Die KV-Lehre hatte Andrea Morf damals eher lustlos begonnen. «Aber ans Gymi wollte ich auch nicht.» Leider. Heute könnte die Bernerin einen Gymnasiumabschluss gut brauchen. Sie ist inzwischen 24, hat Reisen, Sprachaufenthalte und eineinhalb Jahre Berufserfahrung hinter sich. Heute weiss sie genau, was sie will: Ethnologie studieren.

Früher hätte die junge Frau dafür die gymnasiale Matur nachholen müssen – das hätte mindestens zwei Jahre Vorbereitungszeit an einem Erwachsenengymnasium bedeutet. Doch heute hat Anna Morf eine andere Möglichkeit: Wer eine Berufsmatur absolviert hat, kann den einjährigen sogenannten Passerellen-Lehrgang besuchen. Bei bestandener Prüfung stehen die Wege an alle schweizerischen Universitäten und an die ETH offen.

Im Unterschied zur gymnasialen Matur mit neun bis zwölf geprüften Fächern umfasst die Ergänzungsprüfung der Passerelle nur fünf: Deutsch, Englisch oder eine zweite Landessprache, Mathematik, Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik) sowie Sozial- und Geisteswissenschaften (Geografie, Geschichte).

«Auch in diesen Fächern entspricht das, was wir in einem Jahr erreichen, nicht dem Niveau einer Matur», sagt Karl Stoop, Rektor der Berner Maturitätsschule für Erwachsene, die auch Kurse für die Passerelle anbietet. Bei Studienfächern wie Jus, Psychologie oder Politologie falle das nicht so ins Gewicht. «Aber wenn jemand Naturwissenschaften, Medizin oder Fremdsprachen studieren will, ist das Risiko gross, dass er dabei mehr Schwierigkeiten haben wird.»

Stressiges Pensum

Lorenz Geiser hat vor, Medizin zu studieren. Der 23-jährige Optiker hätte sich eigentlich gern in seinem Berufsfeld weiter ausgebildet. Doch eine Fachhochschule gibt es für diese Richtung noch nicht, «und bis 65 weiterzuarbeiten wie bis anhin, das konnte ich mir nicht vorstellen». Geiser hat eine technische Berufsmatur absolviert – für ihn sind die naturwissenschaftlichen Fächer im Passerellen-Lehrgang kein Problem. Bei der kaufmännischen Berufsmatur von Andrea Morf hingegen waren die Naturwissenschaften sehr oberflächlich gestreift worden. Deshalb hat sie in der Passerelle damit zu kämpfen: «In einem Jahr die ganze Biologie, Physik und Chemie aufzuarbeiten, das ist schon viel.»

Mit wöchentlich 40 Stunden Aufwand für Schule und Lernen ist im Passerellen-Kurs zu rechnen. Andrea Morf arbeitet daneben 30 Prozent in ihrem Beruf, Lorenz Geiser 20 bis 40 Prozent. «Für mich ist dieses Pensum das Maximum», findet Morf, «bereits jetzt ist es relativ stressig.» Auch die Schulleitung rät von mehr Erwerbsarbeit ab.

Das Interesse für die Passerelle nimmt stark zu. «Die Leute haben gesehen, dass man diese Prüfung bestehen kann», erklärt Thomas Schwaller vom Staatssekretariat für Bildung und Forschung den gestiegenen Andrang. In den ersten Prüfungen seien rund drei Viertel durchgekommen. Das sind etwa gleich viele wie bei der schweizerischen Matur, die nicht an der eigenen Schule, sondern zentral beim Bund abgelegt wird.