Ein halb voller Rucksack und ein Schlafsack. Das war alles, was Pierre Huber* mitnahm, als er im Sommer 2015 seine Wohnung fluchtartig verliess. «Ich musste mich entscheiden: Entweder ich breche aus allem aus oder ich werfe mich vor den nächsten Zug», sagt der 60-Jährige.

Zunächst lebte er in Zürich auf der Gasse, sammelte nachts Pfandflaschen und schlief tagsüber. «Seit ich draussen lebe, habe ich nie mehr Schnupfen. Die Kälte hat einen grossen Vorteil: Sie konserviert.» Tatsächlich, man sieht dem unscheinbaren Mann sein Alter nicht an. Ebenso wenig, dass er draussen übernachtet. Die Kleidung ist sauber, der Bart gepflegt. Das Einzige, was er vermisse, seien seine zweieinhalbtausend Geschichts- und Fachbücher.

«Nicht mehr genehm»

Huber studierte Geisteswissenschaften, war Gastreferent an einer Hochschule, publizierte Artikel. Lange diente er freiwillig in der Armee. Er arbeitete 23 Jahre bei einer Sicherheitsfirma – bis die Führung wechselte. «Dem jungen Chef waren die alten Kämpfer nicht mehr genehm.» Huber erhielt immer weniger Aufträge. Bald war das Vermögen weg, er verschuldete sich Schuldensanierung Raus aus den Schulden – so gehts immer mehr.

Dann wurde ihm per Telefon gekündigt Kündigung Einfach so vor die Tür gesetzt? – von einem Disponenten. Das war im Mai 2015. Arbeitslosengeld hätte es nur wenig gegeben. Der Gang zum Sozialamt war eine Enttäuschung. «Man hat mich wie einen Hund behandelt.»

«Ich kann mich als unabhängiger Mensch bezeichnen. Es ist befreiend, nichts zu besitzen.»

Pierre Huber*, Obdachloser

Pierre Huber*, Geisteswissenschaftler

Quelle: Dominic Büttner
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Zahlen und Fakten zu den Obdachlosen in der Schweiz gibt es kaum. Eine Studie über die Situation in der Stadt Basel vom April 2019 zeigt: Obdach- und Wohnungslosigkeit sowie prekäre Wohnsituationen sind Folgen von Verarmung. Die sichtbare Obdachlosigkeit ist nur die letzte Station. Die Hälfte der Betroffenen verliert ihre Wohnung wegen finanzieller Probleme. Männer sind stärker gefährdet, wenn ihnen der Job gekündigt wird .

Pierre Huber hatte sechs Monate auf der Strasse gelebt, als ihn ein Mitarbeiter des Sozialwerks Pfarrer Sieber Prix Courage Pfarrer Sieber lebte Zivilcourage ansprach. Es war an einem kalten Dezembernachmittag, er wollte sich gerade hinter dem Hauptbahnhof unter eine Brücke legen. Nach dem Gespräch ging er in den Pfuusbus mit, die Notschlafstelle des Sozialwerks – und wurde dann für die Saison als Platzwart engagiert. Er blieb beim Sozialwerk, ist heute die rechte Hand des Hauswirtschafters, verteilt Lebensmittel. Stets holen sie Huber, wenn ein Obdachloser die Betreuer nicht an sich heranlässt. Ihm vertrauen sie, weil er einer von ihnen ist.

«Ich brauche nachts meine Ruhe» 

Im Pfuusbus hat Pierre Huber danach nie mehr übernachtet. Er schläft lieber unter freiem Himmel, praktisch das ganze Jahr über. «Meine Tätigkeit ist sozial fordernd, nachts brauche ich meine Ruhe.» Huber hat zwei Schlafplätze auf dem Gelände einer Zürcher Kirche. «Mit guter Isolierung, Matte und Schlafsack könnten alle wie ein Baby schlafen, selbst bei Minustemperaturen.» Nur wenn es extrem kalt wird, suche er Unterschlupf bei einer Kollegin.

