Als Harry Büsser mit 50 Vater wird, hält er seine neugeborene Tochter im Arm – und rechnet. «Wie alt bin ich, wenn sie 20 ist?»

Der Gedanke lässt ihn nicht mehr los. Er will gesund und fit bleiben, auch für sie. Schon zuvor hatte der Journalist und Finanzcoach über Langlebigkeit recherchiert. Mit seiner Tochter kommt eine zusätzliche, persönliche Motivation hinzu.

Also macht er sich schlau: spricht mit Forschenden, besucht Longevity-Hotels, probiert Nahrungsergänzungsmittel aus. Vieles entpuppt sich als überteuerter Hype.

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«Es wird zunehmend schwierig, nachweisbar sichere Massnahmen von nicht belegten zu unterscheiden.»

Heike Bischoff-Ferrari, Altersmedizinerin

Das bestätigt auch Heike Bischoff-Ferrari, Altersforscherin und Altersmedizinerin an der Universität Basel und Mitglied des WHO-Konsortiums für gesundes Altern, dem Beobachter: «Für die Bevölkerung und sogar für Gesundheitsexperten wird es zunehmend schwierig, nachweisbar sichere Massnahmen von nicht belegten zu unterscheiden.» Gründe sieht sie darin, dass Longevity zum Trend geworden sei, und in der Problematik, dass «alle alles» bewerben können.

Gar nicht erst erkranken

In Europa liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 80 Jahren, die gesunde nur bei 64. Das heisst: Viele Menschen verbringen rund 15 Jahre mit eingeschränkter Gesundheit. Der Alterungsprozess gilt als wichtigster Risikofaktor für chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Osteoporose oder Demenz.

«In der Medizin von heute behandeln wir erst, wenn Menschen bereits krank sind», sagt Bischoff-Ferrari. «Das Ziel unserer Forschung ist, schon viel früher präventiv einzugreifen, um die Gesundheitsspanne zu verlängern.»

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Longevity
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Eine Forschergruppe um Bischoff-Ferrari konnte im Rahmen der internationalen Do-Health-Altersstudie der Universität Zürich kürzlich mit 2000 gesunden 70-Jährigen zeigen: Wer Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D3 und regelmässige Bewegung kombiniert, verlangsamt seine biologische Alterung messbar.

Die Teilnehmenden hatten nach drei Jahren ein um 61 Prozent geringeres Risiko für neue Krebserkrankungen und waren seltener gebrechlich.

«Gesunde Lebensstilfaktoren stellen bisher die mächtigsten Hebel dar, um den Alterungsprozess zu verlangsamen.»

Heike Bischoff-Ferrari, Altersmedizinerin

Hoffnung setzt die Longevity-Szene aktuell auch in Medikamente, die das Altern verlangsamen sollen. Dazu zählen das Diabetesmittel Metformin und das Immunsuppressivum Rapamycin. Bisherige Erkenntnisse beruhen ausschliesslich auf Tierversuchen. Für Menschen fehlt bislang ein Beweis.

«Gesunde Lebensstilfaktoren stellen bis jetzt die mächtigsten Hebel dar, um unseren biologischen Alterungsprozess zu verlangsamen», betont Bischoff-Ferrari. «Noch dazu sind diese Hebel für alle Menschen zugänglich!»

Die Forscherin baut an der Universität Basel aktuell einen neuen Campus für gesunde Langlebigkeit mit auf. «Wir wollen damit allen Menschen belegte und sichere Massnahmen zur Verlängerung der gesunden Langlebigkeit nutzbar machen.»

Wunderpille Sport

Harry Büssers Tochter ist mittlerweile vier Jahre alt, er selbst 55. Er macht seinen Vorsatz wahr und bezeichnet sich heute als jemanden, der Longevity lebt. Kürzlich hat er ein Buch darüber geschrieben (siehe Buchtipp). Er sagt: «Die grossen Summen, die in die Forschung investiert werden, machen Hoffnung, dass wir bald noch mehr wissen werden.» Bis dahin setzt er auf das, was erwiesenermassen beim Ziel hilft, gesund zu altern: Er passt seinen Lebensstil an. «Keine Pille bringt den gleichen Effekt, wie täglich Sport zu treiben.»

Im Sommer schwimmt Büsser morgens eine Runde im Seebad am Greifensee. In den Mittagspausen geht er zum Tennis oder ins Fitnessstudio. Dreimal die Woche besucht er die Sauna. Morgens und abends macht er je 5 bis 15 Minuten Übungen: Kraft, Beweglichkeit, Dehnen. Die Tochter turnt mit oder hört ein Hörspiel – er selbst einen Podcast.


