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SchmerzmittelOft das falsche Rezept

Rezeptfreie Schmerzmittel verschaffen Linderung, sind aber nicht harmlos: Wer zu viel davon nimmt, macht das Leiden schlimmer.

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«Das Leben ist zu schön für Schmerzen»: Dieser frühere Werbeslogan eines deutschen Schmerzmittelherstellers drückt aus, was viele denken: Von Schmerzen lässt man sich nicht aufhalten – wenn nötig unterdrückt man sie. Oft sogar vorbeugend: So gaben etwa am Jungfrau-Marathon bereits 1998 über 30 Prozent der Teilnehmer an, vor dem Start zu einer Tablette gegriffen zu haben. Noch bedenklicher ist die Situation bei den Profis: Laut einer Studie des Weltfussballverbands Fifa haben bei der WM 2010 39 Prozent der Spieler vor jeder Partie Schmerzmittel genommen.

Gesund ist das nicht. Die bekannten Nebenwirkungen reichen von blutigem Durchfall und Übelkeit über Kreislaufpro­bleme bis hin zu akutem Nierenversagen. Wenn überhaupt, sollten Schmerzmittel erst nach der körperlichen Anstrengung eingenommen werden – und wer vor dem Lauf bereits unter Schmerzen leidet, müsste vernünftigerweise darauf verzichten.

Schmerzmittel

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Viele Tabletten, selber Wirkstoff

Doch auch unter Nichtsportlern sind Schmerzmittel weit verbreitet. Jeder dritte Bauarbeiter greift regelmässig zur Tablette, zeigt eine Umfrage der Gewerkschaft Unia. Und in der schweizerischen Gesundheitsbefragung gab jeder Fünfte an, in der letzten Woche mindestens ein Mittel gegen Schmerzen eingenommen zu haben. Bei beiden Geschlechtern ist der Verbrauch seit der ersten Gesundheitsbefragung 1992 angestiegen.

Etwa 60 verschiedene Schmerzmittel gibt es hierzulande frei in jeder Apotheke zu kaufen. Allerdings täuscht das grosse Angebot darüber hinweg, dass in vielen Tabletten derselbe Wirkstoff steckt. Seit 2004 sind nur noch fünf Substanzen zum freien Verkauf zugelassen: Acetylsalicyl­säure, Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen und Paracetamol.

Pures Gift für die Leber

Harmlos ist keine der zugelassenen Substanzen. Ibuprofen und Diclofenac erhöhen laut einer Studie der Uni Bern das Risiko für Herzinfarkte und Schlag­anfälle, Acetylsalicylsäure hemmt die Verklumpung von Blutplättchen und damit die Blutgerinnung. Zudem können sie alle auf den Magen schlagen. Einzig Paracetamol gilt als magenverträglich, ist aber in höheren Dosen das reinste Gift für die Leber. Neuere Studien weisen darauf hin, dass Leberschäden bereits bei mässigem Konsum entstehen können. Der deutsche Pharmakologe Kay Brune würde Paracetamol deshalb am liebsten verbieten oder wenigstens unter Rezeptpflicht stellen.

In der Schweiz sieht man wegen der bereits eingeführten Mengenbeschränkung keinen Handlungsbedarf: Arzneimittel werden auch nach der Zulassung überwacht. Und wenn sich Signale ergeben, die Einschränkungen des Zulassungsspektrums oder weitergehende Massnahmen erfordern, werden diese ­umgesetzt, so das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic. Aktuell bestehe beim Wirkstoff Paracetamol dazu kein Anlass.

Reine Symptombekämpfung

Auch das Toxikologische Informationszentrums in Zürich hält nicht viel von einer Rezeptpflicht, obwohl es fast täglich mit Anfragen zum Wirkstoff Paracetamol konfrontiert wird. Das Problem würde sich vermutlich verschieben, so das Informationszentrum, da sich viele ihr Medikament einfach im Internet bestellen würden. Es müsste ein verantwortungsvoller Umgang mit Schmerzmitteln auch ohne Rezeptpflicht möglich sein.

