Wenn das Leben ernst wird

Wenn das Leben ernst wird

Tina Berg, Beobachter-RedaktorinDaniel Benz, Beobachter-Ressortleiter
Von Tina Berg, Daniel Benz, Jasmine Helbling und Birthe Homann
am 20.06.2019 - 14:27 Uhr
Quelle: Philip Bürli

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Umweg, Sackgasse, Abkürzung: Viele Wege führen ins Arbeitsleben. Wie sich ein wandelnder Arbeitsmarkt und Bedürfnisse nachrückender Generationen auf den Berufseinstieg auswirken – und welche Stolpersteine und Freiheiten den Weg säumen.

Interview: «Man rät den Jungen oft, etwas ‹Richtiges› zu lernen. Schade»

Der Luzerner Soziologe Peter Kels weiss, wie sich die Arbeitswelt dank der jüngeren Generation wandelt. Und plädiert dafür, innovative Köpfe zu unterstützen.

 

Beobachter: Sie gehören zur Generation X, Ihre Studierenden zur Generation Y, Ihre Töchter zur Generation Z (siehe Illustration). Welche Welten prallen da aufeinander?
Peter Kels: Nicht gerade Welten, aber Unterschiede gibt es schon. Bei meinen Studierenden fällt mir auf, dass viele sehr kritisch sind und sich trauen, Dinge zu hinterfragen. Das finde ich toll! Dafür kämpfen manche mit Konzentrationsschwierigkeiten: Lange und komplizierte Texte überfordern sie, meine Präsentationen müssen abwechslungsreich und kurzweilig sein. Das ist sicher ein Effekt der neuen Medien. Auch meine Töchter sind sehr vertraut damit, digital zu kommunizieren. Sie kommen mir viel selbständiger und reifer vor, als ich es in dem Alter war.

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Sind solche Zuschreibungen an die verschiedenen Generationen nicht willkürlich?
Grobe Unterteilungen helfen uns, gesellschaftliche Veränderungen besser zu verstehen. Die Annahme, dass Leute ab einem gewissen Jahrgang plötzlich andere Werte und Vorstellungen verkörpern, entspricht aber natürlich nicht der Realität. Es ist schwierig, einzelne Beobachtungen auf eine ganze Generation zu übertragen, denn sie ist nie einheitlich. Die Generation Y wird von einigen Forschern zum Beispiel als reif und pragmatisch geadelt, andere bezeichnen sie als ambitionslos und politikfern. Solche Zuschreibungen sind oft wertend. Schon immer haben ältere Generationen gern über jüngere geklagt.


Ganz ehrlich: Haben es Junge heute nicht einfacher als früher? Sie können sich für eine Lehre entscheiden, ein Studium absolvieren, ein Start-up gründen – und nach einigen Jahren wieder einen neuen Weg einschlagen.
Ja, der Arbeitsmarkt entwickelt sich für Schul- und Studienabgänger momentan sehr positiv. Ein Grossteil der Babyboomer-Generation wird in den nächsten Jahren pensioniert, dadurch werden viele Stellen frei. Gerade in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik oder Pflege sind Junge mit guter Ausbildung gefragt. Gleichzeitig differenziert sich das Bildungssystem aus, neue Ausbildungen und Berufe entstehen.
 

«Schon immer haben ältere Generationen gern über jüngere geklagt.»

Peter Kels, Soziologe


Kann diese Fülle an Möglichkeiten auch überfordern?
Es ist nicht einfach, sich für einen Beruf zu entscheiden, wenn man so viele Freiheiten hat. Die Karriere ist weniger berechenbar geworden. Entscheidend ist aber, dass der gewählte Weg die spätere Laufbahn nicht zementiert. Wer sich für eine Ausbildung entscheidet, kann später trotzdem noch eine andere Richtung einschlagen.


Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass Junge sich für alles ein wenig, aber für nichts so richtig interessieren?
Vielseitig interessierte Bewerberinnen sind das Beste, was einem Arbeitgeber passieren kann. Leider haben das noch nicht alle Firmen erkannt. Oft wird die Person eingestellt, die das Jobprofil am besten ausfüllt. Doch das ist zu kurz gedacht. Sinnvoller wäre jemand, der wissensdurstig und flexibel ist. Gerade durch die Digitalisierung verändern sich Stellen nämlich sehr schnell.


Wie gut kommen verschiedene Branchen mit den Veränderungen im Arbeitsmarkt zurecht?
Das ist unterschiedlich. Der IT-Bereich reagiert zum Beispiel sehr schnell und flexibel. Kleinere Firmen spüren den Fachkräftemangel häufig stärker, denn viele Absolventen wollen lieber für grosse Player wie Google oder Swisscom arbeiten. Deshalb suchen manche innovative KMU in ihren Stellenausschreibungen nicht mehr nach Spezialisten, sondern nach Hochschulabsolventen mit IT-Flair. Oder sie werben mit ihrer demokratischen Firmenkultur. Das funktioniert sehr gut; diese Firmen haben kaum Fluktuation, die Mitarbeiterinnen sind zufrieden.


Nicht alle Firmen sind so flexibel und offen.
Viele halten an starren Rekrutierungskriterien fest, insbesondere solche mit Firmenkulturen, die nach wie vor durch Prestige, Statusdenken und steile Hierarchien geprägt sind. Doch auch sie werden sich anpassen müssen.

