Die Bäume haben auch die letzten Blätter längst verloren, es herrscht graues und kaltes Einerlei. Bei manchen Menschen sinkt die Stimmung mit jedem Nebeltag weiter. Sie fallen in ein tiefes Loch, aus dem sie einzig der Frühling wieder befreien kann: Sie leiden an einer Winterdepression Winterdepression Keine Lust auf gar nichts , auch Saisonal Abhängige Depression (SAD) genannt.

Rund zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung sind gemäss Schätzungen vom Phänomen betroffen. Die Symptome unterscheiden sich zwar von denjenigen einer «klassischen» Depression, das Leiden kann aber genauso gross sein.

Winterdepression hat andere Symptome

Hauptunterschied ist, dass die Winterdepression saisonal begrenzt ist, also regelmässig etwa im Oktober einsetzt und gegen April wieder aufhört. Winterdepressive verspüren Heisshunger auf kohlenhydratreiche Speisen Ernährung Was sind Kohlenhydrate? wie Pasta, Kartoffeln oder allgemein Süsses und würden am liebsten den ganzen Tag schlafen.

Patienten mit einer «klassischen» Depression Mittel gegen Depressionen So finden Sie aus der Krise hingegen leiden unabhängig von der Jahreszeit, können schlecht schlafen und haben keinen Appetit. Experten sprechen von einer Winterdepression, wenn die Symptome im Sommer weitgehend verschwinden und in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Wintern auftreten.

Lichttherapie hilft in 80 Prozent der Fälle

Eine Gemütsverstimmung, die von alleine vergeht, oder eine Depression, die einer Behandlung bedarf: Wann soll man zum Arzt gehen? «Depressive warten in der Regel viel zu lange, bis sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen», sagt Jörg Burmeister, Psychotherapeut und früher leitender Arzt in der Psychiatrischen Klinik Littenheid (TG). Von der Persönlichkeitsstruktur her handle es sich oft um Menschen mit einem hohen Leistungsideal Charakter Zu hohe Ansprüche an sich selbst? , die es sich nicht erlauben krank zu sein Arbeitsrecht Krankgeschrieben – was heisst das? und ihre Symptome nicht ernst nehmen. «Umso wichtiger sind darum Hinweise aus dem Umfeld, das heisst Freunde und Bekannte, die auf den Zustand hinweisen.»

In den Achtzigerjahren entdeckten Forscher, dass Winterdepressionen mit Licht erfolgreich behandelt werden können. In Tierstudien fanden sie heraus, dass zwischen Helligkeit und Dunkelheit und täglichen sowie jahreszeitlichen Rhythmen eine Verknüpfung besteht. Winterschlaf oder Fortpflanzung sind bei Tieren an eine bestimmte Jahreszeit gekoppelt, in der typische Lichtverhältnisse herrschen.

Auch beim Menschen beeinflussen Licht und Dunkel die innere Uhr und die Gemütslage. Die Lichttherapie bringt Erfolge, die in der Psychiatrie selten sind: Bei bis zu 80 Prozent vertreibt eine tägliche intensive Lichtdusche innert ein bis zwei Wochen den Winterblues. Seit 1997 ist die Lichttherapie in der Grundversicherung der Krankenkassen abgedeckt, wenn sie ärztlich verordnet wird. Von den Kosten für eine Heim-Therapieleuchte (je nach Modell zwischen 300 und 600 Franken) übernehmen die Kassen zudem maximal 350 Franken.

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Ist Winterdepression vererbt?

Warum das Licht wirkt, ist noch Gegenstand intensiver Forschungen. Der Botenstoff Serotonin Ernährung Futtern für die gute Laune gilt als «Hauptverdächtiger» bei Winterdepressionen. Durch den Mangel an natürlichem Tageslicht produziert der Körper möglicherweise nicht genug Serotonin, das als «Gute-Laune-Hormon» gilt. Ausserdem vermuten die Forscher, dass die Netzhaut von Winterdepressiven weniger lichtempfindlich ist als jene von Gesunden. Um sich wohl zu fühlen, benötigen Winterdepressive demnach intensivere Lichtdosen.

Weil vom Phänomen gewisse Familien stärker betroffen sind als andere, könnte auch die Vererbung eine Rolle spielen. «Das Licht besitzt aber auch einen hohen symbolischen Wert. Es vermittelt Wärme und Geborgenheit. Und man muss sich für die Behandlung bewusst Zeit einräumen. Gut möglich, dass dies schon zur Besserung beiträgt», meint Jörg Burmeister.

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Nur regelmässiges lichtduschen wirkt

Für die Lichttherapie gibt es tragbare Tischleuchten, die mit einer Intensität von 10'000 Lux strahlen. Nebenwirkungen wie Augenbrennen, Kopfschmerzen Kopfschmerzen Kurieren mit Köpfchen oder Übelkeit sind selten und klingen in der Regel nach ein paar Tagen ab. Wird die Behandlung zu spät am Abend durchgeführt, kann es zu Einschlafstörungen Schlaflosigkeit Schlaf, wo bleibst du? kommen. Wichtiger als die Tageszeit ist die Regelmässigkeit: Damit die Therapie wirkt, sollte sie den ganzen Winter über täglich angewendet werden.

Peter G. hat sich vor einigen Jahren eine Therapieleuchte angeschafft. Er möchte sie nicht mehr missen: «Die Lampe hilft mir in der dunklen Jahreszeit sehr. Sie verbreitet ein helles, aber trotzdem angenehmes Licht, die Haut fühlt sich an wie nach einem Tag im Freien.»

