Ende 2013 stürmte ein Dr. David Perlmutter die US-Bestsellerlisten. In seinem Buch «Grain Brain» propagiert er die Steinzeitdiät: den praktisch kohlenhydratfreien Speiseplan unserer Urahnen – viel Eiweiss, viel Fett, kaum Zucker oder Stärke, maximal eine Frucht pro Tag. Wer so lebe, erkranke im Alter seltener an Demenz. Denn Kohlenhydrate und hauptsächlich Gluten seien die «stillen Mörder unseres Gehirns».

Unsere steinzeitlichen Vorfahren lebten davon, was Mutter Natur gerade hergab, und starben für heutige Verhältnisse unglaublich früh. Je länger man aber lebt, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, irgendwann krank zu werden – und alles zu vergessen: Demenz ist eines der grossen Schreckgespenster für Alternde. In der Schweiz leiden heute rund 110'000 Menschen an Demenz, weltweit sind es 30 Millionen. Gemäss Schätzungen wird sich die Zahl Demenzkranker bis zum Jahr 2050 verdreifachen.

Viele Studien widersprechen sich

Heute liegt das Risiko, an Demenz («abnehmender Verstand») zu erkranken, bei eins zu fünf. Jeden Fünften, jede Fünfte erwischt es, und auf jede erkrankte Person kommt eine Familie, die das Schicksal mitträgt. Kein Wunder, greifen viele dankbar zu jedem angeblichen Wundermittel. «Demenz ist zu einem riesigen Geschäft geworden», sagt Irene Bopp-Kistler, Leiterin der Memory-Klinik am Zürcher Waidspital, «zu einem Geschäft mit der Angst.»

Studien liefern immer neue Resultate, was man vorbeugend tun könne: Vitamin D zuführen, Vitamin E, Antirheumatika, Ginkgo und vieles mehr. Doch viele Ergebnisse widersprechen sich, und oft fehlt der Beweis für die Wirksamkeit der empfohlenen Stoffe. Und immer wieder passiert es, dass neue Studien sie widerlegen. Sehr oft ist die vorbeugende Wirkung wissenschaftlich bestenfalls umstritten.

Das schmälert die Bereitschaft nicht, sich auf unsinnige Ratschläge einzulassen. Bopp ist überzeugt: «Wenn man den Menschen weismacht, es schütze vor Alzheimer, sind sie bereit, alles zu tun.» Vermutlich auch, jeden Preis zu zahlen.

Ein Wundermittel gibt es nicht

Mögliche Risikofaktoren gibt es zwar, aber sie beziehen sich vor allem auf gefässbedingte Erkrankungen, die allenfalls auch das Risiko einer Alzheimer-Demenz erhöhen. So litten viele Kranke bereits um die 40 an Bluthochdruck, an Diabetes, etliche waren übergewichtig. Auch Rauchen und mangelnde Bewegung sollen das Risiko, an Demenz zu erkranken, steigern. Wer sich aber geistig fit hält und gut ausgebildet ist, kann den Ausbruch einer Demenzerkrankung hinauszögern. Daraus liesse sich ableiten: Wer gesund isst, sich genügend bewegt und das Hirn auf Trab hält, kann dem Vergessen vorbeugen.

Doch so einfach ist das nicht. «Es gab schon so viele vermeintliche Erfolgsmeldungen», sagt Andreas Maercker, Alters­forscher am Psychologischen Institut der Universität Zürich. «Wenn es tatsächlich etwas gäbe, was man einfach einnehmen und sich damit vor Alzheimer schützen könnte, dann hätten wir heute wohl kaum noch Demenzpatienten.»

Das Wundermittel gegen Demenz – gibt es leider nicht. Warum das Hirn langsamer arbeitet oder weitgehend aussetzt, weiss man nicht. Um zuverlässige Aussagen zur Vorbeugung zu machen, bräuchte es eine gross angelegte Studie, die über 40-Jährige mindestens 35 Jahre lang begleitet und immer wieder untersucht. Doch die fehlt.

Risiko und Prävention: Rund die Hälfte des Risikos, an einer Demenz zu erkranken, ist auf bekannte Faktoren zurückzuführen.

Quelle: Ursula Markus/Keystone

Training ist zwar möglich, aber…

Sicher ist: Das Hirn lässt sich bis ins hohe Alter trainieren. Das kann den Zerfall der Nervenverbindungen, der Synapsen, verlangsamen. Möglicherweise lassen sich diese teilweise sogar wieder aufbauen. «Je mehr Reserven man im Hirn hat, umso länger kann man Demenz kompensieren», vermutet der Zürcher Alterspsychiater Christoph Held.

Doch den Zerfallsprozess aufhalten könne man nicht, indem man ständig Sudokus löse. «Denn die funktionieren immer nach dem gleichen Schema.» Vielmehr müsste man sich selber als Person und damit das Hirn regelmässig neu herausfordern. Demenz lasse sich möglicherweise aufschieben, indem man die gefässbedingten Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck und Nichtstun möglichst zu vermindern sucht, sagt Held.

