Schöner scheiden, Folge 6
«Irgendwann fing mich alles an ihm zu nerven an»
Trennung und Neubeginn waren nicht einfach – Anja hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Dafür ist die neue Situation ehrlich und fair.

Veröffentlicht am 20. April 2026 - 13:56 Uhr

Steckbrief
Anja hat sich nach 18 Jahren vom Vater ihrer Kinder getrennt. In der sechsten Folge unserer Serie «Schöner scheiden – wenn die Liebe hinfällt» erzählt die 43-Jährige, wie ein Neuanfang als Familie trotz Trennung möglich ist:
I. Aus und vorbei: «Und dann habe ich mich in einen Arbeitskollegen verliebt»

Angaben wie Namen und Orte wurden teilweise verfremdet – die Gefühle sind echt.
Vor zwei Jahren, auf unserer letzten Reise zu viert, waren wir in Thailand. Und ich glaube, in diesen fünf Wochen hatten wir kein einziges Mal Sex.
Ich weiss nicht einmal, ob ich ihn mal geküsst habe – und wenn, dann wohl widerwillig.
Kapitelübersicht
Oli ist wirklich ein toller Mensch, ein cooler Vater, verspielt und sehr humorvoll. Und meistens gut gelaunt. Alles super. Aber ich liebte ihn nicht mehr.
Ich wollte es nicht wahrhaben, aber unterschwellig realisierte ich, dass es nicht mehr fair ist, einfach so weiterzumachen. Nicht ehrlich.
Trotzdem bin ich nicht gegangen. Es lief ja immer noch alles. Wir hatten keinen Streit. Wir hatten es lustig und gut. Auf ihn war Verlass, und wir funktionierten super als Team. Wir hatten einen guten Freundeskreis, ein Haus mit Garten, genügend Geld auf dem Konto.
Und dann, vor eineinhalb Jahren, habe ich mich in einen Arbeitskollegen verliebt. Das war dann mein Sprungbrett.
«Er wusste, dass er nichts mehr machen konnte.»
Er ist ein paar Jahre älter als ich und hat mir anfangs äusserlich eigentlich gar nicht gefallen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich je in ihn verlieben könnte.
Aber mit ihm konnte ich alles bereden, tiefe Gespräche führen. Er ist wie in die Lücke gesprungen, die in meiner Ehe entstanden war. So wurde eine Freundschaft daraus.
Ich habe ihm auch von meinen Beziehungsproblemen erzählt. Zu Beginn der Sommerferien sind wir uns das erste Mal nähergekommen. Und zwei, drei Wochen später habe ich Oli gesagt, dass wir ein Problem hätten – dass ich mich verliebt habe.
Am Anfang dachte ich, ich könnte vielleicht beides nebeneinander laufen lassen, als offene Beziehung führen.
Und Oli hat das Ganze sogar eine Zeit lang mitgemacht, obwohl er natürlich alle Gefühle durchlebte, die man fühlt, wenn man so etwas gesagt bekommt – Enttäuschung, Trauer, Wut. Aber er muss gewusst haben, dass er nichts mehr machen konnte.
«Irgendwann hat es ihm den Nuggi rausgehauen.»
Wenn ich das Ende unserer Ehe wirklich hätte verhindern wollen, hätte ich Gianni nicht mehr sehen dürfen. Aber das habe ich nicht geschafft.
In diesen ersten Wochen und Monaten der Verliebtheit spielen Körper und Hormone verrückt. Es passiert einfach. Gegensteuer zu geben, ist in dieser Phase sehr schwierig.
Oli und ich haben dann eine Weile weiterfunktioniert, bis zu den Herbstferien. Aber das war eine schlimme Zeit. Irgendwann hat es ihm den Nuggi rausgehauen – und er hat die Beziehung mit mir beendet.
II. Wie alles begann: «Ich hatte mich nur schon in die Art verliebt, wie er schrieb»

