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VeganerTiere essen? Nein danke!

Viele Veganer können sich einfach nicht vorstellen, in ein totes Lebewesen zu beissen.
Viele Veganer können sich einfach nicht vorstellen, in ein totes Lebewesen zu beissen. Bild: Christian Schnur

Fleischkonsum sei das neue Rauchen, sagen Trendforscher. Die vegane Gemeinschaft wächst ­rasant. Wer sind die Leute, die freiwillig auf Fleisch, Milch und Lederschuhe verzichten?

von Tanja Polli

Elisa isst keine Tiere. Wenn immer möglich verzichtet die 14-Jäh­rige auch auf Eier, Käse und Milch. Und sogar das Ledersofa, das ihre Eltern kürzlich kaufen wollten, blieb nach einer engagierten Diskussion im Laden. Vor ein paar Monaten, sagt Elisa, habe sie erst richtig realisiert, wo das Fleisch auf ihrem Teller herkomme. «Dass dafür Tiere gezüchtet werden, ein qualvolles Leben führen und dann umgebracht werden.» Milch sei nicht viel besser, ereifert sich die Schülerin: «Wir zwingen Kühe, jedes Jahr ein Kalb zu gebären, das wir ihnen nach der Geburt wegnehmen, damit wir die Muttermilch trinken können.» Während sich andere Teenies bei McDonald’s verabreden, trifft man sich mit Elisa in der vegetarischen Fastfoodkette Tibits. Alle zehn Tage ist hier das Buffet vegan.

Rezepte von Elisa

Veganes Müesli

Zutaten: Haferflocken, Datteln, Baumnüsse, Goji-Beeren oder Cranberrys, vegane Schokolade, eine Banane, Reismilch (oder Mandelmilch, Sojamilch, Hafermilch), getrocknete Kokosnuss-Stücke.

Datteln und Schokolade klein hacken. Alles mischen. Reismilch dazugeben und mit Früchten dekorieren.

Grüner Smoothie

Zutaten: Bananen, Mango, Spinat, Gurke, wenig Wasser

Alles mit einem guten Mixer mixen.

Glaubt man Trendforschern wie Bernd-Udo Rinas, ist Elisa kein Sonderling, sondern eine Trendsetterin. «Fleisch zu essen wird bald so negativ besetzt sein wie das Rauchen», prognostiziert der deutsche Politikwissenschaftler. Der Veganismus boome vor allem bei Jungen, und die seien schon immer die Seismografen der Gesellschaft gewesen. Tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie aus Österreich, dass die Zahl der unter 40-Jährigen, die vegetarisch oder vegan ­leben, in den letzten Jahren von rund drei Prozent auf 17 Prozent gestiegen ist. Auch Monika Akeret, die letzten Herbst zusammen mit einer Freundin in Winterthur den veganen Take-away Tofulino eröffnet hat, bestätigt: «Ein gros­ser Teil unserer Kunden sind Jugend­liche und junge Erwachsene.»

Als sich vor ein paar Jahren Hollywoodgrössen wie Natalie Portman oder Samuel L. Jackson zum Veganismus bekannten, wusste hierzulande kaum jemand, was sie damit meinten. Aber seither verbreitet sich der Lifestyle, der auf tierische Pro­dukte verzichtet. Rund 80'000 Menschen leben heute in der Schweiz vegan; vor ein paar Jahren waren es noch 20'000, sagt Cristina Roduner von der Veganen Gesellschaft Schweiz. Die Kantine der Grossbank UBS bietet vegane Menüs an, und sogar der Handel mit veganer Tiernahrung boomt.

Glossar

Ovo-lakto-Vegetarier: Essen nichts, was aus getöteten Tieren produziert wird – weder Fisch noch Fleisch, noch ­Geflügel, noch Gelatine, noch ­tierische Fette, aber Eier und Milchprodukte.

Laktovegetarier: Essen keine Eier, aber Milchprodukte.

Ovovegetarier: Konsumieren Eier, aber keine Milchprodukte.

Veganer: Meiden jegliche tierische Nahrung (auch Milch, alle Milch­produkte und Honig) und in der Regel alle tierischen Produkte (Leder, Wolle, ­Daunen oder Kosmetika mit ­tierischen Bestandteilen).

Frutarier: Essen nur Früchte, Nüsse und Samen, deren Ernte nicht zur Beschädigung der Pflanze führen, von der sie stammen.

