Jede zweite Person in der Schweiz erkrankt im Lauf ihres Lebens psychisch – jede vierte so stark, dass ihre Arbeitsfähigkeit leidet. Das ist nicht nur für die Betroffenen selbst eine grosse Herausforderung, sondern auch für alle anderen, die mit der Situation in Berührung kommen.

Irgendwie anders als sonst

Andrea, Bea, Kurt und Daniel arbeiten zusammen in der Marketingabteilung einer Versicherung. Seit ein paar Wochen ist Daniel irgendwie anders als sonst. Er zieht sich zurück, fällt immer mal wieder tageweise aus. Das nervt vor allem seine Stellvertreterin Bea, weil sie viele Überstunden machen muss. Kurt verdächtigt den Kollegen Kündigungsschutz Der ist doch nicht krank! , er mache häufig blau. Andrea macht sich einfach Sorgen. Was niemand weiss: Daniel leidet an einer Depression Depression am Arbeitsplatz Wie geht man damit um? .

Wer psychisch krank oder belastet ist, verhält sich gegenüber Arbeitskollegen teilweise übertrieben fröhlich – oder ist im Gegenteil völlig in sich gekehrt. Auf jeden Fall anders als sonst, nicht authentisch. Solche frühen Warnzeichen werden häufig missverstanden und machen es schwierig, ins Gespräch zu kommen. Das kann dazu führen, dass Betroffene plötzlich gemieden oder sogar gemobbt werden Mobbing So wehren Sie sich richtig – mit teils verheerenden Folgen. In einer solchen Situation fragt man sich als Arbeitskollegin oder -kollege am besten, wie man selbst behandelt werden möchte.

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Das können Arbeitskollegen tun

  • Fragen Sie nach: «Du, wie geht es dir eigentlich?» ist ein guter Anfang.
  • Akzeptieren Sie es, wenn die Gegenseite nicht reden will.
  • Versuchen Sie nicht, jemanden zu «therapieren».

«Achtung vor der Therapeutenrolle», warnt auch die Churer Psychologin Sereina Venzin, die Firmen zu psychischer Gesundheit und Prävention berät. «Wer sich im Umgang mit psychischen Krankheiten aber mehr Know-how holen will, macht zum Beispiel den Ensa-Erste-Hilfe-Kurs, wo man lernt, kompetent zu handeln und Betroffene zu unterstützen» (siehe unten «Tipps zu Hilfsangeboten»).

Wichtig: Die Bedürfnisse der erkrankten Person sind das eine. Doch auch Teammitglieder, die immer wieder einspringen, zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen und sich stets solidarisch zeigen, können an ihre Grenzen stossen. Auch sie haben ein Recht, von Vorgesetzten gehört und entlastet zu werden Stress am Arbeitsplatz Die Firma haftbar machen .

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Ein schwieriges Gespräch

Esther ist die Teamleiterin. Sie hat einen guten Draht zu Daniel. Dennoch ist ihr das Gespräch, das sie angesetzt hat, sehr unangenehm. Daniels viele Absenzen Arbeitsrecht Krankgeschrieben – was heisst das? fallen langsam auf. Und wenn es etwas Privates ist? Als Vorgesetzte kann sie doch nicht einfach in seinem Privatleben herumschnüffeln …

Arbeitgeber sind von Gesetzes wegen verpflichtet, die Gesundheit der Angestellten zu schützen. Das gehört zur sogenannten Fürsorgepflicht. In einem ersten Schritt kann das heissen, die betroffene Person zu entlasten – etwa indem sie von einem Projekt abgezogen wird, weniger Kundenkontakt hat oder indem man ihre Leistungsziele anpasst. Falls sich die Situation nicht bessert, müssen Vorgesetzte nachhaken. Wenn es Betroffene wünschen, kann auch ein Gespräch mit einem Familienangehörigen, der Partnerin, dem Partner, einer behandelnden Ärztin oder einem behandelnden Psychologen sinnvoll sein.

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Das können Vorgesetzte tun

  • Vier-Augen-Gespräch ansetzen und sich dafür genügend Zeit nehmen.
  • Entlastungsmöglichkeiten diskutieren und notfalls anordnen.
  • Hartnäckig sein: die betroffene Person ermutigen, professionelle Hilfe anzunehmen.

Als Vorgesetzte sollte man die Hilfsangebote kennen, die bei psychischen Erkrankungen offenstehen. So kann man sich etwa an die Krankentaggeldversicherung oder an die Invalidenversicherung wenden (siehe «Tipps zur Früherfassung»).

Offen kommunizieren

Im Gespräch offenbart sich Daniel: Früher hat er immer mal wieder unter depressiven Verstimmungen gelitten, mal mehr, mal weniger. Einmal wurde ihm deswegen sogar gekündigt Arbeitsunfähigkeit Krank… und gekündigt . Das Gespräch mit Esther hat ihm aber Mut gemacht. Sie hat sich ehrlich für seine Probleme interessiert. Auch wenn er sich schämt Vorurteile Psychische Krankheiten sind keine Einbildung : Er entschliesst sich, sich in einer Klinik behandeln zu lassen, und ist darum zu 100 Prozent krankgeschrieben. 

