Ella hat die schlimmsten Momente vergessen. Ihre Mutter nicht: Ella ist noch ein Baby, als der erste allergische Schock sie beinahe das Leben kostet. Mutter und Tochter sind zu Besuch bei der Oma; der Reisschleim, den Ella wegen ihrer Neurodermitis normalerweise isst, ist zu Hause vergessen gegangen. Als Ersatz kocht die Mutter Griessbrei. Noch ahnt sie nichts von der Weizenallergie ihrer Tochter.

Schon kurz nach dem Essen bekommt Ella einen Ausschlag, versucht, sich zu kratzen, windet sich. «Und plötzlich merke ich, dass sie kaum mehr Luft bekommt», erzählt die Mutter. «Es war grauenvoll.» Ellas Hals schwillt zu, die Lippen verfärben sich blau. «Da wusste ich, ich muss ruhig bleiben und handeln, nur so kann ich sie retten.»

Das Baby verliert das Bewusstsein

Die Familie wohnt im Zürcher Oberland, die Fahrt ins Spital würde länger dauern als ins Dorf zum nächsten Arzt. «Meine Mutter hat sich mit dem Baby auf den Rücksitz gesetzt. Ella hat das Bewusstsein verloren, und ich bin losgerast. In acht Minuten waren wir in der Praxis.» Dort bekommt das Baby die rettende Spritze, die den allergischen Schock in seinem kleinen Körper eindämmt.

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Zwölf Jahre später sitzt Ella am Gartentisch und wundert sich, dass sie sich an viele derartige Episoden gar nicht mehr erinnern kann. «Sei froh», sagt ihre Mutter.

Ella ist anderer Meinung: «Ich will doch wissen, was mit mir los ist.» Ella ist auf vieles allergisch. Ihr Körper reagiert heftig auf Nüsse, Milch, Weizen und Eier. «Es gibt fast keine industriell hergestellten Lebensmittel, die sie essen kann», sagt ihre Mutter. Schon Spuren der Stoffe können Reaktionen auslösen. Selbst wenn ein anderes Kind ein Eis isst und Ellas Haut mit ungewaschenen Fingern berührt, reagiert sie mit Ekzemen.

Allergien sind eine Überreaktion des körpereigenen Abwehrsystems. Es reagiert heftig auf einzelne Substanzen, die Aller­gene, die eigentlich weder giftig noch sonstwie schädlich für den Körper wären. Die Zahl der Allergien hat in den letzten Jahrzehnten in den Industrieländern stark zugenommen. Warum das so ist, kann die Wissenschaft nicht erklären.

In der Schweiz leiden 17 Prozent der Kinder leiden an der Hautkrankheit Neurodermitis, 10 Prozent an Asthma. Manchmal sind Allergien ein Grund für den Ausbruch dieser Störungen – bis zu 20 Prozent der Kinder haben Pollenallergien.

Zum Beispiel Mischa. Pollen sind der Hauptauslöser für das Asthma des Elfjährigen aus Arlesheim BL. Vor allem zwischen März und Juni muss er deshalb täglich ­inhalieren. Morgens mit einem Kortisonspray und – sobald er merkt, dass sich die Atemwege verengen – mit einem Notfall-Inhalator. Die Bronchien von Asthmakranken sind chronisch entzündet. Während eines Anfalls krampfen sich die Atemwege zusätzlich zusammen, ausserdem entsteht mehr Schleim, was das Luftholen weiter erschwert.

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Asthma hatte Mischa erstmals mit fünf Jahren. Doch schon als kleines Kind plagten ihn Pseudokrupp-Anfälle – krampfartige Hustenattacken, die meist nachts auftreten. «Wir haben ihn dann jeweils in eine Decke gepackt und uns auf die Terrasse gesetzt», sagt Mischas Mutter. Kalte Luft beruhigt den Pseudokrupp, der oft bedrohlicher scheint, als er ist.