 

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«Ich richte mir das so schön ein, wie es geht», sagt er, bei gutem Wetter auf dem Balkon mit Morgensonne. Der innere Schweinehund melde sich nicht mehr. «Für mich ist dieses tägliche Programm so selbstverständlich geworden wie Haare kämmen.»

Auch seine Ernährung hat Büsser angepasst. Er isst mehr Eiweiss, morgens macht er sich eine Gemüse-Ei-Omelette. Dazu wenige Vitaminpräparate wie Kreatin und Magnesium. Zum Abendessen lädt er gern Freunde ein, für den sozialen Austausch.

Alkohol trinkt er selten und nur massvoll, Süssigkeiten kauft er möglichst gar nicht erst. «Wenn ich Süsses zu Hause habe, esse ich es auch», sagt er. «Da fehlt mir die Disziplin.» In Stresssituationen setzt er statt auf Schokolade lieber auf eine fünfminütige Atemübung.

«Meinen Lebensstil anzupassen, verschlechtert meine Lebensqualität nicht.»

Harry Büsser, Journalist und Finanzcoach

Harry Büsser hat seinen Weg gefunden: mit gesunden Routinen statt mit radikalen Kuren.

«All die kleinen Entscheidungen im Alltag haben einen Einfluss darauf, wie lange ich gesund leben werde», sagt Büsser. Für ihn sei das eine befreiende Erkenntnis. Druck verspüre er keinen. «Meinen Lebensstil anzupassen, verschlechtert meine Lebensqualität nicht», sagt er. «Im Gegenteil. Ich fühle mich den ganzen Tag besser.»

Longevity: Vier alltagstaugliche Tipps für gesundes Altern

1. Diese sechs Hebel sind wirksamer als jede Trendpille

Statt auf neue Medikamente zu hoffen, lohnt sich ein Blick auf das Naheliegende: sich bewegen, sich ausgewogen ernähren, erholsam schlafen, achtsam sein, Neues dazulernen und soziale Kontakte pflegen. Die Kombination dieser sechs Faktoren wirkt nachweislich stärker als jede Trendpille.

Das zeigen auch die sogenannten Blue Zones – Regionen mit auffallend hoher Lebenserwartung wie Okinawa (Japan), Sardinien oder Nicoya (Costa Rica). Was die Menschen dort gemeinsam haben? Sie bewegen sich täglich, essen pflanzenbasiert, haben wenig Stress und sind sozial stark eingebunden. Da lässt sich einiges abschauen.

2. Wie alt wir biologisch sind, lässt sich messen – und beeinflussen

Unser chronologisches Alter sagt wenig über den biologischen Zustand unseres Körpers aus. Der Forscher Steve Horvath entwickelte epigenetische Uhren, mit denen sich das biologische Alter messen lässt. Kürzlich konnten Forschende mit Hilfe dieser Messmethode zeigen:

Eine Kombination aus algenbasiertem Omega 3 (ein Gramm am Tag), Vitamin D3 (2000 Internationale Einheiten am Tag) und einfachem Krafttraining zu Hause dreimal pro Woche (je 30 Minuten) senkte bei über 2000 gesunden 70-Jährigen das Krebsrisiko um 61 Prozent und das Risiko für Gebrechlichkeit um 39 Prozent. Gleichzeitig verlangsamte sich ihr biologisches Altern über den Studienzeitraum von drei Jahren um drei bis vier Monate.

3. Wer gibt, lebt besser

Soziale Beziehungen verlängern das Leben – vor allem wenn sie Sinn stiften. In einer Studie erholten sich 84-Jährige nach einem Hüftbruch schneller, wenn sie sich um jemanden oder etwas kümmerten. Das können Kinder und Pflegebedürftige, Haustiere oder Balkonpflanzen sein. Entscheidend ist das Gefühl, gebraucht zu werden.

4. Kleine Schritte statt Selbstoptimierung

Viele scheitern am eigenen Anspruch, alles richtig zu machen. Unser grösster Hebel liegt aber in den kleinen, wiederkehrenden Entscheidungen: die Treppe zur Wohnung nehmen, mit dem Velo ins Büro fahren, zu Fuss einkaufen gehen.

Statt Süssigkeiten und Riegel lieber Früchte und Nüsse auf Vorrat kaufen und das Glas Wein am Abend gegen den selbstgemachten Eistee tauschen.

Harry Büsser etwa macht seine Morgenübungen gern auf dem Balkon – mit Blick auf die Berge und einem Podcast im Ohr. Wer sich gesunde Routinen angenehm gestaltet, bleibt leichter dran.

Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 26. September 2025 veröffentlicht.