Kennengelernt haben Oli und ich uns 2006 im Ausgang und dann die Nummern ausgetauscht. Damals gab es noch dieses Partyportal «Sexy & Famous», dort konnte man sich schreiben.
Irgendwann telefonierten wir auch. Aber ich hatte mich nur schon in die Art verliebt, wie er schrieb – er ist sehr wortgewandt und ein total positiver Mensch.
Es hat einfach voll eingeschlagen. Ich war damals 23 Jahre alt, blutjung. Und er nur zwei Jahre älter. Er hatte gerade sein Studium abgeschlossen und ich meine erste eigene Wohnung.
Alles war sehr unbeschwert und gut. Ich spürte von Anfang an, dass es ernster war als die Beziehungen, die ich zuvor hatte. Das habe ich auch meiner Mutter gesagt.
«Alles war sehr unbeschwert und gut.»
Wir haben dann auch bald unsere Lebenswünsche abgeglichen. Für mich war sehr wichtig, dass er auch Kinder haben wollte, weil ich früh Mami werden wollte.
Nach 2008 sind wir noch drei Monate zusammen in Asien herumgereist und danach zusammengezogen. Und dann ging es nicht mehr lange, und ich war schwanger.
Wir hatten es ein bisschen drauf ankommen lassen und nur mit Temperaturmessen verhütet. Das hat etwa ein Jahr lang funktioniert.
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III. Der Anfang vom Ende: «Es hat mich verletzt, dass ihm die Arbeit so wichtig war»

Als Henry zur Welt kam, war Olis Büro grad an einer grossen Projekteingabe. Er hat mich im Spital abgeholt und fuhr am gleichen Nachmittag wieder zur Arbeit.
Ich ging mit dem Baby am selben Tag in der Migros einkaufen und kam danach mit 39 Grad Fieber und einer Brustentzündung nach Hause. Das war nicht böse gemeint von Oli, aber er hat seine Arbeit schon immer sehr hoch priorisiert.
Aber ich kannte es auch nicht anders. Ich war in meinem Freundeskreis die Erste mit Kindern. Erst im Nachhinein habe ich gesehen, wie andere Väter ihre schwangeren Frauen verwöhnen und auch nachher im Wochenbett.
Ich bin neun Monate zu Hause geblieben und habe dann wieder angefangen, Teilzeit zu arbeiten. Irgendwann versuchte Oli, nur noch 80 Prozent zu arbeiten, aber eigentlich waren es dann einfach 100 Prozent in vier Tagen.
Es hat mich verletzt, dass ihm die Arbeit so wichtig war.
Als Henry eineinhalb war, konnten wir mit sehr viel Glück das Haus neben meinen Eltern kaufen. Oli ist handwerklich geschickt, er hat dort ganz viel selbst gemacht.
In der Zwischenzeit hatten wir geheiratet – ich war da bereits wieder schwanger.
«Bei mir war die körperliche Anziehung wahnsinnig früh verloren gegangen.»
Ich habe hochschwanger Zügelkisten herumgeschleppt und das alte Zuhause für die Abgabe geputzt. Er hat mir einfach immer alles zugetraut. Und ich habe mich auch nicht gewehrt. Es ging ja. Aber rückblickend habe ich mich oft alleingelassen gefühlt, als die Kinder klein waren.
Ein weiteres schwieriges Thema war, dass bei mir die körperliche Anziehung wahnsinnig früh verloren gegangen war – nach ein, zwei Jahren schon.
Ich bin nicht sicher, woran es lag. Aber als wir uns kennenlernten, nahm ich noch die Pille. Ich habe mal gelesen, dass das einen mega Einfluss haben kann.
Ich hatte mir schon bei der Hochzeit gedacht, das könnte mal noch ein Problem werden, und habe mich damals sogar einer Freundin anvertraut. Aber alles andere war mir ja auch viel mehr wert. Oli ist wirklich ein mega toller Mann. Erst im Nachhinein habe ich gemerkt, dass Sex halt doch nicht so nebensächlich ist, wie ich gedacht hatte.
Ich habe dann auch wieder angefangen, ein bisschen herumzuschauen. Ich habe nicht jemand Neues gesucht oder so – ich wusste schon, wo ich hingehöre. Aber es gab einfach so Momente, in denen ich mir Bestätigungen geholt habe, mit Flirten – ohne dass etwas gelaufen wäre.
Aber Oli und ich hatten immer weniger Intimität miteinander. Wirklich fast nichts mehr. Wenn, dann eine Umarmung, selten mal ein Kuss. Das ist lange, sehr lange unausgesprochen geblieben.
Als wir endlich darüber redeten, meinte er zwar auch, dass es für ihn so nicht stimme. Aber dann gaben wir uns vielleicht drei Wochen Mühe – und danach wars wieder beim Alten.
«Ich habe dann vorgeschlagen, wir könnten doch unsere Beziehungen öffnen.»
Ich habe dann, vor vielleicht fünf Jahren oder so, vorgeschlagen, wir könnten doch unsere Beziehungen öffnen – auch um mich selbst zu entlasten. Ich wollte ihn ja nicht plagen oder ihm etwas vorenthalten.
Aber er fand die Idee gar nicht lässig. Er hatte Angst, dass sich jemand verliebt und dann den Absprung macht. Danach haben wir das Thema wieder ruhen lassen.
Über die 18 Jahre als Paar lebten wir uns auseinander. Irgendwann redeten wir hauptsächlich noch über Organisatorisches und Oberflächliches.
«Und dann habe ich mich eben in Gianni verliebt.»
Und dann fing mich alles an ihm zu nerven an – lauter Kleinigkeiten, vor allem Geräusche. Seine Aussprache gewisser Buchstaben zum Beispiel. Oder wie er ass. Oder atmete.
Am Ende nervte mich sogar, dass er immer alles auf die leichte Schulter nimmt – dabei ist das ja eigentlich eine megacoole Eigenschaft. Da musste ich mir eingestehen, dass es gar nicht mehr gut ist.
Und dann habe ich mich eben in Gianni verliebt.
IV. Das neue Miteinander: «Ich merke, dass ich immer noch mit vielem hadere»

