Dieser Beitrag ist Teil unserer Artikelserie «Was 2020 sonst noch geschah – 12 Geschichten über erfreuliche Entwicklungen». Alle Artikel der Serie finden Sie am Ende dieses Artikels oder hier.

Sarah Akanji war zehn, als sie die Buben ins Abseits dribbelte. War flink, war frech, ganz vorne dabei. Darüber sprach niemand. Denn Akanji war das einzige Mädchen beim FC Wiesendangen. «Man gab mir schon früh das Gefühl, dass ich dankbar sein muss. Weil ich mitspielen durfte, obwohl ich anders war.»

Der Trainer war auf Akanjis Seite. Doch Mitspieler, Eltern anderer Kinder und Zuschauerinnen wurden zu Gegnern. Lautstark beklagten sie sich über das Mädchen auf dem Fussballfeld. Darüber, dass es mehr Spielzeit bekam als die armen Buben. Bekannte warnten die Zehnjährige vor zu muskulösen Beinen und einem männlichen Gang.

Sarah Akanji interessierte das nicht. Sie trainierte länger, öfter und verbissener als alle anderen. Bis sie oben ankam: in der Nationalliga A, beim FC St. Gallen. Doch selbst in der besten Liga ist Frauenfussball ein Nebenschauplatz. Die Spielerinnen trainierten auf einem schlechteren Platz, mussten ihre Trainingskleider selber kaufen und Sponsoren organisieren, um spielen zu können. Ihr Bruder Manuel, der im Kader der Schweizer Nationalmannschaft spielt, musste nie mit solchen Problemen kämpfen.

«Die Schweiz steht nirgends»

Was für den Fussball gilt, gilt für viele Sportarten. Frauen sind auf Skipisten und Sportplätzen genauso vertreten wie Männer. Sie feiern mindestens so viele Erfolge. Dabei sein ist aber längst nicht alles. Denn Sportlerinnen trainieren, spielen und kämpfen unter schlechteren Bedingungen. Sie werden weniger unterstützt und weniger gefördert.

Selbst wer es ganz an die Spitze schafft, verdient deutlich weniger als die männlichen Kollegen. Unter den 100 bestbezahlten Sportlern weltweit befinden sich dieses Jahr gerade mal zwei Frauen: die Tennisspielerinnen Naomi Osaka (Platz 29) und Serena Williams (Platz 33). Frauen sind in den Medien, in Gremien und auf Podiumsdiskussionen untervertreten. Es fehlen Chefinnen, Trainerinnen und Vorbilder. So bleiben viele Spitzensportlerinnen Exotinnen.

«Die Schweiz steht nirgends.» Akanji findet klare Worte, wenn sie über Gleichberechtigung im Sport spricht. Die Probleme seien bekannt, trotzdem tue sich wenig.

Gleich mehrere Initiativen wollen das nun ändern. Alliance F, der Dachverband der Schweizer Frauenorganisationen, schickte im November «Helvetia rennt» an den Start. «Der Gleichstellungsmarathon dauert schon lange, die Ziellinie ist noch nicht in Sicht. Helvetia rennt unermüdlich weiter. Denn sie weiss: Sport muss fair sein. Und Fairness bedeutet auch Gleichstellung», heisst es auf der Website. Sie fordert mehr Frauen in den Chefetagen von Sportverbänden, gleiche Fördergelder, aktive Massnahmen gegen Missbrauch und Sexismus. «Solche Veränderungen tun nicht nur dem Sport gut; sie bringen eine Gesellschaft voran», sagt Maja Neuenschwander, die für die Kampagne wirbt.

Frauenspezifische Themen müssen stärker thematisiert werden

Die frühere Marathonläuferin kämpft an mehreren Fronten. So tauscht sich «Helvetia rennt» etwa mit dem Sport-Dachverband Swiss Olympic aus, wo Neuenschwander das Projekt «Frau und Spitzensport» leitet. «Frauenspezifische Themen wie der Menstruationszyklus werden im Spitzensport zu wenig thematisiert. Sie sind aber zentral, wenn die Leistungsfähigkeit oder Gesundheit einer Athletin optimiert werden sollen.

Ziel des Projekts ist es, dass leistungsrelevante Faktoren wie Training, Ernährung oder Erholung individueller an die weibliche Physiologie angepasst werden», erklärt die Bernerin. So beobachtete Ex-Skirennfahrerin Dominique Gisin ihren Zyklus zusammen mit Trainern, Sprinterin Sarah Atcho konnte körperliche Beschwerden durch das Einsetzen einer Spirale verringern.