Die Motive: Tierliebe, Körperkult

Die Szene ist keineswegs lustfeindlich: Neuveganer sind urban und hip, gebildet, sportlich und körperbewusst. Eine homogene Gruppe sind sie trotzdem nicht. ­Foren und Facebook-Gruppen zeigen, wie divers ihre Motive sind: Idealismus, Tierliebe, Körperkult, ökologische Über­legungen, aber auch ­ernste gesundheitliche Probleme führen zum ­Veganismus. Einige der Neuveganer leben ihren Lebensstil konsequent, andere versuchen, in der eigenen Küche auf tierische Produkte zu verzichten, ­machen andernorts aber Ausnahmen.

«Ich sah auf dem Teller plötzlich die Leichen von Hühnern liegen»: Adam und Andrea Thomas, Söhne Noah, 6, und Sam, 3.
«Ich sah auf dem Teller plötzlich die Leichen von Hühnern liegen»: Adam und Andrea Thomas, Söhne Noah, 6, und Sam,...

Rezept von Familie Thomas

Veganer ­Sesamtofu

Reicht für etwa 4 Personen plus 2 Extra-Mittagsportionen.

3 bis 4 Tassen Reis
Olivenöl oder anderes Öl
500 g fester Tofu, in Würfeln oder Scheiben
1 bis 2 Zwiebeln
2 bis 3 Knoblauchzinken
2 TL Gemüsebouillonpulver
5 cl Sesamöl, 1/2 Tasse Sesamsamen
1 dl Sojasauce, 5 cl Balsamicoessig
400 g gemischtes Gemüse
4 TL Maisstärke, Salz, Pfeffer

Reis aufsetzen. Tofu auf zwei Seiten knusprig anbraten. Gehackte ­Zwiebeln beifügen; wenn sie ­glasig sind, gehackten oder ­gepressten Knoblauch beifügen. Gemüse­bouillonpulver auf Tofu streuen, ­Sesamöl und -samen, Sojasauce und Balsamico dazugiessen, Hitze um ­einen Viertel reduzieren, braun werden lassen. ­Gemüse dazugeben, umrühren, ­knackig kochen. ­Maisstärke in wenig Wasser beifügen, um die Sauce zu verdicken. Salzen und pfeffern.

Adam Thomas ist strikt. Der 33-jährige Englischdozent lebt seit zehn Jahren vegan. Kein Bier, das mit Gelatine geklärt wurde, kein Brot, das Cystein enthält. Cystein wird aus Schweineborsten hergestellt und verhindert, dass der Teig an den Maschinen kleben bleibt. Die ersten Wörter, die der Amerikaner in der Schweiz gelernt hat, ­stehen auf Zutatenlisten: Milcheiweiss, Butterreinfett, Schweineschmalz.

Thomas hatte als junger Erwachsener das Buch «Ernährung für ein neues Jahrtausend» von John Robbins gelesen. Was er dort über die Massentierhaltung erfuhr, ­berührte ihn stark: «Ich sass mit Freunden im Restaurant und sah auf dem Teller plötzlich die Leichen von Hühnern liegen. Ich konnte das nicht mehr essen.» Später liess er auch den Käse auf der Pasta weg und die Eier zum Frühstück. «Je mehr ich mich informierte, umso klarer wurde mir, dass einzig vegane Ernährung die Tiere wirklich schützt», sagt der sportliche Thalwiler. Angst vor Mangelerscheinungen hat Thomas nicht. Vor drei Jahren liess er beim Arzt ein umfassendes Blutbild erstellen. ­Alle Werte waren ausgezeichnet.

Seine Frau konnte Thomas trotzdem nicht überzeugen. Sie mag Fleisch. Als die beiden vor sechs Jahren Eltern wurden, gingen sie einen Kompromiss ein: Die Kinder sollten vegetarisch, also ohne Fleisch, aber mit Milchprodukten und Eiern, aufwachsen. Zumindest bis sie alt genug sind, sich selber eine Meinung zu bilden. Sohn Noah wurde kürzlich sechs und verkün­dete, er werde künftig Fleisch essen.

Vegan Essen schont die Umwelt

Wer tierische Produkte konsumiert, verursacht einen höheren Wasserverbrauch, eine höhere Beanspruchung des Bodens und eine höhere Belastung der Atmosphäre durch Treibhausgase.

