Die Verkäuferin hatte leichtes Spiel mit Karla Müller*. Die 61-Jährige, die in ihrer Kindheit schwer traumatisiert wurde, kann nicht Nein sagen, egal, wie sehr sie es möchte.

Angesprochen in der Streitgasse in Basel, fand sich Karla Müller bald im Ladenlokal von Individuel Cosmetique wieder. Man schwatzte ihr eine ein­stündige Behandlung auf, für die sie 239 Franken bezahlte.

Nach anderthalb Stunden verliess Müller das Geschäft – um rund 1800 Franken erleichtert. Weitere knapp 3000 Franken sollte sie gemäss Vertrag später bezahlen. Als Gegenleistung erhielt sie ein paar ­Cremetiegel und die Aussicht auf drei Gesichtsbehandlungen mit einem Gerät namens Wish-Pro, das mit Magnetophorese die Haut verjüngen Hautalterung Ein junger Look ist keine Hexerei soll. Die Technik wird benützt, um rote von weissen oder malariainfizierte von gesunden Blutkörperchen zu trennen.

Ein Laden ohne Briefkasten 

Als die Sozialarbeiterin, die Karla Müller in finanziellen Dingen unterstützt, davon erfuhr, schickte sie eine Kündigung des Vertrags Rücktritt vom Vertrag Ich habs mir anders überlegt! . Sie zweifelte nicht daran, dass die Firma den Vertrag würde auflösen müssen. Karla Müller hatte im Gesundheitsfragebogen angegeben, dass sie in den letzten Jahren zwei Krebserkrankungen gehabt hatte. Gemäss Vertrag ein Ausschlusskriterium.

Der Brief kam zurück. Er sei nicht ­zustellbar, so die Post. Man habe an der Streitgasse keinen Briefkasten, erklärte das Verkaufspersonal. Korrespondenz müsse an den Hauptsitz in Aubonne VD gesandt werden.

Karla Müller und die Sozialarbeiterin versuchten, die Anzahlung persönlich im Laden zurückzufordern. Dort hiess es, man könne das Geld nur zurückzahlen, wenn die Ware ungeöffnet sei. Da die ­Packungen angebrochen waren, wollte die Verkäuferin den Preis der drei Cremes abziehen. Müller hätte lediglich 246 Franken erhalten. Erst als der Beobachter sich einschaltete, hiess es, das ganze Geld könne zurückbezahlt werden.

Heftige Kritik von Ex-Mitarbeitenden

Hinter Individuel Cosmetique steht die Firma Espit. Sie gehört drei Israelis, der Geschäftsführer ist ein Treuhänder aus Au SG. Der Laden in Basel ist nur einer von vielen. Alle befinden sich an bester Passantenlage in grösseren Städten wie Zürich, Luzern und Genf.

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Die GmbH hat laut Wirtschafts­auskunft Teledata über 250'000 Franken an Betreibungen und miserable Kommentare von ehemaligen Mit­arbeitern auf Stellenportalen Firmenbewertung Auskunft von Insidern . Die Rede ist etwa von einem «sehr undurchsichtigen Vertriebssystem» und «einem für die Schweiz ausbeuterischen Lohn». «Es werden unrealisierbare Fantasielöhne vorgelogen. Wer rechnen kann und die Produktpreise sieht, lässt ­sofort die Finger davon», schreibt jemand. Ein anderer: «Der Lohn ist miserabel, ausser man verkauft Produkte in fünfstelliger Höhe.»

Ein Dutzend Beschwerden in der Westschweiz

Das dürfte das aggressive Verkaufsgebaren der Angestellten erklären. Beim Westschweizer Konsumentenschutz FRC ist die Firma bestens bekannt: Allein seit Mitte letzten Jahres wurden dort zwölf Fälle gemeldet.

«Wegen des raschen Wachstums der Firma hat nicht jedes einzelne Detail unseres Verhaltenskodexes die erforderliche Aufmerksamkeit erhalten», sagt Mitbesitzer Lior Opek auf Anfrage. Man habe im Einzelfall die notwendigen Anpassungen vorgenommen, damit die Bestimmungen eingehalten und die Erwartungen erfüllt würden. Zudem sei ein Rechtskonsulent mandatiert, der sicherstelle, dass Espit im Be­reich Legal and Compliance alle Standards befolge.

Er dürfte genug Arbeit haben. Die Quittungen, die Karla Müller erhielt, weisen nicht einmal eine ­Mehrwertsteuer-ID auf, teilweise ist ­sogar der Firmenname falsch geschrieben, etwa Esprit statt Espit. Alles ­Hinweise auf möglichen Steuerbetrug. Die Basler Steuerbehörde geht der Angelegenheit nach. Es gilt die Unschuldsvermutung.


* Name geändert

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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