Urs Leuthard, was war die skurrilste Szene, die Sie im Bundeshaus je erlebt haben?
Das war wahrscheinlich das Gerangel oder die Prügelei zwischen den beiden SVP-Nationalräten Thomas Aeschi und Michael Graber und dem Sicherheitsdienst des Bundes im Sommer 2024. Ich war zwar nicht persönlich dabei, war aber an diesem Tag im Dienst und habe mir die Videoaufnahmen angeschaut. Wirklich skurril!

Glauben Sie, dass Herr und Frau Schweizer oft vergessen, welches Privileg unser politisches System eigentlich ist?
Ja, das denke ich tatsächlich. Viele wissen nicht, wie einzigartig unser politisches System weltweit ist und dass in keinem anderen Land die Mitsprache so gross ist. Das war für mich auch eine Motivation, das Buch zu schreiben.

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«In keinem anderen Land ist die Mitsprache so gross.»

Urs Leuthard, TV-Journalist

Sie haben jahrelang die «Arena» moderiert. Wie schwer fiel es Ihnen, bei diesem Buch neutral zu bleiben und nicht doch die eigene politische Meinung durchblicken zu lassen?
Ich bin nun seit 24 Jahren bei SRF in der politischen Berichterstattung tätig. Die politische Neutralität ist sozusagen zu meiner DNA geworden. Und da, wo ich Stellung beziehe, mache ich das im Interesse der Demokratie.

Warum driftet die Jugend politisch bei Themen wie Klima oder Gender so stark auseinander? Was bedeutet es für die Stabilität der Schweiz, dass junge Frauen linker und junge Männer rechter sind?
Wir sehen bei den jungen Frauen eine starke Politisierung durch die «Me too»-Bewegung, Gleichstellungsthemen und den Klimawandel. Bei den Männern gibt es bei diesen Themen gewissere Backlash-Tendenzen, nicht zuletzt repräsentiert durch den aktuellen US-Präsidenten. Wichtig für die Stabilität des Landes ist, dass sich die politischen Lager nicht als Feinde wahrnehmen, der Respekt voreinander ist absolut zentral.

Sie schreiben, bei Abstimmungen reiche manchmal das «Bauchgefühl». Wie hilft Ihr Buch, bei komplexen Vorlagen den Durchblick zu erhalten?
Natürlich ist es am besten, wenn man sich richtig in die Abstimmungsvorlagen reinknien kann. Aber Hand aufs Herz, diese Zeit haben wir oft nicht. Deshalb kann es auch mal schneller gehen. Im Buch gebe ich Tipps, wo man die wichtigsten Informationen findet, und erkläre, warum das Bauchgefühl gar kein schlechter Ratgeber ist.

Wie gefährdet ist unsere direkte Demokratie durch Desinformation und digitale Einflussnahme?
Wir sehen weltweit eine Schwächung der Demokratie. Desinformation untergräbt vor allem das Vertrauen in die Institutionen, was fatal ist. Die Situation in der Schweiz ist besser als in anderen Ländern, weil hier das Vertrauen grösser ist – gerade wegen der direkten Demokratie. Aber gefährdet ist auch unser System.

 

Buchtipp
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