Belastung der Umwelt durch die Produktion von Lebensmitteln (Schweiz)
Belastung der Umwelt durch die Produktion von Lebensmitteln (Schweiz)
Quelle: Christian Schnur
«Ich brauche viel weniger Schlaf und kann klarer denken»: Aleksandra Gnach, 42.
Quelle: Christian Schnur

Rezept von Aleksandra Gnach

Linsensalat

250 g grüne oder schwarze Linsen
Cherrytomaten, geviertelt
Gurke, in Würfel geschnitten
Artischocken, in Öl eingelegt
eine Handvoll frisch gehackter ­Peterli
Salz
etwas frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
Saft einer halben Zitrone

Linsen einige Stunden oder über Nacht einweichen, Einweichwasser abgiessen, Linsen in einen Topf ­geben und so viel Wasser ­aufgiessen, dass sie gut bedeckt sind. Zum Kochen bringen, ­abdecken, Hitze reduzieren und ­köcheln lassen, bis die Linsen gar, aber noch bissfest sind. Nach dem Abgiessen die Linsen salzen, in eine Schüssel geben und mit den übrigen Zutaten vermischen.

«Die vegane Bewegung ist ein Riesending»

Durchschnittlich 51 Kilo Fleisch isst jeder Schweizer pro Jahr – das ist fast doppelt so viel, wie die Schweizerische Gesellschaft für ­Ernährung empfiehlt. Seiner Gesundheit tut er damit nichts Gutes. Solche Überlegungen waren es, die Aleksandra Gnach bewogen, auf tierische Produkte zu verzichten. «Es gab kein Schlüsselmoment, die Idee hat sich quasi eingeschlichen», sagt die Kommunika­tionsverantwortliche aus Bern. «Zuerst habe ich befürchtet, dass ich zur totalen Exotin werde. Dann merkte ich aber schnell, dass die vegane Bewegung bereits ein Riesending ist.» Anbieter von veganen Alternativen zu Fleisch und Milchprodukten waren schnell gefunden. Doch wenn immer möglich kauft Gnach natur­belassene Lebensmittel: Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst.

Zurückgehen würde sie nie: «Ich brauche viel weniger Schlaf, bin leistungsfähiger und kann klarer denken.» Dreimal pro Woche joggt die 42-Jäh­rige. Mit ihrer 27-jährigen Trainingspartnerin halte sie locker mit.

Der einzige Knackpunkt: das Sozial­leben, sagt Gnach. «Da muss jeder seinen eigenen Weg finden.» Sie verhält sich wenn immer möglich «unauffällig». Sie bevorzugt asiatische Restaurants, in denen sie einfach ein Gemüsecurry bestellen kann. Auf Geschäftsreisen oder bei Einladungen macht sie auch einmal eine Ausnahme und isst vegetarisch. Sonst gehe immer die gros­se Diskussion los: «Was soll denn das jetzt? Willst du 100 Jahre alt werden?»

Warum polarisiert das Essen der anderen dermassen? «Essen ist der neue Sex», sagt Peter Schneider, Zürcher Psychoanalytiker und Satiriker. Die Frage des Schuldigwerdens habe sich längst vom Schlafzimmer an den Esstisch verlagert. «Wer heute wild draufloskopuliert, muss keine ernstzu­nehmende Kritik mehr fürchten. Wer aber ungesund isst oder gar raucht, der lebt in Sünde.» Entsprechend emotional verlaufe der Diskurs. «Ein blutiges Steak oder ein Veggieburger ist plötzlich kein Lebensmittel mehr, sondern ein Bekenntnis.»

Wie auch immer, der Markt hat die neue Konsumentengruppe längst entdeckt: Läden, Restaurants und Onlineshops für Veganer schiessen wie Pilze aus dem Boden, und auch bei den Grossverteilern ist vegane Kundschaft gern gesehen. Bei Migros findet man bereits 120 Produkte mit Vegi-Label. Rund die Hälfte davon ist vegan. Coop hat letzten Sommer gar eine eigene fleischlose Produktlinie lanciert.

Wo kommen sie alle her, die Veganer? Sicher ist: Je mehr Le­bens­mittelskandale öffentlich werden, desto mehr schwindet das Vertrauen in die Nahrungsmittelindustrie. Mitgespielt haben dürften auch Bücher wie «Tiere essen» des US-Autors Jonathan Safran Foer oder «Artgerecht ist nur die Freiheit» der deutschen Philosophin Hilal Sezgin. Beide stellen die Frage, ob es ethisch vertretbar sei, Tiere industriell zu nutzen: «Wann ist es in Ordnung, dass Tiere zum Vorteil des Menschen leiden?» Immer? Nie? Kommt drauf an?

