1. Home
  2. Gesetze & Recht
  3. Kindesschutzmassnahmen: Verdacht auf Missbrauch? Nicht zögern!

KindesschutzmassnahmenVerdacht auf Missbrauch? Nicht zögern!

Jeder ist berechtigt, die Behörden zu benachrichtigen, wenn ein Einschreiten zum Schutze eines Kindes nötig ist. Bild: Thinkstock Kollektion

Hunderte von Kindern werden jährlich in der Schweiz misshandelt. Der Staat hat Mittel, sie zu schützen – wenn er vom Missbrauch weiss.

von Tinka Lazarevic und Karin von Flüeaktualisiert am 2017 M09 08

Sofort fiel der Kinderärztin auf, dass etwas nicht stimmen konnte: Der Körper der einjährigen Lara* war an vielen Stellen mit blauen Flecken übersät. Die Ärztin zögerte nicht und teilte ihren Verdacht der zuständigen Kindesschutzbehörde (KESB) mit. Deren Abklärungen ergaben, dass Laras Eltern mit der Erziehung ihrer Tochter völlig überfordert waren. Man beauftragte eine Beiständin, die zweimal wöchentlich bei der Familie vorbeischaut und darauf achtet, dass es Lara künftig besser ergeht. Ferner wurde eine sozialpädagogische Familienbegleitung angeordnet – die Eltern werden also noch zusätzlich von einer Fachperson unterstützt.

Lara ist kein Einzelfall: 1575 Fälle von psychischer und körperlicher Misshandlung von Kindern wurden 2016 in Schweizer Kinderkliniken registriert, meldet die Fachgruppe Kinderschutz der schweizerischen Kinderkliniken. Täter und Täterinnen sind in vier Fünfteln der Fälle Familienangehörige.

Körperliche Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und psychische Misshandlung: Solch krasse Verletzungen des Kindeswohls ziehen strafrechtliche Sanktionen nach sich. Zudem muss die KESB einschreiten und Kindesschutzmassnahmen ergreifen: etwa den Eltern die Kinder wegnehmen oder das Sorgerecht entziehen.

Zum Glück geht es aber bei den meisten Kindesschutzmassnahmen nicht um solch drastische Fälle. Am häufigsten ist eine Unterstützung der Eltern und des Kindes durch einen Beistand. Landesweit gab es 2016 rund 27'500 Beistandschaften. In gut 3500 Fällen wurde das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen und in 190 Fällen sah sich die KESB gezwungen, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen.

Jeder kann Behörde informieren

Damit die KESB überhaupt tätig werden kann, müssen ihr die Vorfälle bekannt sein. Jeder ist berechtigt, die Behörde zu benachrichtigen, wenn ein Einschreiten zum Schutze eines Kindes nötig ist. Eine Meldepflicht haben Behörden, Gerichte und Beamte, insbesondere Lehrer und Polizeiorgane, wenn sie auf Missstände stossen. Die Eltern oder das Kind können sich ebenfalls an die Behörde wenden, wenn sie Hilfe brauchen. Die Meldung soll schriftlich erfolgen, in Notsituationen wird sie auch telefonisch entgegengenommen. Den Eltern muss in der Regel der Name der anzeigenden Person offengelegt werden.

Vorfälle sind der KESB am Wohnsitz des Kindes zu melden. Lebt ein Kind nicht bei den Eltern, ist die Behörde am Aufenthaltsort des Kindes zuständig. Ist eine Trennung oder eine Scheidung im Gang, kann auch das Gericht Kindesschutzmassnahmen anordnen, die von der KESB vollzogen werden.

Guider Logo

Mustervorlage «Gefährdungsmeldung» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Wissen Sie, dass ein Kind oder eine hilfsbedürftige Person vernachlässigt wird und in ihrem gesundheitlichen Zustand gefährdet ist, sollten Sie die Behörden einschalten. Mitglieder von Guider erfahren in der Mustervorlage «Wie verfasst man eine Gefährdungsmeldung?», welche Punkte Sie schriftlich zur Information der Kesb festhalten sollten.

