Franziska Zemp, Nora Bienz, Anne-Sophie Keller, Nicole Janouschek und Christiane Brunner

5 Frauen erzählen, warum sie genug haben

Von Birthe Homann, Daniel Benz, Tanja Polli, Anina Frischknecht, Yves Demuth und Peter Aeschlimann
am 06.06.2019
Quelle: Lea Meienberg

Frauen werden bis heute ungleich behandelt. Am 14. Juni protestieren sie dagegen. Die Parolen sind lautstark, die Geschichten dahinter oft leise. Fünf Frauen erzählen, wo sie an Grenzen stossen.

Christiane Brunner: «Männer legt eure Löhne offen»

Christiane Brunner

Christiane Brunner, Grande Dame der Frauenbewegung, organisierte vor 28 Jahren den grössten Streik in der Schweizer Geschichte. Der Kampf sei noch lange nicht vorbei, sagt sie.

Quelle: Lea Meienberg

Beobachter: Was machen Sie am 14. Juni, am Frauenstreiktag?
Christiane Brunner: Ich werde am Computer sitzen und das Ganze im Internet verfolgen. Am Frauenstreik von 1991 sah ich all die Bilder, die ganze Vielfalt, erst im Nachhinein in den Medien. Heute kann ich alles online live anschauen.


Sie sind eine Ikone der Frauenbewegung – warum gehen Sie nicht auf die Strasse?
Ich bin 72 und nicht mehr so fit. Wegen meiner Gehbehinderung kann ich nicht den ganzen Tag draussen rumlaufen. Als Ikone sehe ich mich übrigens nicht. Ich habe mich mein ganzes ­Leben für Frauen eingesetzt und für sie gekämpft, das ist alles.


Sie haben fünf Buben grossgezogen. Werden Ihre Söhne streiken?
Na ja, eigentlich geht es ja mehr um meine Schwiegertöchter. Meine Söhne helfen ihren Frauen natürlich, sie werden die Kinder betreuen, damit die Frauen den Rücken frei haben. Eine ist Radiojournalistin, sie wird streiken. Alle Frauen in ihrer Redaktion werden das tun, die Sendungen an jenem Tag werden nur von Männern gemacht. Das finde ich grossartig.


Wieso braucht es genau jetzt einen Frauenstreik?
Nur schon durch die Ankündigung des neuen Streiks wurden Frauen plötzlich sichtbarer, in den Medien, der Kultur, in fast allen Branchen. Ein gutes Zeichen. Aber Frauen müssen noch mehr gefördert werden. Man darf nie aufhören mit dem Aufbegehren. Sobald man aufhört, geht es rückwärts. Die Frauen müssen immer weiterkämpfen, dranbleiben.
 

• 18,3 Prozent beträgt der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in der Gesamtwirtschaft (2016).
• 44 Prozent dieser Lohndifferenz sind nicht durch objektive Faktoren zu erklären (Bildung, Dienstjahre, Führungsfunktion).


Wieso wurde denn nicht früher wieder gestreikt? Wieso blieb es fast 30 Jahre lang so ruhig?
Es hat sich einiges bewegt in den letzten Jahrzehnten, aber doch viel zu wenig. Fortschritte gab es beim Eherecht oder beim AHV-Splitting. Aber gerade beim Lohn herrscht Stillstand – von Lohngleichheit sind wir immer noch weit entfernt. Die Gleichstellung ist zwar seit 1981 in der Bundesverfassung verankert, aber die Realität sieht ­anders aus. Arbeitgeber, die Frauen tiefere Löhne zahlen, müssten von Gesetzes wegen sanktioniert werden können. Da gibt es noch viel zu tun.


Was hat den Ausschlag gegeben, dass die Frauen jetzt wieder laut werden?
Ein Auslöser war sicher die MeToo-Debatte. Sie hat der Frauenbewegung grossen Aufwind beschert. MeToo hat gezeigt: Wenn Frauen zusammenstehen, bekommen sie Macht und können etwas bewirken. Die ganze Bewegung, die aus den USA stammt und in vielen Ländern nachhallt, hat ja etwas Tabubrechendes. Das hat den Frauen sehr geholfen. 1991 war es eher Wut, die uns angestachelt hat, heute ist es diese Macht. Zusammen sind wir stark.

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Die Wut ist weg?
Sie ist schon noch da. Weil alles so langsam geht. Das Parlament und der Bundesrat machen zum Beispiel nur kleine Revisionen am Gleichstellungsgesetz, bremsen alles aus. Das macht mich immer noch wütend.
 

«Das Gleichstellungsgesetz ist zwar da, aber seine Anwendung – oder besser Nicht-Anwendung – ist schlimm. Wir haben dafür gekämpft, aber es ist ernüchternd, wie damit umgegangen wird.»

Christiane Brunner, SP-Politikerin


Wie gross ist die Solidarität unter den Frauen?
Sehr gross. Wenn sie sich selber bewusst sind, was für Ungerechtigkeiten sie in der Ehe, in der Familie, im Arbeitsleben erlebt haben, werden sie sich immer wieder dagegen wehren und ­anderen helfen. Mein Leben lang waren Frauen mit mir solidarisch. Durch MeToo ist nun auch Sexismus ein Thema geworden. 1991 wäre das undenkbar gewesen.


Was war Ihr grösster Erfolg beim ersten Frauenstreik?
Ich wusste ja nicht, ob der Streik klappt oder nicht. Wenn es ein Flop geworden wäre, wäre ich schuld gewesen. Es war etwas total Neues. Dass dann so viele Frauen mitgemacht haben, habe ich nicht erwartet. Eine halbe Million Teilnehmerinnen! Das war sehr emotional. Und sogar das Wetter spielte mit.


