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Solothurner SozialfirmaMissstände – doch die IV schaut weg

Überforderte Mitarbeiter.
Überforderte Mitarbeiter? Gegen die Praxis für Lösungsimpulse (PLI) in Solothurn werden Vorwürfe laut. (Symbolbild) Bild: Anja Bäcker/Plainpicture

Fragwürdige Geschäftspraxis und Ungereimtheiten: Bei einer Solothurner Sozialfirma scheinen grosse Missstände zu herrschen. Die IV weiss nichts davon und bezahlt.

von Daniel Bütleraktualisiert am 2017 M06 20

«Einzigartig, qualitätsbewusst, engagiert, authentisch, korrekt und lösungsorientiert» will die Praxis für Lösungsimpulse (PLI) gemäss ihrer Website sein. Die Firma mit Sitz in Solothurn bietet eine enorm breite Palette an Dienstleistungen an. Jobcoaching und -training für gesundheitlich angeschlagene Personen, Vormundschafts- und Beistandschaftsmandate, Paarberatung, eine Coaching-Ausbildung und einiges mehr. 

Verantwortlich dafür ist ein Team von insgesamt fünf Mitarbeitenden, drei sind Mitglieder der Geschäftsleitung. Viele Aufträge bekommt die Firma von sozialen Stellen, darunter die Invalidenversicherung und Sozialdienste von Gemeinden.

Interne Dokumente liegen vor

Doch bei der Umsetzung der hehren Ziele scheint es bei der PLI zu hapern. Mehrere Insider, die anonym bleiben möchten, berichten von diversen Missständen. Darauf weisen auch interne Dokumente hin, die dem Beobachter vorliegen. Die Insider sind empört, wie die PLI mit Mitarbeitenden und Klienten umgeht und öffentliche Gelder einsetzt. Das Geschäftsverhalten sei fragwürdig. Sie werfen der PLI vor, es gehe weniger um die Unterstützung der Betroffenen als ums Geld.

Die Geschäftsleitung der PLI weist sämtliche Vorwürfe vollumfänglich zurück. Sie verwahrt sich in aller Form gegen die Behauptungen. Diese entsprächen nicht der Wahrheit. Man pflege einen respektvollen Umgang mit den Arbeitnehmern, sei sich der sozialen Verantwortung bewusst und handle jederzeit entsprechend.

Das sehen Betroffene anders. Der Beobachter kennt diverse Fälle, in denen die PLI von sozialen Behörden unterstützte Personen anstellte und nach einigen Monaten wieder entliess.

Manche hatten grosse Mühe, wieder eine Stelle zu finden. Zudem konnten sie den Kündigungsgrund nicht nachvollziehen. Wurden sie entlassen, weil öffentliche Unterstützungsbeiträge, etwa Einarbeitungszuschüsse der IV, ausgelaufen waren? 

«Basiert auf Unwahrheiten» 

In einer Stellungnahme gegenüber dem Beobachter hält PLI-Geschäftsleiter Jörg Ducksch fest:

«Wie bereits [...] festgehalten, sind wir weder damit einverstanden, dass ein Artikel über die vorliegende Angelegenheit, welche ausschliesslich auf Unwahrheiten basiert, verfasst und publiziert wird, noch sind wir damit einverstanden, dass Aussagen unserer Stellungnahme zitiert werden. Wiederholt halten wir fest, dass die Verbreitung der vorliegenden Unwahrheiten zu einer massiven Rufschädigung und einem damit verbundenen erheblichen finanziellen Schaden führen würde.»

Inhaberin sei «unberechenbar»

Mails zeigen, wie Firmeninhaberin Marianne Wolf mit Mitarbeitenden emotional, fast distanzlos kommuniziert und ihnen Vorwürfe macht. Die Insider sagen, Wolf sei unberechenbar, lobe Mitarbeitende erst über den grünen Klee, sobald es aber Unstimmigkeiten gebe, sei nichts mehr recht und werde man nur noch kritisiert – bis zur Entlassung. 