Wie viele Leute draussen schlafen, weiss niemand genau. In Basel sind es rund hundert. Die Hälfte übernachtet zwischendurch in temporären Unterkünften – Notschlafstellen, soziale Einrichtungen – oder bei Bekannten. Rund zweihundert weitere leben vorübergehend in Notwohnungen.

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Mit seinem kleinen Verdienst bezahlt Pierre Huber Tram-Abo, Tabak und die Gummibärchen für die Kinder seiner Kollegin. Kleider und Verpflegung bekommt er vom Sozialwerk. Staatliche Unterstützung will er nicht. «Mit dem System habe ich so weit als möglich abgeschlossen.» Er vermeide jegliche Abhängigkeiten, darum wolle er auch keine Wohnung mehr. «Ich kann mich als unabhängiger Mensch bezeichnen», sagt er. «Es ist befreiend, nichts zu besitzen.» Fast nichts: Huber hat Porzellangeschirr und Silberbesteck – für zwei Personen. «Man weiss nie, wer zu Besuch kommt. Wenn schon Penner, dann mit Klasse.»

Oft eine Lebenskrise

«Viele obdach- oder wohnungslose Menschen stammen aus bürgerlichen Verhältnissen», sagt Christoph Zingg, Gesamtleiter beim Sozialwerk Pfarrer Sieber. Sie geraten in eine Lebenskrise und fallen durch alle Auffangnetze. «Diese Menschen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, einige machen diese Entscheidung nie mehr rückgängig, wie Pierre Huber.» Zingg hat in seiner Karriere nur eine einzige Person erlebt, die wirklich aus freien Stücken auf der Gasse lebte. Niemand gebe freiwillig seinen Wohnungsschlüssel ab, sondern nur, wenn man keinen anderen Ausweg mehr sieht. Zingg spricht deshalb von «erzwungener Freiwilligkeit».

Auch Lilian Senn führte ein ganz gewöhnliches Leben, bevor sie auf der Gasse landete. Die 62-Jährige war verheiratet, zog zwei Söhne gross und schloss mehrere Ausbildungen ab. Unter anderem war sie als Personalchefin tätig. Einem Burn-out folgte die Scheidung. Sie versuchte, sich selbständig zu machen , wurde dann Buschauffeuse. «Aber ich sehnte mich nach einem beruflichen Neuanfang.» Aus Leichtsinn habe sie dann ihre Stelle gekündigt. Sie fand nur noch Gelegenheitsjobs, verdiente wenig, verlor die Wohnung. «Damit begannen die Probleme: ohne Wohnung kein Job, ohne Job keine Wohnung.»

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Als Frau auf der Strasse zu leben, sei noch härter. «Viele meinen, eine obdachlose Frau sei automatisch eine Prostituierte – das kann sehr unangenehm und gefährlich werden», sagt Lilian Senn. «Darum achtete ich darauf, dass man mir meine Obdachlosigkeit nicht ansieht.» Auch ihre Schlafplätze hielt sie geheim.

Die Basler Studie zeigt: Nur ein Fünftel der Obdachlosen sind Frauen. Sie nehmen oft aus Gründen der Sicherheit lieber in Kauf, abhängig von Freundinnen oder Bekannten zu werden.

«Ich achtete darauf, dass man mir meine Obdachlosigkeit nicht ansieht.»

Lilian Senn

Lilian Senn, ehemalige Personalchefin

Quelle: Dominic Büttner

Die Wohnung beengt

Nach über vier Jahren auf der Gasse hat Lilian Senn seit Kurzem wieder ein Dach über dem Kopf, zusammen mit ihrem neuen Lebenspartner. Die Wohnung bekamen sie dank einer Reportage über ihre Liebesgeschichte im Strassenmagazin «Surprise». «Mit den vielen Betreibungen hätte uns sonst kein Vermieter eine Chance gegeben.» Wieder eine Wohnung zu haben, sei gewöhnungsbedürftig, fühle sich bisweilen beengend an. «Es ist wunderbar, eine Tür zumachen zu können. Aber der Mietzins belastet unser schmales Budget und hat unsere Armut noch verschärft.»

