwenden wollen. Ist das realistisch?
(Atmet tief durch) Ja, das ist eine unheimlich grosse Aufgabe. Sehr schnelle Effekte erreicht man durch Verhaltensänderungen auf breiter globaler Ebene. Aber als Individuum und als einzelnes Land kann man sich immer verstecken hinter all den anderen, die nichts ändern wollen.


Das lässt kaum hoffen…
Die Hoffnung liegt darin, dass – wie derzeit bei den Jugendlichen Erwachen einer Generation So hat die Klimajugend die Politik verändert – eine Bewegung heranwächst, die weltweit Verhaltensänderungen anstösst. Das kann sehr schnell gehen, denken Sie nur daran, wie rasch sich die Weltordnung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verändert hat. Wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass weniger materieller Wohlstand nicht weniger Lebensqualität bedeutet, kann viel in Bewegung kommen. Netto Null CO2 bedeutet ja nicht, dass wir Höhlenbewohner werden müssen.


Also weniger auf die Technik und auf die Politik hoffen, sondern selber handeln?
Richtig. Wir müssen jede mögliche Massnahme möglichst schnell umsetzen. Die Maximalerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist nicht prinzipiell unmöglich, aber derzeit nur Theorie. 


Das klingt deprimierend.
Tatsache ist: Wenn wir die Klimaerwärmung Tourismus «Die Schäden durch den ­Klimawandel sind irreversibel» stoppen wollen, müssen wir auf Netto Null bei den CO2-Emissionen kommen. Wenn wir das nicht erreichen, steigen die Temperaturen immer weiter. 

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Aber selbst wenn wir Netto Null erreichen, werden die Temperaturen weiter steigen.
Ab dem Moment, an dem wir bei Netto Null CO2 sind, steigen die Temperaturen höchstens noch um ein paar Zehntelgrad. Heute sind wir bei etwa plus 1 Grad gegenüber dem Referenzwert, ganz genau lässt sich das nicht sagen. Aber je länger wir warten, desto höher steigen die Temperaturen und umso drastischer sind die Folgen.


Sie vermitteln zwischen Wissenschaft und Politik. Werden die offensichtlichen Fakten noch immer bestritten?
Es gibt noch immer Leute, die einfach nicht wahrhaben wollen, in was für einer Lage wir uns befinden, um möglichst nichts ändern zu müssen. Dass das Klima wärmer wird, bestreitet heute praktisch niemand mehr. Aber gewisse Leute verdrängen immer noch den heutigen menschlichen Einfluss Kritik an Klimastreiks «Das ist ein ziemlich gewieftes Ablenkungsmanöver» .


Wie sicher ist, dass der menschengemachte Einfluss aufs Klima entscheidend ist?
Wir kennen verschiedene Faktoren, die Einfluss aufs Klima haben wie die Sonnenaktivität und Vulkanausbrüche. Damit lässt sich die Vergangenheit bis in die sechziger, siebziger Jahre gut erklären, die schnelle Erwärmung seither aber nur durch den menschlichen Einfluss. Denn die Sonnenaktivität hat seit den fünfziger Jahren abgenommen und die Vulkanaktivität nahm eher leicht zu. Beides hätte etwas kühlere Temperaturen erwarten lassen. Aber es wurde viel wärmer.
 

«Unser Planet wird durch die Erwärmung nicht unbewohnbar, aber wir müssen uns auf grosse Veränderungen einstellen.»

Urs Neu, Meteorologe 


Wenn wir nicht sofort radikale Massnahmen ergreifen: Wann sind wir am Tippingpoint, an dem keine Korrektur mehr zu schaffen ist?
Es gibt keinen definierten Punkt, wo das Klima «kollabieren» oder die grosse Katastrophe eintreten würde. Die Tippingpoints liegen je nach betrachtetem Prozess bei unterschiedlichen Temperaturen. Ein Paradebeispiel ist der Golf-Strom, der sich aufgrund der Erwärmung und des Süsswassers aus den abtauenden Gletschern abschwächt. Wir nähern uns dem Tippingpoint, wo dieses Strömungssystem kippt, wissen aber nicht, wo er genau liegt.

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Ein anderes Beispiel ist der Grönland-Eisschild.
Diesen Eispanzer gibt es nur noch, weil er so dick ist. Wenn viel Eis schmilzt, sinkt die Oberfläche in tiefere und damit wärmeren Höhenlagen und die Abschmelzung beschleunigt sich weiter, auch ohne weitere globale Erwärmung. Das geschieht bei plus ein bis zwei Grad. Da sind wir also bereits nahe dem Tippingpoint oder schon darüber.


Sie sehen täglich diese Daten und die düsteren Szenarien. Wie gehen Sie damit um?
Es ist offensichtlich, dass es auf der Erde Systemgrenzen gibt. Die Ressourcen und die Abfallaufnahmekapazität sind nun einmal beschränkt. Das müssen wir akzeptieren und als Gesellschaft fundamental umdenken und beispielsweise die Energieversorgung völlig umkrempeln. Das ist eine Herkulesaufgabe. Aber ich bin sicher, dass diese Erkenntnis sich durchsetzt. Unser Planet wird durch die Erwärmung nicht unbewohnbar, aber wir müssen uns auf grosse Veränderungen einstellen. Je früher wir unser Verhalten ändern, desto besser können wir diese Herausforderungen bewältigen.

zur Person

Der Meteorologe Urs Neu ist stellvertretender Leiter von ProClim. Das Forum bereitet die wissenschaft­lichen Studienergebnisse der Klima­forschung mit Handlungs­optionen für Politik und Wirtschaft auf. Es ist eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.

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