Steckbrief

Annette und Achim kommen aus sehr unterschiedlichen Familien – aber beiden wurde eine ausgeprägte Harmonieliebe mitgegeben. Zu viel des Guten? In der vierten Folge unserer Serie «Schöner scheiden – wenn die Liebe hinfällt» erzählt die 45-Jährige, wie sie erst in der Trennung lernte, gemeinsam Konflikte anzugehen:

I. Aus und vorbei: «In seiner Welt lag das nicht drin – Affären hat man nicht»

Beobachter-Format Schöner scheiden: Herz , das in zwei Hälften zerbricht.

Angaben wie Namen und Orte wurden teilweise verfremdet – die Gefühle sind echt.

Quelle: Joël Borter - Fotos: Freepik

Die Kinder waren bei seinen Eltern, und wir sassen in einem Restaurant irgendwo in Zürich. Er hatte wohl ein bisschen Angst vor dem Gespräch und mir einen langen Brief geschrieben. Darin stand, er sehe, dass er mich nicht ausreichend unterstützt habe und das wirklich ändern wolle.

Ich habe ihn angeschaut und gesagt: «Ich finde das total lieb von dir, dass du mir so einen schönen Brief schreibst. Ich will dich nicht verlieren. Ich möchte dir sagen: Du musst dich nicht schlecht fühlen, ich lebe exakt das Gleiche. Ich weiss von deiner Affäre.»

Ich dachte, jetzt reden wir offen miteinander. Und dann schaute er mich an und sagte: «Sie und ich, wir haben uns nur einmal geküsst.» Ich so: «Hm, echt? Also, ich beobachte euch schon seit ein paar Monaten. Und wie gesagt, ich habe auch eine Affäre.» Und er: «Okay, ich muss aufs Klo.»

Und dann war er erst mal 20 Minuten weg.

Kapitelübersicht

Als er zurückkam, meinte er, er beende die Affäre sofort. Und dann habe ich gesagt: «Aber das will ich gar nicht. Aus irgendeinem Grund hast du die Affäre, und die gibt dir was Positives. Und ich habe ja gerade auch eine – und um ehrlich zu sein: Die möchte ich nicht beenden. Aber ich möchte mit dir drüber reden.»

Leider lief es an jenem Abend völlig anders, als ich gedacht hatte. Achim war völlig blockiert. Er wollte auch nichts über meine Affäre wissen. Das fand ich eigentlich das Schlimme: Er hatte alle Möglichkeiten, und das Einzige, worum ich ihn bat, war, dass wir darüber sprechen. Aber in seiner Welt lag das halt nicht drin. Affären hat man nicht.

«Und so sind uns unsere Prägungen zum Verhängnis geworden.»

Und das war auch schrecklich für mich, denn ich wollte so gern eine Verbindung spüren. Und in meinem Kopf hatte ich mir wirklich drei Monate lang vorgestellt, wie toll nach der Aussprache alles würde. Stattdessen war das der Anfang der Trennung, würde ich sagen. Weil ich mir da eingestehen musste: Wir hatten beide nicht die Fähigkeiten, zueinander zu finden.

Wir schafften es nicht, über unsere Probleme zu reden. Und selbst wenn – ein Konflikt hätte bei mir vermutlich nur dazu geführt, dass ich mich wieder zurückziehe. Ich habe in meinem Leben nie gelernt, Konflikte konstruktiv zu lösen. Und so sind uns unsere eigenen Prägungen zum Verhängnis geworden.

II. Wie alles begann: «Wir waren nicht wirklich aneinander interessiert»

Beobachter-Format Schöner scheiden: Ein Falter bewegt seine herzförmigen Flügel.
Quelle: Joël Borter - Fotos: Freepik

Wir kommen beide aus einer Kleinstadt in Deutschland und sind dort Mitte der Neunzigerjahre zusammen aufs Gymnasium gegangen. Wir hatten ein paar gemeinsame Freunde, aber sonst wenig Berührungspunkte.

Er war wahnsinnig gut in der Schule, fast schon der klassische Streber – und ich der Gegenpol, schaffte gerade so mein Abitur. Ausserdem hatte er damals eine Freundin. Wir waren nicht wirklich aneinander interessiert, würde ich sagen.

Später, als wir alle an verschiedenen Unis waren, traf man sich jeweils an Weihnachten in einer Bar. Da erzählte er, dass er in meine Nähe ziehen werde.

