Der Chef hat immer recht, aber darf er...

… Geld fürs Essen abziehen?

Ich arbeite im Gastgewerbe, und mein Arbeitgeber zieht mir 20 Franken fürs Mittagessen ab, obwohl ich gar nicht im Betrieb esse. Darf er das?

Nein. Das Gesetz schreibt vor, dass ein Arbeitnehmer frei über seinen Lohn verfügen darf. Eine Anordnung, wonach der vereinbarte Lohn im Interesse des Arbeitgebers verwendet werden muss, ist folglich unzulässig. Diese zwingende Vorschrift bezeichnet man als Truckverbot. Es schützt Arbeit­neh­mer davor, einen Teil ihres Lohnes in Waren oder Dienstleistungen des Ar­beitgebers investieren zu müssen.

… mir plötzlich kündigen?

Meine Arbeitgeberin hat mich von einem Tag auf den anderen auf die Strasse gestellt, weil sie keine Arbeit mehr für mich hatte. Muss sie sich nicht an eine Kündigungsfrist halten?

Natürlich muss sie das. Wenn Sie keine spezielle vertragliche Regelung haben, schreibt das Gesetz eine minimale Kündigungsfrist von einem Monat im ersten Anstellungsjahr nach Ablauf der Probezeit vor. Vom zweiten bis und mit neunten Dienstjahr sind es zwei Monate, danach drei. Der Sinn einer Kündigungsfrist liegt darin, dass sich die Parteien auf die Beendigung des Arbeitsverhältnisses vorbereiten können. Im Übrigen ist es das Betriebs­risiko des Arbeitgebers, wenn ihm die Arbeit ausgeht.

… Arbeitszeit nachholen lassen?

Unser Betrieb musste nach einem Brand für ein paar Stunden geschlossen werden. Nun soll ich die ausgefallenen Stunden nachholen. Ist das korrekt?

Nein, denn ein solcher Arbeitsausfall gehört zum Betriebsrisiko des Arbeitgebers. Dabei spielt es keine Rolle, ob er an der Arbeitsverhinderung eine Schuld trägt – jedenfalls kann er Sie für die unfreiwilligen Minusstunden nicht haftbar machen. Das gilt generell – und vereinfacht gesagt – immer dann, wenn Sie arbeiten wollen, aber nicht können oder dürfen, weil der Grund verschuldet oder unverschuldet beim Arbeitgeber liegt.

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Ein weiteres Beispiel: In einer Firma gibt es für alle Angestellten zu wenig Arbeit. Dieser sogenannte Annahmeverzug des Arbeitgebers darf weder zu einem Lohnabzug führen, noch ist die ausgefallene Arbeitszeit nachzuholen. Anders kann es bei Betriebsstörungen durch Naturereignisse aus­sehen, etwa bei einem Lieferengpass als Folge eines Gewitters. Aufgrund der Treuepflicht des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber könnte hier ausnahmsweise erwartet werden, dass einzelne ausgefallene Stunden ohne zusätzliche Entschädigung nachgeholt werden.

… mich in die Ferien schicken?

Die Chefin hat mir von einem Tag auf den anderen Ferien verordnet. Muss ich das hinnehmen?

Nein. Die Arbeitgeberin hat zwar das Recht, den Zeitpunkt der Ferien festzulegen, muss aber auf Ihre Wünsche Rücksicht nehmen. Wichtig ist in dieser Frage auch, dass die Arbeitnehmenden ihre Ferien planen können. Als Faustregel gilt eine Ankündigungs­frist von drei Monaten. Sie können ­also auf einen Ferienbezug zu einem anderen Zeitpunkt bestehen. Ausnahmen kann es bei betrieblichen Not­fäl­len geben.

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… mich meine Überstunden nicht kompensieren lassen?

Ich habe dem Chef mitgeteilt, ich würde demnächst meine Überstunden kompensieren. Das untersagte er mir unter Verweis aufs Gesetz. Was bedeutet das für mich?

Bei Uneinigkeit kann der Arbeitgeber tatsächlich auf einer Auszahlung bestehen. In diesem Fall schuldet er aber für jede Überstunde einen Zuschlag von 25 Prozent, sofern schriftlich nichts anderes vereinbart wurde.

… mich stempeln und warten lassen?

Ich muss zehn Minuten vor Laden­öffnung am Arbeitsplatz sein. Meine Anwesenheit wird mir nicht nach dem Einstempeln vergütet, sondern erst ab dem Moment, an dem die Türen des Ladens öffnen. Das finde ich unfair.

Zu Recht! Der Arbeitgeber darf zwar vorschreiben, wann Sie sich im Laden einzufinden haben. Doch die Zeit, in der Sie sich zu seiner Verfügung halten, ist bereits als Arbeitszeit zu betrachten – selbst dann, wenn Sie in dieser Zeit nur herumstehen und auf die Ladenöffnung warten.

