BeobachterNatur: Die Verordnung zur Zweitwohnungs­initiative tritt am 1. Januar 2013 in Kraft. Warum gehen Sie gerichtlich gegen ­Gemeinden vor, die vorher noch Bau­bewilligungen für Zweitwohnungen ­erteilt haben?
Vera Weber: Die Initiative ist bei der Annahme am 11. März zur Verfassungsbestimmung ­geworden. Unsere Initiative ist klar formuliert und direkt anwendbar.

BeobachterNatur: Ist Ihr Vorgehen nicht Zwängerei?
Weber: Keineswegs. Wir sind dem Schweizer Stimmvolk gegenüber verpflichtet, die Initiative möglichst schnell umzusetzen.

BeobachterNatur: Geben Sie nie auf?
Weber: Nein. Ich lasse mich nicht einschüchtern oder von meinem Weg abbringen.

BeobachterNatur: Ihre Facebook-Seite zitiert Gandhi: «Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du.»
Weber: Der Spruch trifft auf mich und andere Umwelt- und Tierschützer zu. In Katalonien wurden unsere Kollegen verhöhnt, als sie eine Initiative starteten, um den Stierkampf abzuschaffen. Doch sie siegten. Es war der glücklichste Tag meines Lebens.

BeobachterNatur: Sie haben sich einmal mit Hulk ver­glichen – mit der grünen Comicfigur, die sehr böse wird, wenn man sie reizt.
Weber: Ja, wenn ich Frust und Ärger zu lange ­hinunterschlucke, beginnt es in mir zu brodeln. Früher habe ich in diesem ­Jähzorn die Kontrolle über mich verloren und Dinge kaputtgemacht. Mittlerweile habe ich gelernt, diese Kraft zu kanalisieren und für Positives zu nutzen.

BeobachterNatur: Wer muss mit Ihrem Zorn rechnen?
Weber: Menschen, die die Natur verschandeln, aus Gier handeln und nur auf Profit aus sind. Alle, die Tiere ausnutzen und quälen.

BeobachterNatur: Sie wollten sich einst an eine Birke ­ketten, damit sie nicht gefällt wird.
Weber: Die Kette lag bereit. Aber ich konnte die Behörden mit Argumenten davon überzeugen, dass der Baum im Berner Mattequartier stehen bleiben musste. Vielleicht war mein Nachname hilfreich.

BeobachterNatur: Trotz Ihrem Engagement sind Sie für viele nur die Tochter von Franz Weber. Ärgert Sie das?
Weber: Nein, wirklich nicht. Das geht doch jedem so, der einen so bekannten Vater hat. Ich will aber zeigen, dass ich nicht nur die «Tochter von» bin, sondern ein eigenständiger Mensch, der etwas bewegt.

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BeobachterNatur: Was unterscheidet Sie von Ihrem Vater?
Weber: Ich bin ruhiger als er. Und ich kann besser auf Menschen eingehen.

BeobachterNatur: Sie werden eines Tages in der Stiftung die Nachfolge Ihres radikal agierenden Vaters antreten. Fühlen Sie sich dieser Aufgabe gewachsen?
Weber: Warum sollte ich es nicht sein? Meine Stimme mag sanft sein, aber ich bin in der Sache durchaus hart. Es ist nicht meine Art, zu poltern und zu brüllen.

BeobachterNatur: Inwiefern ist es bei Ihrer Arbeit ein Vorteil, eine junge Frau zu sein, die nicht gleich auf Konfrontationskurs geht?
Weber: Ich suche den Dialog, höre mir die Argumente der Gegenseite an und versuche, sie zu verstehen. Ich möchte Lösungen finden statt Fronten verhärten. Das bringt mehr.

BeobachterNatur: Ihr Vater hingegen ist nicht gerade für seine Kompromissbereitschaft bekannt.
Weber: Die Zeiten haben sich geändert. Als mein Vater anfing, war Umweltschutz kein Thema, Pioniere wie er wurden verspottet. Da war es notwendig, dass man die Gesellschaft wachrüttelte. Heute sind sich die meisten Menschen bewusst, dass wir zur Natur Sorge tragen müssen.

BeobachterNatur: Wie wurden Sie zur Umweltschützerin?
Weber: Wer solche Eltern hat wie ich, ist von Geburt an infiziert. Bei meinem Vater gab es eine Initialzündung. Er war 1965 als Journalist im Engadin unterwegs und machte Halt in Surlej, wo ein zweites St. Moritz gebaut werden sollte. Er fand: Das darf nicht geschehen! Die Seenlandschaft von Maloja bis St. Moritz steht seither unter Schutz.

BeobachterNatur: Was schockiert Sie selbst am meisten?
Weber: Die Robbenjagd ist etwas vom Grausamsten. Wenn ich kanadische Jäger dabei filme, wie sie Robbenbabys abschlachten, muss ich mir einen inneren Panzer zulegen. Doch ich mache diese Arbeit, weil j­edes Bild, das ich nach Hause bringe, ein Nagel im Sarg der Robbenjagd ist. Das Schrecklichste aber sind für mich Tierfabriken und Tiertransporte. Die Bilder der gequälten Tiere verfolgen mich im Schlaf.

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BeobachterNatur: Sie sind gegen Robbenjagd und Stierkampf, die Müllpferde in Buenos Aires möchten Sie von ihrem Los befreien. Gibt es bei uns keine Tierschutzthemen?
Weber: In der Schweiz macht sich die Fondation Franz Weber vor allem für die Erhaltung der Landschaft stark. Aber es gäbe auch hier noch viel zu tun.

BeobachterNatur: Zum Beispiel?
Weber: Wir setzen uns gegen die Enthornung von Kühen ein. Hörner sind ein Teil der Kuh, den man nicht einfach entfernen kann. Nichts in der Natur ist überflüssig.

BeobachterNatur: Glauben Sie, Ihre Arbeit trägt Früchte?
Weber: Aber ja doch! Ich muss optimistisch sein, sonst habe ich keinen Grund, morgens aufzustehen. Ich glaube an das Gute im Menschen, einen Bewusstseinswandel. Unsere Nachkommen werden erstaunt ­darüber sein, wie unsensibel wir mit der Natur und den Tieren umgegangen sind.

Vera Weber, 38, Vizepräsidentin der ­Fondation Franz Weber, war Kampagnenleiterin der Zweitwohnungsinitiative, die letzten März angenommen wurde. Die Verwaltungsrätin des Brienzer Hotels ­Giessbach wohnt in Montreux und Bern.

Quelle: Marcus Gyger
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