Die Fakten rund ums Fleisch beeindrucken auch diejenigen, die kein besonderes Herz für Tiere haben: Laut der Welternährungsorganisation FAO ist die Produktion tierischer Lebensmittel für 18 Prozent der Treibhausgase verantwortlich – übler als der Strassenverkehr. Mit dem Wasser, das zur Produktion von einem Kilo Rindfleisch verbraucht wird, könnte ein Mensch ein Jahr lang täglich duschen. Weltweit gibt es rund 45 Milliarden Schlachttiere, sechsmal so viele wie Menschen.

«Lustfeindliche Extremisten»?

Als Philip Hochuli vor vier Jahren einen Film über die Nahrungsmittelproduktion sah, entschied er sich spontan, Vegetarier zu werden. Damals besuchte der heute 23-jährige Wirtschaftsstudent das Gymnasium in Appenzell. «Alles heile Welt», sagt Hochuli, «ich hatte keine Ahnung, was da draussen passiert.» Zwei Wochen hielt er durch, dann ass er wieder wie vorher. Aber das schlechte Gewissen blieb.

«Vegane Küche muss einfach sein, und man sollte die Zutaten im Supermarkt finden»: Philip Hochuli, 23.
«Vegane Küche muss einfach sein, und man sollte die Zutaten im Supermarkt finden»: Philip Hochuli, 23.
Quelle: Christian Schnur

Rezept von Philipe Hochuli

American Brownies

120 g Walnüsse
280 g Halbweissmehl
360 g Zucker
1 ½ TL Backpulver
90 g (fettarmes) Kakaopulver
150 g vegane Zartbitterschokolade (etwa Bio Crémant von Migros)
1 gestrichener TL Salz
1 TL getrocknete Bourbonvanille (etwa von Coop), ­alternativ Mark einer halben ­Vanilleschote
250 ml Wasser
2 TL Weissweinessig (zur Lockerung)
200 g neutrales Öl (zum Beispiel Sonnenblumenöl)

Walnüsse grob hacken und in einer Pfanne leicht rösten. Schokolade klein hacken. Trockene Zutaten ­mischen. Wasser, Essig und Öl ­dazugeben und gut mischen. Auf ­einem Backblech ein Rechteck von 30 x 33 cm formen. Im auf 180 Grad vorgeheizten Ofen 30 bis 35 Minuten backen. Nach dem Abkühlen sollten die Brownies noch leicht feucht sein.

Ein halbes Jahr später verzichtete Hoch­uli auch auf Milchprodukte und Eier. Der Ausdauersportler begann sich mit ­Ernährung aus­einanderzusetzen und entdeckte seine Leidenschaft fürs Kochen. In der heimischen Küche kreierte der Zürcher vegane Lasagnen, Brownies und Pastetli­füllungen. Weil seine Menüs gut ankamen, beschloss er, auf eigene Rechnung ein Kochbuch zu publizieren. Die «Junge ve­gane Küche» machte den Quereinsteiger zum Shootingstar der Szene. Kochbücher für Veganer verkaufen sich gut. «Veganismus hat sich im Büchermarkt etabliert. So schnell wird das Thema nicht verschwinden», sagt man bei Orell Füssli.

Hochuli erreicht mit seinen Koch­büchern und -kursen ein Publikum, das sich weniger für Ernährungsthemen inte­ressiert: «Junge Leute, die einfach neugierig sind.» Sein Credo: «Vegane Küche muss einfach sein, und man sollte die Zutaten im Supermarkt finden.» Vegan zu leben solle die Lebensqualität heben, nicht senken. Darum gehört Hochuli auch nicht zu den Strikten: Gibts im Restaurant nichts Veganes, isst er vegetarisch. «Wenn ich vor einem leeren Teller sässe, würde ich meinen Freunden genau das Bild vermitteln, das ich bekämpfen möchte: Veganer als lustfeindliche Ex­tremisten.» Auch Hochuli berichtet, er sei deutlich leistungsfähiger geworden, seit er auf tierische Produkte verzichte. Einzig das bei Veganern potenziell kritische Vitamin B12 nimmt er in Kapselform ein.

