Dieser Beitrag ist Teil unserer Artikelserie «Was 2020 sonst noch geschah – 12 Geschichten über erfreuliche Entwicklungen». Alle Artikel der Serie finden Sie am Ende dieses Artikels oder hier.

«In aller Bescheidenheit: Sie waren perfekt, die selbst gemachten Casonsei di Brescia, eine regionale Variante von Ravioli. Geschmacklich rund, nichts zu viel, nichts zu wenig. Saubere Arbeit in der Küche, zwei Stunden Nifelibüez.

Es wurde ein schöner Abend. Die ausgeflogenen Kinder wieder mal am Familientisch, wie früher. Gut gelauntes Schwatzen, und nach zwanzig Minuten war der letzte Raviolo weggeputzt. Offensichtlich hat es ihnen geschmeckt.

Aber haben Sie das Gefühl, jemand hätte gesagt: «Hey, Dani, super gekocht!»?

Vergessen Sie es.

Mein rationales Ich sagte: «Schon okay. Lob ist, wenn niemand meckert.» Aber das limbische System, die untere Etage im Gehirn, wo die Emotionen verarbeitet werden und das Triebverhalten entsteht, meldete: «Ein bisschen Anerkennung hätte ich also schon verdient!» Wer ein Selfie ins Netz stellt, will ja auch Likes.

Reise ins Glück – in den Aargau

Ich musste mir das Lob auswärts holen. Die Reise führte ins ländliche Mettauertal im Aargau. Dort dient seit September eine umgenutzte Telefonkabine als Gut-gemacht-Maschine – die weltweit erste, wie die Initianten beteuern.

Es ging ganz leicht, und ich hatte, wonach ich mich sehnte. «Familie bekocht, hervorragend, drei Stunden Arbeit», tippte ich meine gute Tat auf den Bildschirm. Etwas Grossspurigkeit und Übertreibung schien mir angemessen, es würde sich bestimmt auszahlen.

Tatsächlich jubelte mir ein paar Handgriffe später per Video eine Gruppe Leute überschwänglich zu. Sie klatschten freudig in die Hände, schickten Seifenblasen, Fasnachtsschlangen und Kusshände in meine Richtung. Glückselig schwebte ich wieder nach Hause.

Nicht ungefährlich

Dort las ich, was mir nun womöglich erspart bleiben würde, dem maschinellen Lob sei Dank: ein Burn-out. Das Risiko dafür sei beträchtlich, «wenn es eine Kluft gibt zwischen grosser Anstrengung und geringer Anerkennung». Dann werde nämlich im Gehirn die Ausschüttung des Belohnungshormons Dopamin reduziert, und im Gegenzug würden mehr Stresshormone gebildet. Dies besagen Studien des Schweizer Medizinsoziologen Johannes Siegrist.

Bei den Nachforschungen bin ich allerdings auch auf einen Aufsatz des US-Autors Tim Urban gestossen. Für ihn bin ich mit meinem Streben nach Lob ein armseliger «approval seeker». Und ausserdem geistig in der Steinzeit verhangen. Urbans These: Angesichts von Widrigkeiten wie Dürren oder Säbelzahntigern konnten unsere Vorfahren nur in Gruppen überleben. Daher hätten sich alle gegenseitig gefallen wollen. «Heute überleben aber auch Individualisten, bloss weiss das unser Gehirn nicht. In unserem Kopf sitzt immer noch das Mammut von früher.» Angesagt sei jetzt «gesunder Egoismus».

Aber hey, Tim: Ich mag Egoisten nicht. Da lob ich mir mein Mammut.

Die Motive

Eine Nachfrage im Mettauertal ergibt, dass ich damit in guter Gesellschaft bin. Etwa 150 Leute haben sich bisher in der Gut-gemacht-Maschine die Seele streicheln lassen. Aus allerhand Motiven, wie die Dokumentation ihrer Verdienste zeigt: aus edlen («Ich habe jemandem geholfen, zum Arzt zu kommen»), aus bewundernswerten («Ich habe an den Hochzeitstag gedacht») und aus – na ja («Ich bin die tollste Freundin und Schwester»).

Die Initialzündung für den Lobgenerator geht übrigens zurück auf einen Spruch des Gemeindepräsidenten von Mettauertal, Peter Weber. Wenn seine Mitarbeitenden etwas gut gemacht haben, pflegt er ihnen zuzurufen: «Und jetzt darfst du für eine halbe Stunde in die Schulterklopfmaschine.»

Eine solche haben sie jetzt dort, die digitale Ausführung. Und das Mammut in mir ruft: «Hey, Präsi, super gemacht!»

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