Er hat sich dann tatsächlich gemeldet, und wir haben einen total lustigen Abend verbracht. Darauf fingen wir an, zusammen die Welt zu erkunden. Und ich merkte: Das ist ein ganz toller Mensch.

Irgendwann hab ich mal den letzten Zug verpasst und musste bei ihm übernachten … und ja, ab da waren wir halt zusammen, ein halbes Jahr nachdem wir uns wieder getroffen hatten. Das war ungefähr 2008, da waren wir 28 Jahre alt.

«Mir hatte keiner beigebracht, wo Gabeln oder Messer liegen.»

Ich fragte mich damals, was wohl unser Umfeld darüber denkt. Wo wir herkommen, kennt jeder jeden – und Achims Familie sowieso, weil er aus gutem Hause kommt. Ich stamme nicht aus einer Akademikerfamilie, und damals war das für mich tatsächlich spürbar.

Mir hatte keiner beigebracht, wo Gabel oder Messer liegen. Ich weiss noch, dass ich wirklich Angst hatte, nicht gut genug zu sein, und dachte: «Boah – passe ich hier rein? Darf ich dazugehören?»

Dabei hatte ich ja einen Beruf und stand auch super da – aber das waren noch diese alten Gedanken. Achim hat mir eigentlich immer das Gefühl gegeben, dass ich richtig bin. Und seine Eltern auch. Ich fand es wahnsinnig schön, wie herzlich ich in seine Familie aufgenommen worden war.

Nachdem wir vier, fünf Monate zusammengelebt hatten, bekam ich ein Jobangebot, ein grosses Projekt in Zürich – und zog in die Schweiz. Dadurch hatten wir auf einmal wieder eine Wochenendbeziehung, die uns aber auch zu schönen Ritualen gebracht hat.

Wir haben zum Beispiel am Sonntagnachmittag immer im Lily’s noch ein grosses Bier getrunken. Und dann hat man sich dann ein bisschen beduselt verabschiedet. Ich glaube, das hat uns sehr verbunden – und auch uns mit Zürich. Also hat er sich hier ebenfalls einen Job gesucht, und so sind wir zusammen in der Schweiz gelandet.

III. Der Anfang vom Ende: «Ich fühlte mich total allein»

Beobachter Schöner scheiden: Zwei Herzen mit Fliegen
Quelle: Joël Borter - Fotos: Freepik

Bevor wir Kinder bekamen, hatten wir auch besprochen, dass eine Familie für uns karrieremässig einen Rückschritt bedeuten würde. So jedenfalls habe ich das im Kopf. Wir hatten beide gute Jobs und auch ein ähnliches Gehalt.

Achim hatte immer gesagt, Familie sei ihm superwichtig. Und ich wollte einen Mann, mit dem ich mir das auf Augenhöhe teilen kann – definitiv keinen Karrieremenschen, der nachher 60, 80 Stunden die Woche arbeitet und viel Geld nach Hause bringt. Wir kriegen nicht Kinder, damit die dann fünf Tage irgendwo bei der Nanny oder in der Krippe sitzen.

Als ich Anfang 30 war, haben wir angefangen zu probieren. Wir dachten, es dauere sicher zwei, drei Jahre. Und dann war ich natürlich sofort schwanger.

Als es darum ging, dass wir beide auf 80 Prozent reduzieren, habe ich das sofort bei meinem Arbeitgeber angesprochen. Aber Achim, mit seinem Harmoniebedürfnis, hat das leider dauerhaft versäumt – und stattdessen eine Beförderung angenommen, die auch noch mit viel Herumreisen verbunden war. Und ich so: «Wie jetzt?! Was heisst das?!»

«Ich bekam richtig Panik.»

Ich fühlte mich total allein. Für mich war das so ein Sicherheitsding. Ich hatte ein relativ schwieriges Verhältnis zu meinen Eltern und überhaupt kein Bild davon, was es heisst, eine gute Mutter zu sein.

Ich bekam richtig Panik und hatte sogar einen Hörsturz während der Schwangerschaft. Ich glaube, Achim konnte nicht sehen, wie es mir gerade ging.

Er dachte wohl: «Hey, ich mache Karriere für die Familie, damit es uns finanziell gut geht.» Aber Geld war für mich nie die Art Sicherheit, die ich brauchte. Wir hatten zwar besprochen, wir teilen uns die Familie, aber wahrscheinlich hatten wir beide ein sehr unterschiedliches Bild davon.

