Franziska Zemp, Nora Bienz, Anne-Sophie Keller, Nicole Janouschek und Christiane Brunner

5 Frauen erzählen, warum sie genug haben

Birthe Homann, Beobachter-RedaktorinDaniel Benz, Beobachter-Redaktor
Von Birthe Homann, Daniel Benz, Tanja Polli, Anina Frischknecht, Yves Demuth und Peter Aeschlimann
am 06.06.2019
Quelle: Lea Meienberg

Frauen werden bis heute ungleich behandelt. Am 14. Juni 2019 protestieren sie dagegen. Die Parolen sind lautstark, die Geschichten dahinter oft leise. Fünf Frauen erzählen, wo sie an Grenzen stossen.

Nicole Janouschek: «Unbezahlte Arbeit gehört entschädigt!»

Nicole Janouschek

Nicole Janouschek hat ihren Beruf aufgegeben, um ihre schwerbehinderte Tochter zu pflegen. Die Care-Arbeit reisst ein Loch in ihre Altersvorsorge. Das muss sich ändern. 

Quelle: Lea Meienberg

«Es gibt Tage, da fürchte ich um meine psychische Gesundheit. Die Sorgen, die ständigen Arztbesuche, die Erschöpfung. Wie meine Situation aussehen würde, wenn unsere Ehe nicht halten würde – darüber darf ich gar nicht nachdenken. Es bleibt mir nichts anderes, als zu hoffen, dass mein Mann bei einer Trennung fair wäre. Solange es keine Entschädigung gibt für Care-Arbeit, reissen die Betreuungsjahre eine Lücke in die Vorsorge. Wie viele Frauen ziehe ich den Kürzeren.
 

37 Prozent weniger Altersrente erhalten Frauen im Schnitt.


Der Moment, als uns die Ärzte das Bild von Jaras Hirn zeigten, ist präsent wie am ersten Tag. Jara und Jael sind Zwillinge, fünf Jahre alt. Drei Wochen vor der Geburt wurde Jaras Grosshirn durch Sauerstoffmangel fast vollständig zerstört. Als Pflegefachfrau wusste ich sofort, was das heisst. In mir tat sich ein Abgrund auf.

Zeit zum Trauern blieb nicht. Meine drei Kinder – mein Sohn war erst zwei – brauchten mich. Die Ärzte gaben Jara eine Lebenserwartung von Tagen, maximal Wochen. Sie war vollständig gelähmt, trank kaum, litt unter Epilepsie und starken Spasmen. Sie hatte Schmerzen und schlief nachts keine Minute. Wie sollten wir das schaffen?

Das Leben auf den Kopf gestellt

Erst als wir nach Hause durften, hatten mein Mann und ich Zeit, uns bewusst zu werden, dass unser Leben nie mehr so sein würde wie vorher. Jan ging wieder arbeiten, ich blieb daheim. Jara brauchte mich rund um die Uhr. Natürlich hatte ich Angst, den Anschluss im Beruf zu verlieren. Bis zur Geburt der Zwillinge war ich zu 40 Prozent berufstätig gewesen. Und jetzt? Mein Mann führt ein Ingenieurbüro und sagt, er könne als Selbständiger nicht Teilzeit arbeiten. Und ohne sein volles Gehalt würden wir finanziell nicht durchkommen. Für meine eigenen Ambitionen fehlt mir die Kraft. Ich beruhige mich damit, dass ich dank Jara pflegerisch am Ball bleibe.

Zur Pflege des schwerbehinderten Kindes kommt die Bürokratie. Kaum hat man das Würmchen auf dem Arm, muss ein IV-Antrag gestellt werden. Von diesem Moment an ist man in der Mühle: Wie stark ist das Kind eingeschränkt? Wie viel Unterstützung hat man wofür zugut? Wir brauchen eine Anwältin, um den Durchblick zu behalten. Es gibt Momente, in denen mich das enorm wütend macht. 
 

5,6 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit leisten die Frauen in der Schweiz pro Jahr.


Wir haben aber Glück im Unglück – unsere Tochter ist so schwer behindert, dass wir Hilfe bekommen, wenn wir sie am richtigen Ort beantragen. Doch ich wünschte mir eine Case-Managerin, die uns den Papierkram abnimmt. Jara muss gewaschen und künstlich ernährt werden, täglich inhalieren, braucht ein Korsett und Unterschenkelschienen, muss ins Stehbrett. Im Moment kriegen wir 40 Stunden Kispex pro Woche durch die IV. Die Hälfte davon brauchen wir für die Nachtwachen. Und dann habe ich habe ja noch zwei andere Kinder, die ihre Mama brauchen.

Bei zu viel Stress «chlöpft» es

Kürzlich waren wir wieder fünf Tage im Spital. Solche Zeiten bringen uns alle an die Grenzen: Schlechte Nächte, die Angst, nicht herauszufinden, was Jara fehlt, lassen Wut, Trauer und Ohnmacht aufkommen. Dann werde ich dünnhäutig, es ‹chlöpft› in der Familie. Wenn ich krank würde, bräche unser ganzes System zusammen. Ich kenne Jara am besten und habe ein Sensorium dafür entwickelt, wie es ihr geht. Das ist eine unglaubliche Verantwortung.

In ganz struben Zeiten werde ich neidisch auf meinen Mann. Ich sehe ihn vor mir, wie er in Ruhe zu Mittag isst, sich ungestört unterhalten kann. In solchen Momenten würde ich sofort tauschen, obwohl ich natürlich weiss, dass er im Geschäft unter Druck steht.

Was wirklich helfen würde, wäre ein Hospiz, ein Ort, an dem Fachleute unser krankes Kind begleiten. Dann könnte ich einmal ein paar Tage Yogaferien machen. Jan sagt heute schon: Geh! Mach! Aber ich traue mich nicht. Was, wenn Jara genau dann krank wird?

Ins Heim? Diese Frage stellt man uns immer wieder. Natürlich würde das einiges vereinfachen. Ich kann es nicht rational erklären, aber: Das kommt für mich nicht in Frage. Es würde mir das Herz abdrücken. Jara gehört zu uns.»

(aufgezeichnet von Tanja Polli)