Lebensgefährliches Asthma

Asthmaanfälle hingegen können lebensbedrohlich sein. Weil die medizinische Grundversorgung in der Schweiz so gut ist, kommt es glücklicherweise kaum mehr zu Todesfällen deswegen. Asthma­experte Alexander Möller vom Kinderspital Zürich kennt einen Fall, wo ein Junge nur mit viel Glück überlebte. Der Teenager sei in der Badi aus dem Wasser gestiegen und mit einem schweren Anfall zusammengebrochen. Nur weil sich zufällig gerade ein Lungenspezialist auf der Wiese sonnte, habe er ­gerettet werden können.

Wichtig für Asthmabetroffene ist nicht nur, immer ihren Notfallspray dabeizuhaben: Je nach Schweregrad braucht der Pa­tient eine Grundtherapie. «Wer häufiger als zweimal pro Woche zum Notfall-Inhalator greift, sollte zusätzlich inhalieren», sagt Pneumologe Möller. Sonst drohen langfristig Schäden durch Vernarbungen.

Asthma

In der Lunge verzweigen sich die Bronchien in ein immer feineres Röhrensystem: Bronchien werden zu Bronchiolen, und diese enden in den Lungenbläschen. Wer an Asthma leidet, hat chronisch entzündete Atemwege, was wiederum zu anfallartigen oder dauerhaften Verengungen der Bronchien und Bronchiolen führt. Die Muskulatur um die Atemwege zieht sich zusammen, die Schleimhaut schwillt an, und die Schleimbildung verstärkt die Verengung zusätzlich. Dadurch wird das Atmen anstrengend, und er Körper versucht durch Husten, die Atemwege vom überflüssigen Schleim zu befreien.

Quelle: Thinkstock Kollektion

Bei Mischa tritt das Asthma stärker auf, wenn er sich anstrengt. Trotzdem betreibt der Fünftklässler viel Sport. Genau dazu ­raten die Fachärzte auch: Eine trainierte Lunge werde auch mit Asthmaattacken besser fertig. Nur Sportarten mit vielen schnellen Antritten eignen sich weniger. Das Fussballspielen musste Mischa deshalb aufgeben. «Das hat mich schon ein bisschen genervt», sagt er. Aber sonst ist er in seinem Alltag wenig eingeschränkt. Die Familie hat sogar einen kleinen Zoo: Hund, Katze und Hasen.

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Für Ella wäre das undenkbar: Sie reagiert mit Asthma auf Katzen und Pferde. Und Allergene, die sich über die Luft ausbreiten, können auch ihre Neurodermitis verstärken. An den betroffenen Stellen wird die Haut rot, geschwollen, es juckt, durch das Kratzen entstehen Ekzeme.

Kratzen verboten

Das Ganze ist ein Teufelskreis. Der starke Juckreiz lässt nach, wenn das Kind die Stelle aufkratzt. Die offenen Stellen können sich jedoch leicht entzünden. «Der Juckreiz ist für die Kinder eine grosse Belastung», sagt Lisa Weibel, Dermatologin am Kinderspital Zürich. Die Neurodermitis kann auch den Schlaf und das gesamte ­Allgemeinbefinden beeinträchtigen. «Das kann so weit gehen, dass die Kinder auf­hören, zu wachsen oder zuzunehmen.» Entscheidend sei deshalb eine aktive Hauttherapie. Leidet ein Kind an Ekzemen, soll man möglichst schnell zum Arzt.

Auch Ella hat sich als Baby blutig gekratzt, musste nachts Baumwollhandschuhe tragen. Weil die Eltern konsequent darauf achten, dass Ella möglichst nicht mit Allergenen in Kontakt kommt, sieht man ihr die Neurodermitis heute nicht mehr an.

«Es ist wichtig, einem chronischen Verlauf vorzubeugen», sagt Hautspezialistin Weibel. Zudem sei es ein noch immer weit verbreiteter Irrglaube, dass tägliches Baden oder Duschen die Haut austrockne. Im Gegenteil sei es empfehlenswert, die Haut jeden Tag zu reinigen und anschliessend zu pflegen. Das Wasser mache sie empfänglicher für die Pflege. Mehr als zehn Minuten sollten es aber nicht sein. Ins Badewasser gibt man bei kleineren Kindern am besten Ölzusätze. Anschliessend sollte man das Kind am ganzen Körper eincremen.