Nach der Geburt unseres Sohnes 2012 ist Achim dann tatsächlich sehr viel verreist, und das Kind schlief die ersten Monate fast gar nicht. Es hat nur geschrien. Ich war fertig mit den Nerven und habe mich wahnsinnig allein gefühlt.

Diese Verletzung ging wirklich tief. Danach konnte ich mich nie mehr so richtig auf unsere Beziehung einlassen.

Nicht, dass wir keine gute Zeit miteinander gehabt hätten. Dadurch, dass wir beide harmoniebedürftig sind, sah das nach aussen wohl auch immer super aus. Aber ich hab ihn alle paar Monate für 20 Minuten angeschrien und gesagt, was alles scheisse ist: Du bist nie zu Hause. Alles muss ich allein machen. Die Klassiker eben. Ganz schlimm.

Und er ist einfach dagestanden und hat gar nicht reagiert. Das war natürlich noch schlimmer, denn ich wollte ja irgendeine Reaktion.

«Irgendwann wusste ich plötzlich gar nicht mehr, wer ich bin und was ich will.»

Er hat sich dann eher entschuldigt und gesagt, er wisse auch nicht, wie er es besser machen soll. Es ist seine Art, zu kommunizieren. Ein bisschen fischig, nie so ganz greifbar. Das war wahrscheinlich auch ein Schutzmechanismus von ihm.

Irgendwann wusste ich plötzlich gar nicht mehr, wer ich bin und was ich will. Ich fühlte mich eingesperrt in diesem Leben. Aber Aufgeben war undenkbar. Meine Eltern hatten sich getrennt, und ich hatte sehr darunter gelitten. Darum kam eine Trennung für mich niemals in Frage – komme, was wolle.

Und tatsächlich groovte ich mich irgendwie ein in die Rolle als Mutter. Und so wurde ich im Jahr darauf wieder schwanger. Wir wollten kein Einzelkind. Und wir hatten uns ja auch noch gern.

Etwa 2017 haben wir dann zusammen ein Haus gekauft. Das war ein sehr schöner Prozess, weil Achim da wahnsinnig viel Verantwortung übernommen hat. Und das fand ich wunderbar – zu sehen, dass wir das gemeinsam machen konnten. Ich habe mir dann auch vorgenommen, nicht mehr diese Frau zu sein, die alle paar Monate völlig ausflippt.

«Parallel dazu hatte ich auch eine Affäre angefangen, mit einem Arbeitskollegen.»

Aber dann hab ich zu Hause – neben dem Job – einfach wieder alles gemacht. Und ich bekam eines Tages zum ersten Mal in meinem Leben eine Grippe und wurde so richtig krank. Die Kinder waren etwa vier und sechs Jahre alt. Ab da sind wir in unserer Beziehung auseinandergedriftet. Und in jener Zeit haben wir auch beide Affären angefangen.

Ich habe früh gemerkt, dass sich zwischen ihm und einer Bekannten was anbahnt. Und ich habe schon immer gesagt: «Achim, wenn du mal ein Bedürfnis hast, dann lass uns einfach darüber sprechen. Ich bin da total offen.» Als ich ihn darauf ansprach, sagte er bloss: «Wie kommst du immer auf so einen Scheiss?» Aber ich wusste da schon längst, dass sie Sex hatten.

Welcher Song hat dich durch eine Trennung oder bittersüsse Zeiten begleitet? Schreibs uns in die Kommentare!

Parallel dazu fing ich auch eine Affäre an, mit einem Arbeitskollegen – erst war ich noch zurückhaltend, bis ich mir sicher war, dass bei Achim auch was läuft. Ich glaubte, wir bräuchten diese Affären. Und sie würden uns am Ende guttun, weil wir dann endlich mal miteinander reden und Dinge klären müssten.

In meinem Kopf war das wirklich unser Sprungbrett in eine gute Beziehung. Leider entwickelte sich das Gespräch im Restaurant dann aber nicht wie erhofft. Und so haben wir Ende 2018 unsere Trennung eingeleitet.