Nicht Strafe, sondern Schutz

Die KESB muss jeder Gefährdungsmeldung nachgehen. Sie wird die Eltern zu einem Gespräch einladen und das Kind anhören; sie kann Dritte – zum Beispiel ein Jugendsekretariat oder eine Familienberatungsstelle – mit der Abklärung der Situation vor Ort beauftragen oder ein psychologisches Gutachten in Auftrag geben. Bei akuter Gefährdung sind natürlich Sofortmassnahmen wie die vorläufige Unterbringung bei Pflegeeltern oder in einem Durchgangsheim möglich.

Die Kindesschutzmassnahmen sollen eine Unterstützung für die Eltern oder den betreuenden Elternteil sein – das Ziel ist Schutz und nicht Strafe.

Mit Mass gegen Eltern vorgehen

Der oberste Grundsatz lautet: Die Massnahme soll verhältnismässig sein. Die Behörde greift nur ein, wenn es die Situation erfordert. Sie wird versuchen, die elterlichen Rechte so wenig wie möglich und trotzdem so stark wie nötig einzuschränken. Das heisst, man nimmt den Eltern das Kind nicht weg und bringt es in einem Heim unter, wenn es dank Hilfe eines Beistands zu Hause bleiben kann. Die KESB verfügt dafür über eine breite Palette von Kindesschutzmassnahmen (siehe nachfolgende Tabelle).

Es liegt in der Natur der Sache, dass viele Eltern mit einer Massnahme nicht einverstanden sind. Gegen jede Anordnung der Behörde können sie mit einer Beschwerde an die nächsthöhere Instanz gelangen. Allerdings hat man dazu nur zehn Tage Zeit.

Massnahmen zum Schutz des Kindes

 

Schutz des körperlichen, sittlichen oder geistigen Wohlbefindens des Kindes

Situation

Massnahme

Zweck der Massnahme

Gesetzesartikel

  • Der Jugendliche schwänzt regelmässig die Schule.
     
  • Der Vater weigert sich, der Tochter an seinen Besuchstagen das vom Arzt verschriebene Medikament zu verabreichen.
     
  • Die sprachliche Entwicklung des Kindes gibt Anlass zur Sorge.

Mahnung oder Weisung an Eltern und/oder Kind, etwas zu tun oder zu unterlassen; Überwachung (Erziehungsaufsicht)

  • Unterstützung der Eltern und des Kindes
     
  • Eingriff in das Erziehungsrecht
     

 

307 ZGB

  • Streitereien der Eltern bei der Ausübung des Besuchsrechts.
     
  • Eltern unterschreiben Lehrvertrag nicht, weil ihnen die Berufswahl des Kindes nicht passt.
     
  • Vater oder Mutter ist unfähig, Halbwaisenrente und Ergänzungsleistungen für das Kind geltend zu machen.

Beistand für das Kind

  • Unterstützung der Eltern und des Kindes
     
  • Eingriff in das Erziehungsrecht
     
  • Beistand vertritt das Kind gesetzlich
     

308 ZGB

  • Der Sohn ist gegenüber den Eltern mehrfach gewalttätig geworden.
     
  • Das Kind wird vom Freund der Mutter wiederholt misshandelt.
     
  • Hygienische Zustände im Elternhaus gefährden die Gesundheit des Kindes massiv.

Entzug der Obhut von Mutter, Vater oder beider Eltern

Eltern können nicht mehr über Aufenthaltsort des Kindes bestimmen; Unterbringen des Kindes bei Pflegeeltern oder im Heim.

310 ZGB

  • Eltern haben Kind für Adoption freigegeben.
     
  • Alleinerziehende Witwe ist schwer alkohol- und drogensüchtig und deshalb ausserstande, sich um ihr Baby zu kümmern.