2016 platzte Sarah Akanjis Traum vom Spitzensport wegen eines Kreuzbandrisses und zwei Hüftoperationen. «Ich kann eh nicht stillsitzen», sagte sich die Winterthurerin und suchte nach neuen Projekten. Sie begann, Geschichte und Politik zu studieren. Und gründete – als hätte sie nicht genug zu tun – die Frauenmannschaft des FC Winterthur.

Das ging nicht von heute auf morgen, nicht ohne Widerstand. Aber Akanji liess nicht locker. Sprach mit Verbänden, Vereinen und Spielerinnen. Stellte ein Team zusammen, veranstaltete Probetrainings und informierte die Medien. Heute «tschutten» die Frauen in Winti ganz selbstverständlich. Viele sind überrascht, wenn sie hören, dass das Team erst seit vier Jahren besteht.

Sarah und Manuel Akanji, 2017

Zwei Geschwister, eine Leidenschaft: Sarah und Manuel Akanji.

Quelle: Thomas Buchwalder

Eine Datenbank für Frauen im Sport

Innerhalb einer Region oder Sportart sind Frauen meist gut vernetzt. Das ist aber noch nicht genug, findet Manuela Schläpfer. Letztes Jahr gründete sie zusammen mit fünf weiteren Frauen das Netzwerk Sporti{f}. Es vernetzt Athletinnen und Frauen, die beruflich oder privat im Sport engagiert sind.

«Die Idee entstand, als mich jemand nach einer Frau für ein Gremium im Sport fragte. Per Zufall ist mir eine einzige eingefallen, dabei gäbe es so viele! Das hat mich selber geärgert», sagt Co-Präsidentin Manuela Schläpfer. Also mobilisierte sie Frauen aus den verschiedensten Bereichen. In diesem Jahr erstellte Sporti{f} eine Datenbank mit Frauen im Sport, vermittelte Jobs und stellte Frauen für Podien – ob aus dem Spitzensport oder Breitensport, für ein Ehrenamt oder Sportunternehmen.

Das ist dringend nötig: Nur acht Prozent der Präsidenten von Sportverbänden sind Frauen. Beim Schweizer Fussballverband ist Tatjana Hänni, die Direktorin Frauenfussball, die erste und einzige Frau in der Geschäftsleitung.

In der Männerbastion

Im Eishockey sorgte die Ernennung von Florence Schelling zur Sportchefin des SC Bern für grosses Aufsehen. Genau wie Sarah Akanji trainierte die ehemalige Eishockeytorhüterin als Kind mit Jungs. Schon kurz nach Stellenantritt im April musste sie viel Kritik einstecken. Die 31-Jährige wirke ratlos und unerfahren, hiess es mehrfach. Immer wieder im Fokus der Medien: Schelling ist weiblich und jung. «Mein Anspruch ist es – ganz unabhängig davon –, die bestmögliche Arbeit zu machen», sagte sie im «Sportpanorama» auf SRF. Nicht zuletzt, damit Mädchen sehen, dass dies möglich ist, und sich Herausforderungen stellen.

Auch Manuela Schläpfer von Sporti{f} sagt: «Nicht nur Organisationen müssen handeln. Frauen in der Sportbranche sollten mutiger sein und sich ruhig auch mal aufdrängen.»

Es geht voran

Dass sich das Kämpfen lohnt, zeigt etwa das Beispiel der Olympischen Spiele. Sie hätten im Sommer einen Meilenstein markieren sollen: Erstmals wären 48,8 Prozent der Teilnehmenden weiblich gewesen. Endlich sollten die Landesfahnen bei der Eröffnungsfeier von einem Mann und einer Frau getragen werden. Erstmals sollte jede Nation mindestens eine Frau nach Tokio schicken. So hatte es das Internationale Olympische Komitee beschlossen – doch nun sind die Spiele verschoben.

«Solche Beispiele zeigen, dass es vorangeht», sagt Sarah Akanji. Trotzdem dauere es lange, Ungleichheiten aufzubrechen. Also kämpft sie weiter. Für Chancengleichheit und Inklusion. Im Jahr 2019 wurde sie in den Zürcher Kantonsrat gewählt. Auf der SP-Liste der Stadt Winterthur erzielte sie mit Abstand die meisten Stimmen.

«Sport und Politik sollten nicht als zwei separate Bereiche gesehen werden. Im Fussball zeigen sich im Kleinen dieselben Probleme, mit denen auch unsere Gesellschaft kämpft», sagt sie. Ob es ihr zu langsam vorangehe? «Natürlich, immer, extrem!», sie lacht. «Aber wenigstens ist Gleichberechtigung kein reines Frauenthema mehr. Wir gehen alle in dieselbe Richtung – wenn auch langsam.»

Artikelserie: «Was 2020 sonst noch geschah»

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