Das bedingt unter anderem, die empfohlene Tagesdosis nicht zu überschreiten, ohne ärztlichen Rat kein Schmerzmittel länger als drei Tage in Folge einzunehmen und bei weiter andauernden Schmerzen unbekannter Ursache einen Arzt aufzusuchen. Die Unterdrückung von Schmerzen mag im Moment richtig und sinnvoll sein, eine dauerhafte Lösung ist sie nicht, weil es sich um reine Symptombekämpfung handelt. Die Analgetika, wie die rezeptfreien Schmerzmedikamente im Fachjargon heis­sen, dämpfen zwar die Schmerzempfindung, beseitigen aber nicht die Ursache.

Der Gang zum Arzt lohnt sich oft allein deshalb, weil sich unspezifische und unheilbare Schmerzen wie zum Beispiel Migräne mit rezeptpflichtigen Medikamenten oft besser behandeln lassen als mit Para­cetamol und Co. Und bei Spannungskopfschmerzen oder Menstruationsbeschwerden wirken Methoden der Komplementärmedizin oder grundsätzliche Veränderungen im Lebensstil meist nachhaltiger als pharmazeutische Produkte.

Ironischerweise können nämlich gerade die Helfer gegen Kopfweh und ähnliche Beschwerden neue Schmerzen auslösen.

Tipps für den Umgang mit Schmerzmitteln

Obwohl rezeptfreie Schmerzmittel bei kurzer Einnahmedauer in der Regel gut verträglich sind, heisst «rezeptfrei» nicht «ungefährlich». Für einen sach­gerechten Umgang gilt Folgendes:

  • Nehmen Sie nicht irgendein Schmerzmittel, sondern lassen Sie sich in der Apotheke oder beim Hausarzt beraten, welches Mittel in Ihrer Situation am besten geeignet ist.

  • Achten Sie weniger auf Produkte­namen, sondern vor allem auf die darin enthaltenen Wirkstoffe.

  • Um Überdosierungen zu vermeiden, sollten Sie nach der Einnahme eines Grippemittels auf Schmerzmittel verzichten. Viele Grippemittel enthalten bereits entsprechende Wirkstoffe, und die empfohlene Tagesdosis ist schnell überschritten.

  • Unerwünschte Wechselwirkungen vermeiden Sie nur, wenn Sie die Apothekerin vor dem Kauf über sämtliche Medikamente informieren, die Sie einnehmen.

  • Verzichten Sie nach der Einnahme von Schmerzmitteln auf Alkohol. Das gilt insbesondere nach der Einnahme von Mitteln mit dem Wirkstoff Paracetamol.

  • Nehmen Sie Schmerzmittel nicht im Beisein von Kindern ein und bewahren Sie sie an einem für Kinder unzugänglichen Ort auf.

  • Die meisten rezeptfreien Schmerz­mittel sind für Kinder und Schwangere ungeeignet. Lassen Sie sich von einer Ärztin oder in der Apotheke beraten.

  • Suchen Sie bei anhaltenden Schmerzen einen Arzt auf, um die eigentliche Ursache der Beschwerden heraus­zufinden. Bei chronischen Schmerzen hilft auch die Beratung in einer Schmerzsprechstunde.

Wirkstoffe in rezeptfreien Schmerzmitteln

  • Acetylsalicylsäure
    Unter anderem enthalten in Aspirin, Alcacyl, Alka-Seltzer
    
Nebenwirkungen: wirkt unter anderem blutverdünnend, kann zu Magengeschwüren und -blutungen führen

  • Paracetamol
    Unter anderem enthalten in Contra-Schmerz, Panadol, Dafalgan

    Nebenwirkungen: unter anderem Leberschäden (bei hohen Überdosierungen tödlich), deshalb vor allem für Leute mit hohem Alkoholkonsum ungeeignet

  • Diclofenac
    Unter anderem enthalten 
in Tonopan, Voltaren
    Nebenwirkungen: unter anderem 
Magen-Darm-Probleme, Herz-Kreislauf-Probleme, Schwindel

  • Ibuprofen
    Unter anderem enthalten 
in Algifor, Dolocyl, Saridon

    Nebenwirkungen: unter anderem 
Magen-Darm-Probleme, Herz-Kreislauf-Probleme, Schwindel

  • Naproxen
    Unter anderem enthalten 
in Aleve

    Nebenwirkungen: unter anderem 
Magen-Darm-Probleme, Kopfweh, Schwindel
Ausführliche Informationen über mögliche Nebenwirkungen sind den Packungsbeilagen 
zu entnehmen.

Weitere Informationen

Veröffentlicht am 16. Juli 2012