Neurodermitis

Es sind nicht immer allein die Allergien, die Neurodermitis auslösen. Es wird zu wenig Talg produziert, was die Haut trocken und spröde macht. So verliert sie ihre Barriere- und Abwehrfunktion, wird anfällig für Ekzeme und beginnt zu jucken. Wichtig ist es, einen Umgang mit dem quälenden Juckreiz zu finden, ohne zu kratzen. Die betroffene Stelle soll man kühlen, was den Juckreiz lindert, oder darauf klopfen, was den Reiz vielleicht ebenfalls mildert und nicht zu offenen Stellen führt, die sich entzünden können. Das Allergiezentrum Schweiz bietet spezielle Schulungen zum Umgang mit dem Juckreiz an.

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Ältere Kinder wie Ella übernehmen das selbst. Im Alltag ist die Zwölfjährige ziemlich eingeschränkt. «Fast alle sozialen Aktivitäten haben irgendwie mit Essen zu tun», sagt Ellas Mutter. «Manchmal ist es wie verhext: Selbst grosse Buffets sind so zusammengesetzt, dass Ella nicht mal aus ­einer einzigen Schüssel etwas nehmen kann.» Wie neulich, als es zwar Rohkost gab – aber jemand habe unbemerkt einige Spritzer Joghurtsauce auf dem Gemüse zurückgelassen. «Dann beginnt es als Erstes, mich in Mund und Gaumen zu jucken», erzählt Ella. Das Beste sei dann eigentlich, sich so schnell wie möglich zu übergeben. Der Organismus beruhigt sich schneller wieder, wenn die problematischen Stoffe nicht allzu lang im Körper bleiben.

Das Notfallset immer dabei

Wenn Ella das Haus verlässt, muss sie ihr Notfallset immer dabeihaben: ein rotes Etui mit zwei verschiedenen Inhalatoren, Kortisontabletten, Antihistamintropfen und – für den schlimmsten Fall – einer ­Adrenalinspritze. Diese kann den lebensbedrohlichen allergischen oder anaphy­laktischen Schock stoppen, bis Ella im Krankenhaus ist. In Folie eingeschweisste Merkblätter hat ihr ihre Mutter auch ins Etui gelegt, die zeigen, woran Ella leidet und was im Notfall zu tun ist.

Gerade die ersten Jahre seien schlimm gewesen. Doch glücklicherweise ist Ellas Vater Arzt, konnte also so manchen Notarzteinsatz selbst übernehmen. Trotzdem hätten sie in ständiger Sorge gelebt.

Anstrengend sei auch der soziale Teil. Denn weil Ella so heftig reagiert, spielt sogar die Zubereitung des Essens eine Rolle; wurde etwa zuerst Käse auf dem Fleischbrett geschnitten, ist das bereits ein Pro­blem. Das Verständnis für solche Dinge sei zwar gewachsen – «aber immer ganz genau nachzufragen kann unangenehm sein». Wann immer möglich, gibt die Mutter ihrer Tochter deshalb das Essen mit. Ella lacht. «Ins Klassenlager hast du mir eine Riesenkiste Spezialessen mitgegeben, und der Koch hat nicht mal die Hälfte davon gebraucht.» Die Mutter zuckt die Schultern, lacht ebenfalls. «Ich lerne jetzt langsam loszulassen.»

«Im Moment hat Ella eine sehr gute Phase», sagt ihre Mutter. Sie könne gut mit der Situation umgehen. Das sei jedoch nicht immer so. «Manchmal macht es sie zu Recht sehr traurig. Und sie kämpft mit den Einschränkungen, die die Allergien ihr auferlegen.»

Immerhin kann Ella inzwischen Schokolade essen – wenn auch keine «richtige» aus der Schweiz. Ihre Mutter fand für sie eine Spezialschokolade ohne Milch und Nüsse. In Österreich.

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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