Das Schwierigste war, es den Jungs zu sagen. Wir haben es in den Herbstferien auf Korsika gemacht. Die hatten wir schon gebucht.
Sie waren damals 11 und 14 Jahre alt und konnten es überhaupt nicht verstehen. Es kam für sie aus dem Nichts, weil wir uns ja nie gestritten hatten. Und ich war die Böse, weil wir ihnen offen sagten, dass ich mich neu verliebt hätte.
Wir waren von Anfang an transparent und sagten ihnen auch, dass wir noch nicht wüssten, wie es weitergeht. Aber dass sich vorerst nichts gross verändern würde.
Es war schön, dass wir in Korsika so viel Zeit zusammen hatten, für all die Fragen, Tränen, Emotionen – das hatte alles Platz. Und wir konnten es auffangen.
«Ich glaube, in seinem Freundeskreis bin ich bei vielen untendurch.»
Auch dank Oli und seiner positiven Lebenshaltung, die ich schon immer geschätzt habe. Er hat eine natürliche Resilienz und ist im Ganzen so grossartig geblieben.
Er hat nie ein schlechtes Wort über mich oder Gianni gesagt. Weder den Kindern noch unseren Freunden gegenüber.
Ich glaube, in seinem Freundeskreis bin ich bei vielen untendurch. Und auch von meinem Umfeld kam mir viel Unverständnis entgegen, vor allem am Anfang. Die meisten sagen zwar nichts, aber ich merke es halt.
Alle sind Oli-Fans, selbst meine Eltern. Von aussen hatte es eben ausgesehen, als laufe alles super – wir waren eine Traumfamilie.
«Oli hat mich im Prozess überholt.»
Natürlich gab es auch Phasen, in denen ich bei Oli untendurch war. Aber das ging vorbei. Ich glaube, wir schätzen uns beide immer noch sehr.
Wir haben uns allerdings noch nie richtig ausgesprochen. Ich glaube, mir würde es helfen. Denn ich merke, dass ich immer noch mit vielem hadere.
Oli hat mich im Prozess überholt. Ich bin diejenige, die das Ganze ausgelöst hat. Aber ich konnte es noch nicht ganz verarbeiten.
Ich habe auch ein total schlechtes Gewissen und mache mir Vorwürfe. Darum habe ihm geschrieben, dass ich mir irgendwann einen Austausch wünschen würde. Ich brauche einen Abschluss, weil ich merke, dass ich sonst hängen bleibe.
«Anfangs hatten wir nicht einmal getrennte Schlafzimmer.»
Nach Korsika kam zuerst einmal die Eiszeit. Oli war traurig, wir haben gar nicht mehr miteinander geredet und einfach weiterfunktioniert.
Anfangs hatten wir nicht einmal getrennte Schlafzimmer. Wir haben sogar noch im selben Bett geschlafen – das war total komisch. Und vor allem, da ich ja einen neuen Partner hatte. Es ist ja doch irgendwie intim, beieinander zu schlafen.
Irgendwann ging das für mich nicht mehr. Weil wir aber kein leeres Zimmer hatten, musste der jüngere Sohn bei mir schlafen, und Oli ging in sein Bett. Auch keine langfristige Lösung.
Aber ich war in dieser Zeit oft bei Gianni und schlief dann auch dort.
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V. Wie weiter: «Es ist ja fair und ehrlich, so wie es jetzt ist»