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Lilian Senn ist überzeugt, dass der Schweizer Sozialstaat «faul» ist. «Als ich noch jeden Morgen gemütlich Kaffee getrunken habe, bevor ich zur Arbeit ging, fand ich die Schweiz das beste Land der Welt. Dabei ist unser System hartherzig und asozial.» Sozialhilfe Existenzsicherung Sozialhilfe von A bis Z sei auch keine Lösung – dann gehe es erst richtig bergab. «Unsere Gesetze sind lückenhaft wie Emmentalerkäse! Vielleicht mache ich eines Tages ein Feuer mit all dem Papier, dann kann ich wenigstens einen Cervelat braten.»

Es braucht wenig, um Obdachlose zu unterstützen, sagt Lilian Senn. «Geld oder Essen, wenn sie danach fragen. Und vielleicht ein bisschen plaudern.» Früher, noch auf der anderen Seite, habe sie sich hintergangen gefühlt, wenn jemand mit von ihr erbetteltem Geld Alkohol kaufte. «Jetzt sehe ich es anders. Ich will nicht mehr urteilen. Wenn jemand etwas braucht, braucht er es – das können auch mal Drogen Drogen legalisieren Wie schlimm sind Drogen wirklich? sein.» Sie gebe immer Geld, wenn sie etwas habe – ausser bandenmässigen Bettlern.

«Wer meint, jemand sei freiwillig obdachlos, ist dümmer als ein Velo.»

Franco, ehemals heroinabhängig

Franco, ehemals heroinabhängig

Quelle: Dominic Büttner
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Häufig einsam

«Obdachlose Menschen leiden oft unter Einsamkeit Einsamkeit Wege aus der Isolation », sagt Christoph Zingg vom Sozialwerk Pfarrer Sieber. «Wenn sich ein paar nette Worte oder ein kurzes Gespräch ergeben, ist das auch etwas wert.»

Mit Franco lässt es sich gut reden. Der 50-Jährige konsumierte fast sein halbes Leben lang Heroin und dealte. Vor neun Jahren kam er von der Droge los, war aber immer wieder obdachlos, auch letzten Winter. Jetzt wohnt er in einer Notwohnung, sucht eine Bleibe. «Heute ist Alkohol mein Problem. Ich will weg von diesem Blödsinn. Mit einer Bierfahne finde ich schliesslich nie eine Frau.» Und die wünscht sich Franco – und einen Job als Handwerker.

Der drahtige Mann trägt die Haare lang, ein Heavy-Metal Musik «Wenn du Ja zu Metal sagst, bleibst du dabei» -Shirt und einen Hut wie Crocodile Dundee. Franco besteht darauf, geduzt zu werden, sein Nachname soll nicht publiziert werden. Er duzt höflich alle Leute auf der Strasse, auch ältere Damen.

Gern lässt er seine Bassstimme in schallendem Lachen ertönen. Wenn er von seinen Jahren auf der Gasse erzählt, wird er aber ernst. «Wer meint, jemand sei freiwillig obdachlos, ist dümmer als ein Velo. Man kämpft dauernd ums Überleben, kann nie richtig schlafen – und trägt rund um die Uhr Schuhe.» Franco geniesst es darum, möglichst oft barfuss zu gehen. «Obdachlose sind Multitasker – und die besseren Manager als alle, die auf ihrem breiten Hintern im schönen Büro sitzen und fette Boni kassieren Managerlöhne Die Lüge mit den Boni


*Name geändert

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Andres Büchi, Chefredaktor

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