IV. Das neue Miteinander: «Achim war auch finanziell superfair»

Beobachter-Format Schöner scheiden: Zwei Hälften eines gebrochenen Herzens werden mit einem Pflaster zusammengeflickt.
Quelle: Joël Borter - Fotos: Freepik

Wir haben von Anfang an gesagt: Wir haben eine gemeinsame Verantwortung und wollen auch weiterhin eine Familie bleiben. Und dann sind wir zu Beginn der Skiferien am Frühstückstisch gesessen, haben uns angeguckt und gesagt: «O Scheisse, jetzt müssen wir es den Kindern sagen.»

Ich musste natürlich sofort heulen. Und da schaute mich der Kleine an und sagte: «Mama, warum weinst du denn jetzt? Das kann doch mal passieren, dass man sich trennt.»

Ich war wahnsinnig froh, dass Achim da viel gefasster war und in dem Moment viel besser mit den Kindern sprechen konnte. Wir malten ein Bild mit zwei Wohnungen drauf und einer Brücke dazwischen und sagten: «Wir können mal alle vier in der einen Wohnung sein, mal alle vier in der anderen.»

Die Kinder haben das gut aufgenommen. Wir entschieden, dass er mit den Kindern im Haus bleibt. Ich habe dann relativ schnell eine Wohnung in Gehdistanz gefunden und bin zwei Monate nach der Trennung ausgezogen.

Für die eigentliche Trennung haben wir uns als Familie aber viel, viel Zeit genommen. Und dadurch, dass da die Corona-Zeit anfing, haben wir eigentlich fast jeden Tag zusammen gegessen.

Achim war auch finanziell superfair. Er war sehr freigiebig und hat in den ersten zwei Jahren auch für mich bezahlt, also Unterhalt, Kinderalimente. Obwohl wir ja nicht verheiratet waren. Aber wir hatten einen Konkubinatsvertrag geschlossen, damals, als ich bei der Arbeit reduziert hatte.

Für Achim war das Ganze auch beruflich ein Riesending. Er musste plötzlich sagen, er sei getrennt und müsse sich nun um die Kinder kümmern – und auf einmal war möglich, was vorher ausgeschlossen schien. Ab dem Moment, als ich auszog, ist er nicht mehr verreist.

Er ist sehr in die Vaterrolle hineingewachsen. Er musste aber auch, weil ich nicht mehr kompensiert habe. Und ich habe plötzlich gemerkt, dass ich ihm vorher vielleicht auch den Raum dazu gar nicht gegeben hatte, unbewusst.

Und wie geht deine Trennungsstory?

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V. Wie weiter: «Ich hatte schon einen Groll, aber ich bin nicht mehr wütend»

Beobachter-Format Schöner scheiden: Zwei herzförmige Wegweiser zeigen in unterschiedliche Richtungen.
Quelle: Joël Borter - Fotos: Freepik

Heute teilen wir uns die Betreuung der Kinder fifty-fifty. Wobei die beiden jetzt ein Alter haben, in dem sie natürlich ein- und ausgehen, wann sie wollen.
Die Trennung hat uns noch mal wahnsinnig zusammengeschweisst. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich da einen Partner habe – und er vielleicht auch.

Unser Harmoniebedürfnis kommt uns weiterhin zugute. Ich war wahnsinnig verletzt und Achim hatte ja auch Verletzungen. Aber wir haben sehr darauf geachtet, dass wir uns gegenseitig ernst nehmen und respektieren.

«Ich bin froh, dass wir Kinder zusammen haben.»

Ich muss sagen, ich hatte schon einen Groll. Aber ich bin nicht mehr wütend. Ich finde immer noch: Da waren Dinge, die hat Achim nicht gut gemacht. Er hat nach der Trennung auch gesagt, er wisse bis heute nicht, warum er mich damals nicht unterstützen konnte.

Aber ich glaube, es war auch wichtig für mich, zu sagen: «Na ja, ich habe es ja auch mit mir machen lassen. Ich bin ja für mich selbst verantwortlich, und das habe ich halt selbst verpennt.»

Da wir durch die Kinder verbunden sind, sind wir natürlich immer noch in einer Elternbeziehung, die sich fortlaufend verändert. Und wir wissen, dass das Arbeit ist. Aber wir finden uns mittlerweile sehr, sehr gut, weil wir uns jetzt viel besser kennen.

Achim ist vor kurzem mit seiner neuen Partnerin zusammengezogen. Ich bin auch in einer neuen Beziehung, aber geniesse es, meine eigenen vier Wände zu haben.

Und ich finde, Achim ist ein ganz, ganz toller Mensch. Ich bin froh, dass wir Kinder zusammen haben.