Ist Veganismus fahrlässig? Braucht der Mensch Fleisch und Milch, um gesund zu bleiben? «Im Gegenteil», sagt Alexander Walz, Oberarzt für innere Medizin am Kantonsspital Obwalden. «Die seriösen Studien der letzten Jahre zeigen übereinstimmend, dass vegane Ernährung nicht nur möglich, sondern der Gesundheit förderlich ist.» Zwei Drittel aller Todesfälle seien durch die Ernährung mitbedingt. «Vegetarier und ­Veganer leben länger und gesünder.»

Jeder Schweizer isst im Schnitt jedes Jahr 22 Kilo Schweinefleisch

Pro Person wurden im Jahr 2012 in der Schweiz durchschnittlich 51 Kilo Fleisch verzehrt. Deutschschweizer bevorzugen Schweinefleisch, Romands halten sich eher an Geflügel.

Quellen: BFS, SBV; Infografik: Beobachter/AS
Quelle: Christian Schnur

Kranke Kinder vegan lebender Eltern

Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung bezeichnet den Veganismus als un­geeignet für die breite Bevölkerung. Ihr US-Pendant ADA dagegen befindet eine gut geplante vegane oder eine andere Art der vegetarischen Ernährung als für alle Phasen des Lebens geeignet, einschliesslich Schwangerschaft, Stillzeit, früher und später Kindheit und Pubertät.

Oswald Hasselmann sieht das ein bisschen anders. Zwölf Kinder hat der Facharzt in St. Gallen in den letzten Jahren behandelt, die mit schweren neurologischen Schäden eingeliefert worden waren. Ihre strikt vegan oder vegetarisch lebenden ­Eltern hatten – bewusst oder unbewusst – darauf verzichtet, ihnen zusätzliches Vitamin B12 zu geben. Hasselmann, der selber vegetarisch lebt, rät nicht grundsätzlich von veganer Ernährung ab. Doch: «Wer sich entscheidet, sein Kind ­vegan zu ernähren, muss sich enorm gut informieren und das Kind ärztlich begleiten lassen.» Daneben rät er, die soziale Komponente nicht auszublenden: «Jede extreme Ernährungsform macht Kinder zu Aussenseitern.»

Dass man ohne Fleisch und Co. sogar Höchstleistungen erbringen kann, beweisen Bodybuilder wie der «stärkste Mann Deutschlands» Patrik Baboumian, der Schweizer Eishockeyprofi Andreas Hänni oder der fünffache Triathlon-Schweizer-Meister Roy Hinnen. Die drei ernähren sich seit Jahren vegan.

An gesundheitlichen Aspekten kann es also nicht liegen, dass die Wogen oft hochgehen, wenn sich Veganer und Fleischesser begegnen: «Das Fatale ist, dass diese Menschen Soja nicht deshalb essen, weil sie es mögen – sondern um sich anderen gegenüber moralisch überlegen zu fühlen», liess kürzlich der deutsche Ernährungsexperte Udo Pollmer verlauten, der für seine provokativen Thesen bekannt ist. «Sich von Schweine­futter zu ernähren mag ethisch aufregend sein, aber ich esse lieber Schinken.»

Lieber mehr Menüs ohne Schinken ­hätte hingegen Adriano Mannino, Projektleiter bei Sentience Politics. Der Verein ­fordert, dass öffentliche Kantinen mindestens ein veganes Menü anbieten. Mannino erhielt prompt den Spottpreis «Rostiger ­Paragraph», den der Verband IG Freiheit alljährlich für besonders «dumme und ­unsinnige Gesetzesvorlagen» verleiht. Der IG Freiheit gehören Politiker der FDP, SVP und CVP an.

Cristina Roduner von der Veganen ­Gesellschaft Schweiz lassen solche Angriffe kalt: «Wir haben einen enormen Zulauf.» Dass Leute beim Thema Veganismus emotional reagieren, ist sie gewohnt. «Wenn ich sage: ‹Ich lebe vegan›, verstehen viele: ‹Du lebst nicht vegan.›» Aber sie sei die Letzte, die jemandem etwas vom Teller stehle. Auch von einem kurzfristigen Trend will Roduner nichts wissen: «Vegan ist hier, um zu bleiben.»

Weitere Informationen

Vegane Gesellschaft Schweiz: www.vegan.ch

Vegetarische, vegane Esswaren: www.vegi-service.ch

Vegane Schuhe: www.vegishoes.ch

Swissveg: www.swissveg.ch

Veröffentlicht am 2014 M07 22