Mehrmals hatte die PLI in den vergangenen Jahren Rechtsstreitigkeiten mit Mitarbeitenden, zweifelte auch mal Arztzeugnisse an. «Ich weiss von Schicksalen, die mich betroffen machten», sagt eine Person mit Insiderkenntnissen. «Dass eine Firma, die Burn-out-Prävention betreiben soll, die eigenen Mitarbeiter so behandelt, ist unschön.» 

Auch die Löhne sind tief. Freelancer erhielten schon mal Stundenhonorare von 30 Franken oder weniger – für qualifizierte Tätigkeiten. Die PLI-Verantwortlichen widersprechen. Man zahle überaus faire Löhne, behandle die Mitarbeitenden respektvoll. Arztzeugnisse seien nur in Frage gestellt worden, wenn eindeutige Zweifel an einer behaupteten Arbeitsunfähigkeit bestanden. 

Beratungsfälle werden zu Beratern

Kritik gibt es zudem an der Rekrutierung von Kursteilnehmern. Die PLI bietet eine Ausbildung an, die zu einem Abschluss als psychologischer Coach führt. Laut Insidern motiviert PLI-Inhaberin Wolf auch psychisch angeschlagene und ungeeignete Personen dazu, die Ausbildung zu machen. Innert Monaten soll so eine hilfsbedürftige Person vom Beratungsfall zum Berater werden. Kostenpunkt des Kurses: rund 6500 Franken. 

Laut den Erfahrungen der IV-Stelle Solothurn ist aufgrund der Situation der versicherten Person ein solcher Coachingkurs «nicht die richtige Massnahme». «Deshalb unterstützen und finanzieren wir diese nicht.» Laut PLI-Verantwortlichen überredet die PLI niemanden zu einem Coachingkurs. Dies geschehe aus eigener Entscheidung der betreffenden Personen.

Insider stellen auch Fragen zum Verein Prävint. Dieser soll hilfsbedürftige Menschen finanziell unterstützen und hat einen exklusiven Mandatsvertrag mit der PLI, die diese Menschen beraten soll. Offiziell ist der Verein aber unabhängig, und es gibt keine personellen Verflechtungen zwischen Prävint und der PLI. Dennoch soll ein PLI-Mitarbeiter im Namen des Vereins kommuniziert haben, ohne dies transparent zu machen. Die PLI widerspricht. Der Verein sei von der PLI komplett unabhängig.

Insider sprechen auch von Unregelmässigkeiten bei Abrechnungen. Es soll schon vorgekommen sein, dass die PLI der IV auch nicht geleistete Arbeiten verrechnete. Die zuständigen IV-Stellen Solothurn und Aargau wissen aber nichts davon. Die PLI-Verantwortlichen betonen, dass jederzeit und in jeder Hinsicht korrekt abgerechnet worden sei.

Wie zuverlässig sind die IV-Kontrollen?

Doch überprüft die IV, ob tatsächlich geleistet wurde, was sie bezahlt? Laut IV-Stelle Solothurn werden mit den Leistungserbringern die Leistungen und deren Vergütung detailliert festgehalten. «Die Leistungserbringer erstellen das fallbezogene Reporting sowie die Abrechnung. Abgeschlossene Massnahmen werden im Gespräch zwischen versicherter Person, IV-Eingliederungsfachperson und Leistungserbringer evaluiert.» Insgesamt entspreche «die Zusammenarbeit mit der PLI unseren Anforderungen». 

Laut Szenekennern sind die IV-Kontrollen teilweise ungenügend, in manchen Dienstleistungsfirmen herrsche eine Selbstbedienungsmentalität. Auf die Frage, ob die IV-Berater überlastet und daher die Kontrollen mangelhaft seien, ging die IV Solothurn nicht ein. Und die IV Aargau antwortete auf diverse konkrete Fragen lediglich in sehr allgemeiner Form.