Leserfrage: «Ich habe solche Angst vor der Spritze. Können Sie mir helfen?»

Aus Ihrem Schreiben sehe ich, dass Ihr Leben immer wieder von Ängsten begleitet war. Das hat mich betroffen gemacht. Als Kind war es bei Ihnen am schlimmsten. Sie waren ein Rockzipfelkind, ein Elternteil musste immer in der Nähe sein. Oft waren die Nächte schwierig, wenn es dunkel war. Besonders unter dem Bett Ängste bei Kindern Das Monster unter dem Bett , da hätte sich ja jemand oder etwas verstecken können. Oder auch der Keller mit den vielen Spinnen.

Irgendwie war es aber einfacher als Kind, denn einige Freundinnen hatten auch Angst vor Spinnen. Und der Nachbarsbub wurde sogar ohnmächtig, als Sie sich das Knie aufschürften und er Blut sah.

Die Ängste blieben Ihnen als Begleiter, auch im Erwachsenenleben Chronische Angst Wenn es mehr als nur Sorgen sind . Einige haben Sie gemeistert. Das Skifahren macht so viel Spass, dass Sie die Höhenangst in der Gondel mit der Zeit überwinden konnten. Den Tauchkurs im Roten Meer mussten Sie aber abbrechen. Die israelische Tiefenangst war irgendwie stärker als die Bündner Höhenangst.

Geholfen – nicht geholfen

Geholfen hat Ihnen eine Psychotherapie, allerdings hat sich der Effekt in den letzten Jahren etwas verloren. Nicht geholfen haben all die Sprüche aus dem Umfeld, dass es ja nur Angst sei. Als ob Sie das nicht wüssten.

Nicht geholfen hat auch die Pandemie Pandemie-Trance «Corona macht mir Angst und verärgert» . Sie lieben Ihre Grossmutter, hatten nun aber im letzten Jahr immer Angst, sie trotz Distanz und Maske anzustecken. Deshalb möchten Sie ja auch die Impfung so dringend. Aber schon nur die Vorstellung lässt Sie zaudern. Diese silbrige Nadel war schon in der Kindheit sehr beängstigend. Und dann wird etwas in den Muskel gespritzt, von dem man gar nicht so viel weiss Covid-Impfung Das müssen Sie über die Impfung wissen . Auch dieser Gedanke verursacht bei Ihnen nasse Hände und Herzrasen.

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Bis zur Phobie

Angst ist ein unangenehmes, aber normales Gefühl Psychologie Wovor haben wir Angst? . Angst warnt uns vor Gefahren und lässt uns vorausplanen, sodass schwierige Situationen gar nicht erst entstehen. Angst fördert unsere Leistungsfähigkeit und Konzentration, wenn es drauf ankommt, etwa bei einer Prüfung oder einer Rede.

Probleme entstehen, wenn Angst übermässig ist. Sehr spezifische Ängste nennt man Phobien. Jedes fünfte Kind hat Angst vor Spritzen. Im Erwachsenenalter ist es noch jede 20. Person. Viele Betroffene haben wie Sie nicht nur eine Phobie, nein, sie haben ein ganzes Regal voll – Insekten, Schlangen, Hunde, Blut, Flugzeuge, Fähren, offene Plätze, enge Räume, Erbrechen oder eben Spritzen.

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Die Angst austricksen

Was kann ich Ihnen nun empfehlen? Sie haben ja eigentlich gute Erfahrungen mit einer Psychotherapie Psychotherapie Wer kann mir durch die Krise helfen? gemacht. Kontaktieren Sie doch die Psychologin von damals und fragen Sie, ob ein paar sogenannte Booster-Sitzungen möglich wären. Das wäre eine sehr effiziente und nachhaltige Unterstützung.

«Vielleicht schauen Sie sich Videos an, in denen jemand geimpft wird. Immer wieder.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

Falls das in der kurzen Zeit nicht möglich ist, gibt es vielleicht ein paar Tricks, die helfen können. Angst hat zwei Eigenschaften, die Sie nutzen können: Sie ist vehement, aber hat wenig Ausdauer und ebbt nach 5 bis 15 Minuten ab wie eine Welle. Und sie hat etwas gegen Wiederholungen. Beim Tauchen brachen Sie nach dem dritten Mal ab. In der Gondel blieben Sie dran und stiegen mehrmals täglich ein, zusammen mit einer Freundin, die Sie ablenkte. Beim fünften Mal ging es schon einigermassen, und Ende Woche ging es schon sehr gut.

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Vielleicht kann Ihnen die Hausärztin eine Spritze zur Verfügung stellen, die Sie immer wieder anschauen und in die Hand nehmen. Oder Sie schauen sich Videos an, in denen jemand geimpft wird. Immer wieder. Am besten zuerst wieder mit der Freundin zusammen.

Infos filtern lassen

Suchen Sie sich zudem eine «Informationschefin». In Ihrer Angst nehmen Sie selektiv vor allem negative Informationen über die Impfung wahr. Delegieren Sie die Verantwortung für die Information an eine Vertrauensperson, zum Beispiel an Ihre Hausärztin. Fragen Sie sie, ob die Impfung für Sie geeignet ist und ob es etwas gibt, das Sie unbedingt wissen sollten. Sie wird Sie in Ihrem Sinn beraten.

Und denken Sie sich ein Bild aus, das Ihnen Mut macht und Rückenwind gibt. Stellen Sie sich ein wunderschönes Geburtstagsfest mit Ihrer Grossmutter vor, im Garten, an einem sonnigen Tag, Sie ganz entspannt. Die Überwindung der Angst ist ein wichtiger Schritt auf dieses Bild zu.

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Und nein, es ist nicht «nur Angst». Ängste sind instinktiv. Auf einer Wanderung Wanderunfall vermeiden Tipps für eine sichere Wanderung mussten wir vor kurzem unerwartet ein sehr steiles Schneefeld überqueren. Die Angst sass uns allen im Nacken.

Sie überqueren im übertragenen Sinn jeden Tag solche Schneefelder. Meinen Respekt haben Sie verdient.

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an:
thomas.ihde@beobachter.ch

Oder per Post an:

Thomas Ihde
Beobachter
Postfach
8021 Zürich

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