Die Lichttherapie ist bequem: Vor der Leuchte kann man lesen oder Hausarbeiten erledigen. Darin liegt aber genau die Gefahr: Viele nehmen es mit der praktischen Durchführung nicht so genau. Zehn oder zwanzig Zentimeter Abstand mehr oder weniger von der Lampe sind entscheidend. Für jede Leuchtstärke wird eine bestimmte Behandlungsdauer und ein bestimmter Abstand von der Leuchte empfohlen. Diese drei Faktoren sind genau aufeinander abgestimmt; werden sie nicht eingehalten, nützt die Behandlung kaum.

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Wann ist bei der Lichttherapie Vorsicht geboten?

Im Vergleich mit anderen Methoden ist die Lichttherapie günstig und wirkt rasch. Winterdepressionen können auch mit Medikamenten behandelt werden. Bis diese ihre volle Wirkung entfalten, vergehen aber meist drei bis vier Wochen, ausserdem ist das Risiko von Nebenwirkungen grösser.

Dennoch ist die Lichttherapie nicht uneingeschränkt anwendbar. In bestimmten Fällen ist eine detaillierte augenärztliche Untersuchung angezeigt, beispielsweise bei Personen mit Netzhauterkrankungen.

Auch gewisse Medikamente können die Lichtempfindlichkeit erhöhen, etwa das Antidepressivum Lithium oder der natürlichen Stimmungsaufheller Johanniskraut. Ältere Patientinnen und Patienten oder Zuckerkranke sollten ihre Augen vor Beginn der Lichttherapie vom Spezialisten untersuchen lassen. Bezüglich UV-Strahlung sind die Lichttherapie-Leuchten unbedenklich: Die schädlichen Strahlen werden herausgefiltert.

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Raus an die frische Luft

Die Lichtintensität in Innenräumen, wo man sich im Winter häufiger aufhält, ist meist dürftig. Die kompakte Hochnebeldecke könnte vermuten lassen, dass das draussen nicht viel anders ist. Tatsächlich aber ist die Lichtstärke in der freien Natur selbst an einem trüben Tag rund viermal höher als in einem hell erleuchteten Raum.

Nebst Lichttherapie gilt bei Winterdepression also: raus an die frische Luft! Spaziergänge, Langlauf, Skifahren – alle Aktivitäten unter freiem Himmel können die Stimmung heben.

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Winterdepression: Das hilft gegen den Blues

Gehen Sie nach draussen

Halten Sie sich tagsüber mindestens eine halbe, besser eine Stunde lang im Freien auf. Auch an verhangenen Tagen bekommt der Körper dadurch viel mehr Licht, als wenn man in der Wohnung bleibt. Machen Sie einen Spaziergang, verbringen Sie einen Teil der Mittagspause im Freien, treiben Sie Sport an der frischen Luft, lesen Sie dick eingepackt ein paar Seiten Ihres Lieblingsbuchs auf dem Balkon. Schieben Sie die Vorhänge zur Seite, lassen Sie das Tageslicht herein. Gönnen Sie sich Winterferien, um Sonne zu tanken.

 

Bewegen Sie sich regelmässig

Joggen und Radfahren, sportliches Spazierengehen, Walken und Wandern bringen den Kreislauf und den Stoffwechsel in Schwung, kurbeln die Produktion des Glückshormons Serotonin an und vertreiben dadurch Müdigkeit und Schwermut. Melden Sie sich in einem Sportverein an, das erhöht die Verbindlichkeit und bringt soziale Kontakte. Keine Lust auf Sport? Steigen Sie Treppen, statt den Lift zu benutzen, gehen Sie zu Fuss einkaufen, steigen Sie regelmässig eine Haltestelle früher aus und gehen Sie die restliche Strecke zu Fuss.

 

Treffen Sie sich mit anderen

Soziale Kontakte Alleinsein Was gegen die innere Einsamkeit hilft sind der natürliche Feind des Winterblues. Gehen Sie öfters mal ins Kino oder mit Freunden gemütlich essen, etwas trinken oder in die Sauna. Das lenkt ab und entspannt. Übernehmen Sie ein kleines Ehrenamt Freiwilligenarbeit Zu Besuch bei einer Katzenstreichlerin in einem Verein oder einer Hilfsorganisation. Helfen und etwas bewegen stellt auf und motiviert.

 

Verwöhnen Sie sich zu Hause

Freuen Sie sich auf den Feierabend und aufs Wochenende, schmieden Sie tolle Pläne für die nächsten Sommerferien. Schalten Sie ab und tun Sie sich etwas Gutes. Das kann einfach nur Nichtstun mit hochgelegten Füssen sein. Geniessen Sie Ihre Lieblingsserie mit einer heissen Schokolade, verfeinert mit Ingwer, Kardamom oder Zimt, das kurbelt die Serotonin-Ausschüttung an. Bekochen Sie sich mit Lieblingsspeisen, gehen Sie auswärts essen, probieren Sie ein neues Restaurant aus. Nehmen Sie am Abend ein heisses Vollbad mit einem beruhigenden Badezusatz, geniessen Sie eine Massage und Streicheleinheiten vom Partner, oder kuscheln Sie. Durch Berührung wird das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet, das den Winterblues vertreibt.

 

Text: Andreas Grote

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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