Entzug der elterlichen Sorge von Mutter, Vater oder beider Eltern

Kind erhält Vormund, der anstelle der Eltern alle für das Kind notwendigen Entscheidungen trifft.

311 /312 ZGB

 

Schutz des Kindesvermögens

Situation

Massnahme

Zweck der Massnahme

Gesetzesartikel

Vater oder Mutter sind nach einer Scheidung oder im Todesfall neu allein für die Verwaltung des Kindesvermögens zuständig.

Inventar über das Kindesvermögen einreichen

«Vier-Augen-Prinzip» soll auch für Kinder von Alleinsorgeberechtigten gelten.

318 Absatz 2 ZGB

  • Das Kind eines alleinerziehenden Vaters hat von der Mutter viel Vermögen geerbt.
     
  • Die alleinerziehende junge Mutter ist in finanziellen Fragen unerfahren.

Periodische Berichterstattung der Eltern über das Kindesvermögen

Überwachung der elterlichen Vermögensverwaltung

318 Absatz 3 ZGB

  • Vater hat mit dem Kindesvermögen riskante Börsengeschäfte getätigt.
     
  • Mutter will die dem Kind vom Vater vererbte Liegenschaft zu günstig verkaufen.
  • Weisung bezüglich Vermögensverwaltung
     
  • Sicherungsmassnahmen

Eingriff in das elterliche Recht zu Vermögensverwaltung

324 ZGB

  • Junger Witwer ist mit der Verwaltung des grossen Kindesvermögens überfordert.
     
  • Die Eltern verbrauchen Erträge des Kindesvermögens für eigene Zwecke.

Einsetzung eines Beistands zur Vermögensverwaltung

Entzug der elterlichen Vermögensverwaltung

325 ZGB

 

Weitere Massnahmen zum Schutz des Kindes

Situation

Massnahme

Zweck der Massnahme

Gesetzesartikel

  • Eltern haben nach der Scheidung das gemeinsame Sorgerecht beibehalten, können aber später überhaupt nicht mehr kooperieren.
     
  • Ein Elternteil übt nach der Scheidung das Sorgerecht alleine aus, torpediert und verunmöglicht aber die Beziehung zum andern Elternteil
  • Entzug des Sorgerechts bei einem Elternteil bzw.
     
  • Umteilung des Sorgerechts von einem auf den anderen Elternteil

Neuregelung der elterlichen Sorge bei wesentlicher Veränderung der Verhältnisse

134 Absatz 1 + 3 ZGB

298d Absatz 1 + 2 ZGB

Eltern streiten bei der Scheidung über das Sorge- und/oder Besuchsrecht oder über Unterhaltsfragen.

Bestellung eines Kinderanwalts im Scheidungsprozess der Eltern

Kinderanwalt vertritt Interessen des Kindes bei Zuteilung des Sorge- oder Besuchsrechts oder wenn spezifische Kindesschutzmassnahmen nötig sind. 

299 ZPO

  • Eltern sind selber unter 18.
     
  • Das Kind ist Vollwaise.
     
  • Das Sorgerecht wurde beiden Eltern entzogen.

Bevormundung eines noch nicht volljährigen Kindes

Kind erhält als gesetzlichen Vertreter einen Vormund.

296 ZGB

  • Interessenkonflikt bei Teilung des väterlichen Erbes zwischen Mutter und Kind
     
  • Alleinsorgeberechtigter muss in psychiatrische Klinik.
  • Vertretungs-beistandschaft bei Interessenkonflikten zwischen den sorgeberechtigten Eltern und dem Kind
     
  • Vertretungs-beistandschaft bei Verhinderung der sorgeberechtigten Eltern
  • Beistand vertritt Interessen des Kindes bei der Erbteilung .
     
  • Beistand vertritt Kind in geschäftlichen Angelegenheiten.
     

394 ZGB

 

Buchtipp

Erwachsenenschutz

Das Erwachsenenschutzrecht umfassend erklärt – mit Praxisbeispielen

Mehr Infos

Erwachsenenschutz
Erwachsenenschutz