Dieser Beitrag ist Teil unserer Artikelserie «Was 2020 sonst noch geschah – 12 Geschichten über erfreuliche Entwicklungen». Alle Artikel der Serie finden Sie am Ende dieses Artikels oder hier.

Er hat das höfliche Auftreten eines fleissigen Studenten. Tobias Schär weiss, dass manche ihn deshalb gerne unterschätzen. «Sie sehen den netten jungen Typen, der in seiner Freizeit nichts Besseres zu tun hat, als anderen zu helfen.» Schelmisches Grinsen verrät, dass ihm diese Fehleinschätzung nicht ungelegen kommt – umso überzeugender wirkt dann das Trommelfeuer an Argumenten, mit denen er «das Projekt», wie er es nennt, untermauert.

«Ist ja logisch», sagt der 26-jährige Schnelldenker aus dem Aargau häufig. Sein Projekt: ausgediente Laptops sammeln, neu aufbereiten und gratis weitergeben an Personen, die sich diese Geräte sonst nicht leisten könnten. Das soll ihnen den Zugang zur vernetzten Gesellschaft ermöglichen. Empfänger sind bedürftige Familien, Stellensuchende und Migranten. «Ohne digitale Grundversorgung werden diese Menschen früher oder später abgehängt – sozial, beruflich, bei der Bildung», sagt Schär. Dagegen müsse man doch etwas tun, «logisch».

Die Idee, Laptops aufzumöbeln, statt dem Elektroschrott zu überlassen, hatte Tobias Schär im März während des Lockdowns. Bei einem virtuellen Bier mit Kollegen kamen Fragen auf: Wie viele haben gar keine Möglichkeit, ihre Freunde online zu sehen? Oder werden beim Homeschooling abgekoppelt?

8 Freiwillige, 1100 Laptops

Gedacht, getan. In der gleichen Nacht programmierte Schär die Website, über die Angebot und Nachfrage abgewickelt werden. Drei Tage später ging es los. Schnell zeigte sich: Der simple Plan, aus Alt Neu zu machen, funktioniert. Bis heute hat der Verein «Wir lernen weiter» 1100 gebrauchte Laptops neu aufgesetzt und an Bedürftige verschenkt. Mittlerweile wird Schär von einem achtköpfigen, ebenfalls ehrenamtlich tätigen Team unterstützt. Der Initiant selber investiert pro Woche etwa 25 Arbeitsstunden – neben seinem Job als Berater und dem Studium der Wirtschaftsinformatik.

«Ich packe ein systemrelevantes Problem an, um das sich sonst niemand kümmert.»

Tobias Schär, Student und Gründer des Vereins «Wir lernen weiter»

Um dem Vorhaben mehr Hebelwirkung zu geben, arbeiten Schär und Co. mit Gemeinden zusammen; über 100 sind bereits dabei. Die Sozialämter eruieren, wem von ihren Klienten ein Laptop Nutzen bringen könnte, und zahlen pro Gerät einen Unkostenbeitrag von 150 Franken.

«Gut investiertes Geld», findet Tobias Schär. Seine einfache Rechnung: IT-Fertigkeiten erleichtern die Eingliederung in den Arbeitsmarkt, ergo verringert sich die Gefahr, dass dem Sozialstaat später hohe Kosten wegen Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfe entstehen. Mehr noch: «Eigentlich übernehmen wir eine Aufgabe des Staats, denn der Zugang zu eigenen digitalen Mitteln sollte heute ein Grundrecht sein.»

Profitorientiert werde die Tätigkeit des Vereins aber nie sein. Momentan besteht der Lohn noch im guten Gefühl, Menschen mit weniger guten Chancen neue Perspektiven zu bieten. «Vom Dank allein kann aber niemand leben und arbeiten. Langfristig wird sich das Projekt durch die Unkostenbeiträge selber tragen», so Schär.

«Das Projekt» hat ihn zu einem politischen Menschen gemacht. «Ich packe ein systemrelevantes Problem an, um das sich sonst niemand kümmert.» Diese Erfahrung werde ihm auch bei Aufgaben in der Politik helfen. Der nächste Schritt soll in der eigenen Wohngemeinde erfolgen: 2021 kandidiert Tobias Schär als Vertreter der GLP für einen Sitz im Gemeinderat von Merenschwand AG. Seine Mitbewerber tun gut daran, den Neuen mit dem höflichen Auftreten eines fleissigen Studenten nicht zu unterschätzen.

Alte Laptops für Working Poor: Auch SOS Beobachter ist eingebunden

Um die Laptops zu verteilen, nutzt der Verein «Wir lernen weiter» neben Sozialämtern auch überregionale Hilfswerke als Vermittler. Erste Partnerin war die Stiftung SOS Beobachter, wo regelmässig Gesuche für Computer eintreffen.

«Dass wir auf diesem Weg Bedürftigen für einen geringen Unkostenbeitrag einen Laptop beschaffen können, hilft uns, die Spendengelder noch effizienter einzusetzen», sagt Beat Handschin von SOS Beobachter.

Umgekehrt weiss Tobias Schär, dass die Stiftung sicherstellt, dass die Richtigen von den Gratisgeräten profitieren. Hauptzielgruppe sind Working Poor.

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