Doch auch hier gilt: Die Ursachen, die zur Krankheit führen, dürften wesentlich komplexer sein. Das hat eine Metastudie gezeigt, die Resultate zahlreicher Demenzuntersuchungen vergleicht: Mit den Risiko­faktoren lässt sich nur etwa die Hälfte der Alzheimer-Erkrankungen erklären. Das passt zur Beobachtung, die Geriaterin Irene Bopp macht: «Ich betreue viele Patienten, die immer gesund lebten, gebildet sind und regelmässig Sport treiben – und dennoch eine schwerste Demenz haben. Es wäre fahrlässig, das Bild zu vermitteln, Demenz könne durch einen gesunden Lebensstil verhindert werden.» So spielen bei jüngeren Demenzerkrankten erbliche Vorbelastungen und vermutlich eine Reihe weiterer Faktoren eine Rolle.

Haben Optimisten die besseren Karten?

Das sollte einen nicht davon abhalten, gesund zu leben, sagt Demenzforscher Andreas Maercker. «Das schadet bestimmt nicht.» Er ist allerdings einem weiteren Aspekt auf der Spur – der Motivation: «Es scheint, dass Leute, die ein Leben lang neugierig bleiben, immer wieder Neues lernen und sich selbst herausfordern, ein kleineres Risiko haben, an Demenz zu erkranken.» Möglicherweise seien die Motivierten gleichzeitig jene, die im Wald immer wieder eine neue Route wählten, eine neue Sprache lernten oder ein neues Hobby wie etwa Tanzen suchten. Das würde bedeuten, dass ein gesunder Lebensstil nur indirekt für das längere Ausbleiben der Demenz verantwortlich sei. Maercker jedenfalls vermutet: «Kreuzworträtsel oder Waldläufe genügen nicht als Prävention – es geht um die Grundhaltung, die Lebenseinstellung dahinter.»

Menschen mit einer Demenzerkrankung sind meist im hohen Alter. Die Häufigkeit nimmt mit den Jahren zu.

Quelle: Ursula Markus/Keystone

Eine US-Studie an mehr als 900 Senioren gibt ihm recht: Jene, die einen Sinn im Leben sahen, wiesen ein geringeres Risiko auf, an Alzheimer zu erkranken. Das würde bedeuten: Optimisten haben bessere Chancen, ohne Demenz durchzukommen. Doch auch das erklärt letztlich nicht, warum manche dement werden und andere nicht. Es gibt nur einen Faktor, der unumstösslich und direkt mit der Demenz zusammenhängt: das Alter. Die Wahrscheinlichkeit, dement zu werden, steigt vom 60. Lebensjahr an rapide. Von den über 90-Jährigen ist fast jeder Dritte betroffen. Vielleicht ist Alzheimer einfach ein normaler Alterungsprozess, der bei den einen Vergesslichkeit und Verwirrung auslöst, bei anderen nicht.

Der Blick in die Hirne von 678 Nonnen

Diese Erkenntnis wäre nicht neu: Anfang der neunziger Jahre kam die sogenannte Nonnen-Studie zum gleichen Ergebnis. Für diese wurden 678 Nonnen im Alter zwischen 75 und 102 untersucht. Nach ihrem Tod obduzierte man die Leichen. Die Hirne einiger Frauen wiesen zwar deutliche Spuren von Alzheimer auf. Zu Lebzeiten war die Demenz aber nicht erkennbar gewesen, die Frauen hatten fit gewirkt. Umgekehrt gab es Nonnen, die in ihrem Alltag dementes Verhalten gezeigt hatten, in deren Gehirne sich jedoch keine nennenswerten Ablagerungen fanden.

Demenz ist eine Angstkrankheit. In einer Befragung des Bundesamts für Gesundheit zeigte sich jede dritte Person besorgt darüber, irgendwann alle Erinnerung zu verlieren. Wie also damit umgehen? Eine Möglichkeit ist ein Gentest zur Abklärung, wie gross das persönliche Demenz­risiko tatsächlich ist. Doch ein solcher Test ist extrem aufwendig und entsprechend teuer.

Der deutsche Demenzforscher Konrad Beyreuther warnt allerdings vor solchen Gentests, sie seien vielleicht sogar kontraproduktiv. «Erkennen wir, dass jemand ein erhöhtes Demenzrisiko hat, wird diese Person womöglich inaktiv und depressiv. Das wiederum könnte den Ausbruch einer Demenzerkrankung begünstigen. Wer jedoch nur ein geringes Demenzrisiko hat, hält Präventionsmassnahmen für überflüssig und wird nichts tun. Und das wollen wir ja auch nicht.»

Alterspsychiater Christoph Held rät darum Folgendes: «Leben Sie gesund. Tun Sie, was Ihnen Spass macht. Und bauen Sie sich ein gutes Netzwerk auf.» Denn reger sozialer Austausch helfe – vielleicht –, Demenz vorzubeugen. Ausserdem: «Wer als gesunder Mensch viele Freunde hat, fühlt sich besser getragen, wenn er einmal erkranken sollte.»

Was ist Demenz?

Demenz ist ein Defizit in kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten, das zur Beeinträchtigung sozialer und beruflicher Funktionen führt und meist mit einer diagnostizierbaren Erkrankung des Hirns einhergeht. Betroffen sind vor allem das Kurzzeitgedächtnis, das Denkvermögen, die Sprache und die Motorik. Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimerkrankheit, eine seit 1901 bekannte neurodege­nerative Erkrankung, die vor allem bei Menschen über 65 Jahren auftritt und weltweit ungefähr zwei Drittel der Demenzerkrankungen ausmacht.