Dieser Beitrag ist Teil unserer Artikelserie «Was 2020 sonst noch geschah – 12 Geschichten über erfreuliche Entwicklungen». Alle Artikel der Serie finden Sie am Ende dieses Artikels oder hier.

Vogel des Jahres: Der Neuntöter

Käfer, Wespen und Hummeln sind nicht traurig, dass sie den grausamen Töter immer seltener in den Sträuchern und Hecken sichten. Denn der spatzgrosse Vogel des Jahres pflegt seine Beute zu pfählen. Neun Tiere spiesse er vor dem Verzehr auf Dornen – so hiess es früher. Der Vogel kann zwar kaum so genau zählen, aber er zehrt in schlechten Zeiten tatsächlich von den Insekten am Spiess. Der Neuntöter gehört zur Familie der Würger, aber er würgt niemanden – höchstens die unverdaulichen Speisereste hoch, bevor er sie ausspuckt.

Vogel des Jahres: Der Neuntöter
Quelle: Anne Seeger

Reptil des Jahres: Die Zauneidechse

Die Chancen standen nicht schlecht für die Zauneidechse, Reptil des Jahres zu werden. Denn in der Schweiz leben nur gerade 14 Reptilienarten, vier davon sind Eidechsen. Die niedliche Zauneidechse mit ihren kurzen Beinen und dem überproportional grossen Kopf sollte dieses Jahr bei Gartenbesitzern dafür weibeln, dass sie mehr Steinhaufen und Sandflächen anlegen und Totholz liegen lassen. Sie ist gefährdet, da ihr Lebensraum zunehmend verschwindet und hinter zu vielen Hecken Katzen und Rasenmäher lauern.

Reptil des Jahres: Die Zauneidechse
Quelle: Anne Seeger

Fisch des Jahres: Die Forelle

Ausgerechnet der bekannteste und beliebteste Fisch sollte dieses Jahr noch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Doch der Neid anderer Fische wäre fehl am Platz. Die fünf heimischen Forellenarten schwimmen weitaus weniger zahlreich und sorglos durch die Schweizer Gewässer als noch vor 50 Jahren. Die Forelle bangt um ihren Lebensraum und um ihre Nachkommen. Kanäle, Kraftwerke, Krankheiten und Klimawandel bedrohen ihre Existenz. Der Fischerei-Verband hat deshalb gelobt, sich verstärkt dieser Problematik anzunehmen.

Fisch des Jahres: Die Forelle
Quelle: Anne Seeger

Insekt des Jahres: Der Schwarzblaue Ölkäfer

Der Ölkäfer wirkt schwerfällig, obwohl er sich im Erwachsenenalter vegan ernährt. Als Larve fällt das Insekt des Jahres über die Nester von Wildbienen her und vergeht sich an deren Eiern. Der Name verweist auf das ölige Geheimnis, das der Käfer unter seinem schillernden Panzer verbirgt: Bei Gefahr gibt er ein gelblich-giftiges Sekret aus seinen Beingelenken ab. Das darin enthaltene Cantharidin wurde früher für Heilmittel, Liebestränke und Giftmorde verwendet.
 

Insekt des Jahres: Der Schwarzblaue Ölkäfer
Quelle: Anne Seeger
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Pilz des Jahres: Die Gewöhnliche Stinkmorchel

Der Pilz des Jahres scheut keinen Skandal. Er kommt obszön daher und verströmt einen widerlichen Aasgeruch. Zudem pflegt er enge Beziehungen zu Insekten, die sich an seinem Hut laben, der mit einer klebrig-süssen Sporenmasse überzogen ist. Kaum haben sie sich satt gefressen, fliegen die Viecher davon und tragen zur Verbreitung der Gewöhnlichen Stinkmorchel bei. Nach dem Festmahl bleibt der weisse, mahnende «Leichenfinger» übrig, wie die Stinkmorchel auch genannt wird. Das Hexenei, aus dem sie emporwächst, gilt unter Pilzkennerinnen als Delikatesse – natürlich ohne glibbrige Aussenschicht.

Pilz des Jahres: Die Gewöhnliche Stinkmorchel
Quelle: Anne Seeger

Blume des Jahres: Der Fieberklee

Die Krönung des Fieberklees zur Blume des Jahres kam überraschend. Die Sumpfblume ist unscheinbar, wirkt weder fiebersenkend, noch ist sie verwandt mit dem Klee. In der Schweiz steht sie nicht einmal auf der Liste der bedrohten Arten. Der Missenstatus wurde ihr nur verliehen, weil man auf die Bedeutung der Moore für das Klima hinweisen wollte. Moorböden machen zwar weniger als drei Prozent der Landfläche aus, speichern aber 20 Prozent des Kohlendioxids, das weltweit in Böden schlummert. 

Blume des Jahres: Der Fieberklee
Quelle: Anne Seeger

Tier des Jahres: Die Europäische Wildkatze

Das Tier des Jahres war einst als gefährliche Bestie verschrien. Es schnappe den Jägern Hasen und Rehe weg, ja greife gar Menschen an. Mitte des 20. Jahrhunderts war die Europäische Wildkatze in der Schweiz deshalb fast ausgerottet. Heute breitet sie sich in den stillen Wäldern der Jurakette wieder aus, jagt Mäuse und schläft in ihren Verstecken – was Katzen halt so tun. Streicheln kann man die wilde Verwandte unseres Stubentigers aber nicht. Sie ist extrem scheu und gilt als unzähmbar. Im Gegensatz zur Hauskatze meidet die Wildkatze die menschliche Nähe. Ob es am grösseren Schädel liegt, der Platz für ein grösseres Gehirn bietet?

Tier des Jahres: Die Europäische Wildkatze
Quelle: Anne Seeger

Baum des Jahres: Die Robinie

Eine Zugewanderte ist Baum des Jahres – bisher undenkbar. Die Wahl fiel aber auf die Robinie, weil sie klimawandeltauglich und bienenfreundlich ist sowie besonders hartes Holz liefert. Die Vorfahren der Amerikanerin kamen vor rund 400 Jahren nach Europa und wurden als exotisches Ziergehölz in barocke Gärten gepflanzt. Dennoch ist ihre Wahl umstritten geblieben. Man hält die Robinie für invasiv. Sie steht auf der schwarzen Liste der schädlichen Neophyten, da sie einheimische Bäume aus den Wäldern verdrängt.

Baum des Jahres: Die Robinie
Quelle: Anne Seeger

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Artikelserie: «Was 2020 sonst noch geschah»

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Quelle: Andrea Klaiber und Anne Seeger

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