Die Woche und wer wann für die Kinder zuständig ist, das haben wir relativ schnell aufgeteilt. Die Jungs haben sich ziemlich schnell an die neue Situation gewöhnt.
Wobei der Grössere mehr Probleme mit der ganzen Situation hatte. Er hat auch meinen neuen Partner lange überhaupt nicht akzeptiert.
Irgendwann im Herbst erreichte das Ganze dann einen Tiefpunkt, und da haben wir uns mal richtig ausgesprochen, nur mein Ältester und ich. Seitdem geht es viel besser.
Zum Glück hat sich dann auch Oli neu verliebt. Ich glaube, das war etwa ein halbes Jahr nach der Trennung. Und ich bin sehr froh, dass er auch eine neue Partnerin hat, weil er seitdem auch wieder dieser fröhliche Mensch ist.
Da blieb dann noch die Frage: Wer bleibt im Haus und wer nimmt sich eine Wohnung? Ich habe gemerkt, dass ich an Haus und Garten hänge. Meine Eltern wohnen ja nebenan, und dort bin ich aufgewachsen. Und die Eltern nebenan zu haben, ist sehr schön, für beide Seiten – auch jetzt, wo sie älter werden.
Aber Oli hängt natürlich auch am Haus, weil er handwerklich so viel reingesteckt hat.
«Ich habe allerdings nicht gewusst, dass ich ein bisschen eine Gluggere bin.»
So kamen wir auf die Idee mit der Nestlösung. Natürlich ist das finanziell eine Herausforderung. Aber wenn einer von uns in eine Wohnung gezogen wäre, in der auch die Kinder Platz hätten, müsste die ja viereinhalb Zimmer haben, was locker 2400 Franken im Monat kosten würde.
Für diesen Betrag ist es auch möglich, dass beide das Haus als Familienzuhause behalten – und daneben je etwas Eigenes haben. Oli hat sich eine Wohnung gesucht, und ich bin bei Gianni, wenn ich mich nicht im Familiennest um die Kinder kümmere.
Offiziell teilen wir uns heute die Betreuung wochenweise. Ich habe allerdings nicht gewusst, dass ich ein bisschen eine Gluggere bin. Die Kinder eine ganze Woche nicht zu sehen, ist mir zu lange.
Und Oli ist auch froh, wenn ich gelegentlich vorbeischaue und ein bisschen mehr Betreuung übernehme. So haben wir beide etwas davon.
«Ich habe mir mein Leben auch anders vorgestellt.»
Mittlerweile sind wir in der Scheidung. Oli will das sauber abschliessen und hat für die Gütertrennung selbst alles aufgelistet. Aktuell schaut gerade ein Anwalt drüber, ob das mit dieser Nestlösung beim Gericht so durchkommt.
Ich habe schon Momente, in denen ich bereue, dass ich nicht mehr unternommen habe damals, als es in unserer Beziehung kriselte – Unterstützung in Form einer Therapie oder eines Coachings oder so. Ich habe mir mein Leben auch anders vorgestellt. Die Ehe für immer und so.
Aber im Nachhinein ist man ja immer schlauer. Und es ist ja fair und ehrlich, so wie es jetzt ist. Ich kenne niemanden sonst, der nach einer Trennung noch so gut miteinander umgehen kann wie Oli und ich.
Oder wie Oli sagt: Wir haben ja alles, und wir haben trotzdem noch eine Familie. Und eigentlich hat er recht.
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