 

«Babyboomer haben hart gearbeitet und waren stolz darauf. Auch die Generationen X und Y können sich in ihre Arbeit hineinknien. Sie sind allerdings viel weniger bereit, das auf Kosten des Privatlebens zu tun.»

Peter Kels, Soziologe

 

Was sind die grössten Veränderungen, die auf den Arbeitsmarkt zurollen?
Nicht unwahrscheinlich ist eine verstärkte Kontrolle und Leistungsoptimierung durch künstliche Intelligenz, Tracking und Algorithmen. Damit wird die Leistung von Mitarbeitenden analysiert, und Firmen können Prognosen machen: Welche Bereiche, Teams oder Talente sind für uns besonders wertvoll? Wer kostet viel, trägt aber wenig zum Erfolg bei? Doch Firmen werden auch experimentierfreudiger und kreativer. Sie reagieren schneller auf Veränderungen, und das traditionelle Führungsverständnis verliert zusehends an Bedeutung. Die Chefin oder der Chef sind keine Alleinherrschenden mehr, sondern unterstützen ihre Mitarbeiter, damit sie möglichst leistungsfähig und erfolgreich sind.


Haben die Jungen dieselben Anforderungen an einen Job wie früher ihre Eltern?
Die Arbeitsmotive sind über Generationen hinweg relativ stabil geblieben. Eine erfüllende und sinnvolle Arbeit zum Beispiel war vielen in der Schweiz schon immer wichtig. Verändert hat sich allerdings der Stellenwert der Work-Life-Balance: Babyboomer haben hart gearbeitet und waren stolz darauf. Auch die Generationen X und Y können sich in ihre Arbeit hineinknien. Sie sind allerdings viel weniger bereit, das auf Kosten des Privatlebens zu tun. Junge möchten genug Zeit für Familie, Freunde und Hobbys haben.


Arbeiten sie deshalb auch häufig in flexiblen Arbeitsmodellen?
Nicht unbedingt. Bei einer Befragung haben wir herausgefunden, dass die Generation Y schon beim Vorstellungsgespräch nach Möglichkeiten wie Home-Office, Teilzeitarbeit oder flexiblen Arbeitszeiten fragt. Das sind für sie Basiskriterien bei der Wahl eines Jobs. Davon Gebrauch machen sie aber erstaunlich selten. Das liegt einerseits daran, dass sie beim Einstieg in den Beruf zuerst Vollgas geben möchten. Anderseits scheint sie die potenzielle Flexibilität des Arbeitgebers bereits zufriedenzustellen. Eine verständnisvolle Chefin, ein kollegiales Umfeld sind wichtiger geworden als eine steile Karriere.


Dennoch entscheiden sich immer mehr für ein Studium.
Das ist nicht unbedingt ein Gegensatz. Im Bewusstsein junger Erwachsener ist verankert, dass eine gute Ausbildung direkte Auswirkungen auf die Lebensqualität hat. Wer sich einen guten Job erarbeitet, hat es später besser. Nicht allen ist diese berufliche Sicherheit gleich wichtig.


Einige gründen mit Anfang 20 lieber ein Start-up oder reisen um die Welt.
Start-ups werden heute stärker gefördert als noch vor zehn Jahren. Viele Hochschulen coachen und unterstützen da gezielt. Dennoch weiss man, dass viele Start-ups scheitern. Schweizer sind da eher risikoscheu: Jungen Leuten wird oft geraten, etwas «Richtiges» zu lernen, bevor sie sich auf dünnes Eis begeben. Das ist eigentlich sehr schade – innovative Leute sollten unterstützt werden. Vielleicht profitiert ja die nächste Generation davon.


Ihre Töchter stehen in ein paar Jahren vor der Entscheidung, welchen beruflichen Weg sie einschlagen möchten. Was raten Sie ihnen?
Dank meiner Arbeit kann ich einschätzen, welche Berufe eher an Bedeutung gewinnen oder verlieren. Meine Töchter sollen sich aber nicht aufgrund solcher Kriterien entscheiden. Ich hoffe, dass sie den Wert von Bildung erkennen und ein Leben lang dazulernen wollen. Dass sie sich für viele unterschiedliche Dinge begeistern und ihren Leidenschaften folgen. Berufswege müssen nicht gradlinig sein – Umwege und Schlaufen machen das Leben spannend. Ich bin auf jeden Fall glücklich, dass ich heute kein kaufmännischer Angestellter mehr bin.

Zur Person

Generationenforscher Peter Kels
Quelle: Kilian J. Kessler

Generationenforscher Peter Kels, 46, absolvierte eine kaufmännische Lehre. Dann studierte er Soziologie, Psychologie, Betriebswirtschaft und Pädagogik. Heute arbeitet er als Professor für Personalmanagement, Führung und Innovation an der Hochschule Luzern. Er forscht zu Generationen und deren Einbindung in den Arbeitsmarkt. Kels ist verheiratet und Vater zweier Töchter im Teenageralter.

Viele Wege führen ins Arbeitsleben

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Umweg, Sackgasse, Abkürzung – Einstiege ins Berufsleben

Quelle: Beobachter Bewegtbild

Interview: Jasmine Helbling und Birthe Homann