Viele männliche Kritiker sagten damals, das war ja gar kein richtiger Streik. Das war nur ein farbiges Happening mit vielen lila Luftballons. Hat Sie das getroffen?
Für mich war die Hauptsache, dass so viele ­Frauen mitgemacht haben. Wie sie sich betei­ligten, war mir ehrlich gesagt egal. Ich fand die bunte Mischung toll. Ein Happening ist ja etwas Schönes. Wenn die Wut der Frauen und ihre ­Forderungen mit Freude rübergebracht werden konnten, umso besser! Ernsthaftes und Augenzwinkerei schliessen sich doch nicht aus. Im Gegenteil.


Wie haben Sie damals die Frauen mobilisiert?
Wir mussten alle Flyer und Plakate selber ver­teilen. Das war sehr zeitaufwendig, ich reiste durch die ganze Schweiz und führte unzählige Gespräche. Wir hatten kein Handy, kein Internet. Heute ist es natürlich via Social Media viel einfacher, und deshalb erwarte ich auch noch viel mehr Frauen am diesjährigen 14. Juni. Eine Million wäre doch schön.
 

Vertreten Frauen ihre Anliegen anders als Männer?
Streiks in Männerkreisen sind oft sehr aggressiv, Frauen sind spielerischer, weniger hart, mehr lustbetont. Oft viel kreativer.


«Meine höchste Forderung ist und bleibt die nach Lohngleichheit.»

Christiane Brunner, SP-Politikerin


Wofür müssen die Aktivistinnen von heute denn kämpfen?
Die Forderungen haben sich teilweise etwas geändert. Auf Gesetzesebene ist heute eigentlich alles da, es müsste «nur» noch umgesetzt werden. Es geht jetzt mehr um Respekt und Integrität. Sachen, die die MeToo-Bewegung ans Licht gebracht hat.


Ist es heute schwieriger oder einfacher, Frauenanliegen zu vertreten?
Es war immer schwierig und bleibt es auch. Das Gleichstellungsgesetz ist zwar da, aber seine Anwendung – oder besser Nicht-Anwendung – ist schlimm. Sogar Richter und Anwälte kennen es oft nicht. Wir haben dafür gekämpft, aber es ist ernüchternd, wie damit umgegangen wird. Einfacher macht den heutigen Kampf, dass das ­Engagement für Frauenrechte besser akzeptiert ist. Ich habe zwar nie einen Genderkurs besucht, aber mich schon mein Leben lang als Feministin bezeichnet, auch als das noch als Schimpfwort galt. «Rote Emanze» nannten sie mich damals. Heute können sich junge Frauen problemlos als Feministin outen. Aber insgesamt ist zu wenig passiert, und das nervt mich gewaltig.

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Damit sich etwas bewegt, braucht es auch die Männer. Wie haben sie sich verändert?
Jetzt brauche ich eine Zigarette. (Sie steht auf und zündet sich am Fenster eine Brunette rot an.) Ohne Männer geht die Gleichberechtigung nicht, das stimmt. Die Männer müssten ihre Löhne offenlegen. So simpel. Das ist immer noch ein Tabu in der Schweiz. Man kann ja keinen Prozess anstossen, wenn man nicht weiss, wie viel der andere verdient. Lohntransparenz ist zentral.


Sind die Männer denn nicht offener geworden?
Sie engagieren sich mehr in der Familienarbeit, das ist schön. Aber das reicht halt nicht.


Was ist Ihre Hauptforderung?
Meine höchste Forderung ist und bleibt die nach Lohngleichheit. Der Lohn hat Einfluss darauf, wie gut sich Beruf und Familie vereinen lassen. Sobald das Kind da ist, steckt meist derjenige Elternteil zurück, der weniger verdient. Und das ist fast immer die Frau. Sie bleibt also zu Hause oder arbeitet Teilzeit, während der Mann durchstartet. Das hat aber Auswirkungen auf die ­zweite Säule, die Rente der Frau wird geringer. Diese Lohnungleichheit zieht sich eben durch das ganze Leben. Es braucht ganz dringend eine Kontrollinstanz, die da draufschaut. Diese ­Option wurde ja vor ein paar Monaten im Par­lament verworfen. Das hat mich sehr geärgert! Wir Frauen hätten sofort den Bundesplatz stürmen müssen.

Zur Person

Christiane Brunner wird 1947 in Genf geboren. Sie arbeitet als Juristin beim Bundesamt für Sozial­versicherungen, später als Anwältin in einer Kanzlei.

1981 wird sie für die SP in den Genfer Kantonsrat gewählt, 1991 in den Nati­onalrat. 1991 orga­nisiert sie den ersten Frauenstreik mit einer halben Million Teilnehmerinnen. 1993 sorgt ihre Nichtwahl in den Bundesrat für Aufruhr – Ruth Dreifuss rückt nach. 1995 wird Brunner Ständerätin und gehört dem Rat bis 2007 an. Im Jahr 2000 übernimmt sie das Präsidium der SP für vier Jahre. Brunner ist die erste Frau an der Spitze einer grossen Gewerkschaft und des Gewerkschaftsbunds.

Sie hat fünf Buben grossgezogen, einen eigenen, einen Adoptivsohn und drei Stiefsöhne. Sie lebt mit ihrem Mann Jean Queloz in Genf.

Interview: Birthe Homann und Daniel Benz