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Wenn klar ist, dass die betroffene Person (teilweise) ausfällt, gilt es, das dem Team mitzuteilen. Wie und was genau kommuniziert wird, sollte man mit der erkrankten Person unbedingt vorher absprechen. Was man wissen muss:

Arbeitnehmer sind nicht verpflichtet, den Grund für ihre Arbeitsunfähigkeit zu nennen. Ob die Vorgesetzte also von einer «krankheitsbedingten Abwesenheit» spricht oder die psychische Erkrankung offenlegt, entscheidet die betroffene Person selbst. Eine dafür einberufene Teamsitzung eignet sich für die Kommunikation am besten. So sind alle auf dem gleichen Stand, und die Vertretung kann miteinander organisiert werden.

Das können Vorgesetzte tun

  • Offen über die Abwesenheit informieren – in Absprache mit der betroffenen Person.
  • Anfallende Arbeiten verteilen, Stellvertretungen organisieren, zusätzliche Ressourcen (be)schaffen.

Das können Arbeitskollegen und Vorgesetzte tun

  • Kleine Gesten der Aufmerksamkeit: Karte schreiben, Blumenstrauss organisieren, eine Nachricht schicken et cetera. Das zeigt der betroffenen Person, dass sie wertgeschätzt und nicht vergessen ist.
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Die Rückkehr vorbereiten

Nach drei Monaten kehrt Daniel an seinen Arbeitsplatz zurück. Zuerst mit einem 50-Prozent-Pensum. Danach ist ein kontinuierlicher Ausbau geplant. Daniel freut sich eigentlich, ist aber verunsichert. Er fragt sich, wie ihm die Teamkollegen begegnen werden.

Die Rückkehr einer Kollegin oder eines Kollegen will gut vorbereitet sein.

Das können Vorgesetzte tun

  • Vorgängig eine Teamsitzung einberufen und die Arbeitskollegen über alle Modalitäten der Rückkehr informieren.
  • Die betroffene Person an ihrem ersten Tag willkommen heissen und begleiten.

«Wichtig ist, dass man eine Arbeits- und Pensumanpassung nicht als Extrawurst betrachtet und die Person nicht wie eine Ausserirdische behandelt», sagt Expertin Sereina Venzin. «Am besten bindet man sie wieder so selbstverständlich ins Team ein, wie es eben auch vorher war.»

Das können Arbeitskollegen tun

  • Bei Unsicherheit: nachfragen, ob beziehungsweise wie die betroffene Person auf ihre Krankheit angesprochen werden will.

Für Venzin ist auch klar: «Eine jede solche Episode kann für Arbeitskollegen, Vorgesetzte und die Firma selbst eine grosse Chance sein. Man kann sie zum Anlass nehmen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und zu lernen, wie man mit psychischen Belastungen oder Erkrankungen am Arbeitsplatz umgeht. Das hat letztlich Signalwirkung für alle Mitarbeitenden.»

Das ist wichtig. Denn jede und jeder könnte Daniel sein.

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Tipps: Früherfassung bei der IV

Wenn jemand arbeitsunfähig ist, kann schon nach 30 Tagen eine Meldung zur Früherfassung an die Invalidenversicherung gehen. Das kann die betroffene Person selbst tun – aber auch Arbeitgeber, Familienangehörige, Ärzte oder die Krankentaggeldversicherung sind berechtigt.

Die IV nimmt dann Kontakt mit der betroffenen Person auf und klärt ab IV-Abklärung So gehen Sie mit der Invalidenversicherung um , ob eine Frühintervention sinnvoll ist. Ziel ist, den bisherigen Arbeitsplatz zu erhalten oder rasch einen neuen, passenden zu vermitteln.

Mögliche Massnahmen sind: Anpassung des Arbeitsplatzes, Ausbildungskurse, Berufsberatung, sozialberufliche Rehabilitation und Beschäftigungsmassnahmen. Falls die IV im Rahmen der Früherfassung feststellt, dass Eingliederungsmassnahmen notwendig sind oder gar ein Rentenanspruch bestehen könnte, fordert sie die Betroffenen auf, sich formell zum Bezug von IV-Leistungen anzumelden Invalidenversicherung Das müssen Sie über die Invalidenrente wissen .

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Tipps zu Hilfsangeboten

Anlaufstellen:

Websites:

Kurs und Beratung:

  • Ensa-Erste-Hilfe-Kurs: zwölfstündiger Kurs von Pro Mente Sana mit Grundlagenwissen zu psychischen Erkrankungen, Erkennung und Unterstützung
  • Proitera: externe Personal- und Sozialberatung, mit der Firmen zusammenarbeiten können
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