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… Pausen einfach abziehen?

Mir wird eine Pause abgezogen, obwohl ich gar keine machen kann. Das geht doch nicht!

Das ist in der Tat nicht korrekt. Wenn Sie den Arbeitsplatz nicht verlassen können, weil sich die Tätigkeit nicht unterbrechen lässt oder Sie sich sonst zur Verfügung des Arbeitgebers halten, gilt die Pause als Arbeitszeit. Umgekehrt kann der Arbeitgeber Pausen vorschreiben; falls Sie in diesem Fall nicht davon Gebrauch machen, kann diese Zeit nicht als Arbeitszeit gutgeschrieben werden.

… mir die Rauchpause verweigern?

Muss mir der Chef nebst einem Unterbruch über Mittag eine zusätzliche Rauchpause erlauben?

Einen Anspruch auf weitere Pausen morgens oder nachmittags haben Sie nur, wenn die Mittagspause bei einer täglichen Arbeitszeit von mehr als neun Stunden weniger als eine Stunde beträgt. Der Arbeitgeber kann auf Rauchgewohnheiten Rücksicht nehmen, er muss aber nicht. Ansonsten gilt: Wenn Sie zum Rauchen nach draus­sen gehen, müssen Sie abends länger bleiben.

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… das Arztzeugnis schon am ersten Tag verlangen?

Mein Chef will das Arztzeugnis schon am ersten Krankheitstag. Ist das okay?

Das Gesetz schweigt sich darüber aus, ab wann ein Arztzeugnis vorzulegen ist. Massgebend ist daher, was im Arbeitsvertrag oder in den jeweiligen betriebsinternen Bestimmungen steht. Üblicherweise ist ein Zeugnis nach zwei oder drei Krankheitstagen vorzulegen. Es ist aber grundsätzlich zulässig, eines ab dem ersten Tag zu verlangen. Obwohl: Das zwingt oft zu un­nötigen Arztbesuchen – in Anbetracht der stetig wachsenden Gesundheitskosten völliger Unsinn.

… meine privaten E-Mails lesen?

Meine Chefin liest meine privaten E-Mails. Kann ich mich wehren?

Ja. Der Arbeitgeber darf als privat gekennzeichnete oder als solche erkennbare E-Mails nicht einmal dann lesen, wenn er die private E-Mail-Nutzung am Arbeitsplatz verboten hat. Falls die Mail nicht als privat gekennzeichnet ist, darf der Arbeitgeber aber davon ausgehen, dass es sich um eine geschäftliche Nachricht handelt. Die Geschäftsmails dürfen unter bestimmten Bedingungen gelesen werden.

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… mich zu Sitzungen zwingen?

Ich werde an arbeitsfreien Tagen zu Sitzungen aufgeboten. Der Aufwand wird mir nicht vergütet, daher will ich dem Chef nicht länger entgegenkommen. Kann er mich zur Teilnahme zwingen?

Ohne anderweitige vertragliche Bestimmungen sind Sitzungen oder ­Weiterbildungskurse ausserhalb der Arbeitszeiten als Überstunden zu betrachten. Wenn der Zusatzeinsatz für Sie zumutbar ist, müssen Sie den Weisungen des Arbeitgebers Folge leisten. Die Vergütung richtet sich nach der Überstundenregelung im Arbeitsvertrag – oder bei Fehlen einer solchen nach dem OR. Vertraglich kann eine Vergütung respektive eine Kompen­sation der Überstunden gültig aus­geschlossen werden.

… Zulagen bei Krankheit verweigern?

Wenn ich krank bin, zahlt mir der Arbeitgeber keine Schichtzulagen. Müsste er aber, oder?

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Ja. Im Fall einer Krankheit ist grundsätzlich der gleiche Lohn geschuldet, wie wenn man arbeiten würde. Sprich: Schicht- oder Sonntagszulagen sind ebenfalls auszuzahlen.

… mir Kleidervorschriften machen?

Neuerdings will mein Arbeitgeber mir sagen, was ich tragen soll. Darf er das?

Der Arbeitgeber hat ein Weisungsrecht. Das bedeutet, dass er Weisungen zur Ausführung der Arbeit oder zum Verhalten am Arbeitsplatz erteilen darf. Solche Weisungen müssen Sie befolgen, ausser, sie verletzen Ihre Persönlichkeitsrechte – oder sie sind schikanös. Von Angestellten mit Kundenkontakt geht man davon aus, dass sie die Firma repräsentieren. Daher wird von ihnen gepflegte Kleidung erwartet – respektive, dass sie sich dem Stil der Firma anpassen.