Franziska Zemp, Nora Bienz, Anne-Sophie Keller, Nicole Janouschek und Christiane Brunner

5 Frauen erzählen, warum sie genug haben

Birthe Homann, Beobachter-RedaktorinDaniel Benz, Beobachter-Redaktor
Von Birthe Homann, Daniel Benz, Tanja Polli, Anina Frischknecht, Yves Demuth und Peter Aeschlimann
am 06.06.2019
Quelle: Lea Meienberg

Frauen werden bis heute ungleich behandelt. Am 14. Juni 2019 protestieren sie dagegen. Die Parolen sind lautstark, die Geschichten dahinter oft leise. Fünf Frauen erzählen, wo sie an Grenzen stossen.

Franziska Zemp: «Stellt Mütter ein, sie sind ein Gewinn!»

Franziska Zemp

Franziska Zemp ist Neuropsychologin und hat zwei kleine Kinder. Sie ärgert sich, dass Muttersein in der Berufswelt nicht positiver gewertet wird.

Quelle: Lea Meienberg

«Seit ich Mutter bin, bin ich viel effizienter im Job. Ich gebe Vollgas, bin total motiviert. Ich kann mich besser organisieren, weil ich muss. Und ich habe meinen Perfektionismus abgelegt. Die Firmen müssten sagen: ‹Wow, so cool, eine Teilzeitmutter. Die stellen wir an.› Doch es heisst immer wieder: ‹Die muss doch früh nach Hause und fehlt wegen kranker Kinder.› Die Gesellschaft sollte endlich merken, wie wertvoll arbeitende Mütter sind. Ihre Effizienz und Motivation sind gewinnbringend. Die Firmen sollten mehr Mütter einstellen.
 

59 Prozent der Frauen gehen einer Teilzeitarbeit nach. Bei den Männern sind es 18 Prozent.


Die hohen Kosten für die Kita ärgern mich ebenfalls. Sie fressen fast die Hälfte meines Lohns weg, obwohl wir zwei vergünstigte Plätze haben. Dass ich arbeiten gehe, rechnet sich momentan also nicht. Der Staat gibt mir einen Anreiz, ein Studium zu machen, damit ich danach Vollzeit Kinder grossziehe. Das ist absurd.

Bevor ich schwanger wurde, haben mein Mann und ich nie über die Arbeitsteilung gesprochen. Es war selbstverständlich, dass ich als Neuropsychologin weiterarbeiten würde. Aus dem Berufsleben aussteigen könnte ich nicht. Nach sechs Monaten Mutterschaftsurlaub mit dem zweiten Kind war ich sehr glücklich, wieder arbeiten zu können. Mit den Kindern war es schön, aber anstrengend. Es war, als hätte ich sechs Monate pausenlos durchgearbeitet. Dass der Haushalt so einen grossen Stellenwert erhielt, hat mir aufs Gemüt geschlagen.

Zwei Tage Fremdbetreuung reichen

Ich bin pro Kita. Aber es ist genug, wenn meine Kinder zwei Tage pro Woche fremdbetreut werden. Wenn mein Mann und ich zur Arbeit pendeln, sind sie bis zu elf Stunden dort. Das ist sehr lang. Den dritten Tag übernehmen meine Eltern. Die anderen zwei Wochentage schaue ich den Kindern.

Mehr als drei Tage will ich derzeit nicht arbeiten. Die dreijährige Tochter und der einjährige Sohn würden mir zu sehr fehlen. Als die Ältere in der Trotzphase war, warf ich mir ab und zu vor, ich hätte zu wenig Zeit für sie. Es ist noch immer herausfordernd. Aber ich bin sicher, dass meine Familie von meiner Freude am Beruf profitiert.
 

23 Prozent der Frauen mit Kindern unter vier Jahren sind nicht erwerbstätig.


Ich habe viel Energie, bin ehrgeizig und suche die Herausforderung. Deshalb habe ich mich entschlossen, eine zweijährige Weiterbildung zu machen neben meinem 50-Prozent-Job am Kinderspital St. Gallen. Zusammen mit dieser Ausbildung arbeite ich 60 Prozent. Für mich ist die Belastungsgrenze damit erreicht.

Der Mann kocht häufiger

Mein Mann ist in Indien aufgewachsen und fürs Studium an der ETH in die Schweiz gekommen. Er arbeitet zu 100 Prozent als Umweltingenieur, aber den Haushalt teilen wir uns. Wenn ein Kind krank ist, wechseln wir uns ab mit Zu-Hause-Bleiben. Er kocht viel häufiger als ich. Ich organisiere mehr die Freizeit mit den Kindern. Oft müssen wir am Sonntagabend noch schnell sauber machen, bevor am Montag früh meine Eltern aus Wattwil kommen, um den Tag mit den Kindern zu verbringen. Sie sind sehr engagiert. Ohne sie ginge es nicht. Unsere Kinder lieben ihre Grosseltern.

Meinem Mann war immer klar, dass er 100 Prozent arbeiten würde. Als Ausländer hatte er grosse Probleme, nach dem Studium eine Festanstellung zu finden. Ich finde es gut, dass er Vollzeit arbeitet. Ihm hat sich nun unerwartet eine 80-Prozent-Stelle aufgetan. Das freut uns sehr. Bald übernimmt er einen Tag pro Woche die Kinder. Das wird für uns alle vier lehrreich.
 

«Ich wünsche mir, dass mehr Väter ihr Pensum reduzieren. Und mehr Firmen Teilzeitstellen anbieten.»

Franziska Zemp, Neuropsychologin


Ich finde nicht, dass Mütter und Väter zwingend je gleich viel Zeit mit den Kindern verbringen müssen. Ich glaube, Mütter haben häufig das grössere Verlangen nach Kinderzeit. Das heisst aber nicht, dass sie besser mit Kindern umgehen können als Väter. 

Ich wünsche mir jedenfalls, dass mehr Väter ihr Pensum reduzieren und mehr Firmen Teilzeitstellen anbieten. An den Frauenstreik gehe ich deswegen aber nicht. Das ist mir zu einseitig. Die Männer müssten mitlaufen. Ich ziehe persönliche Überzeugungsarbeit dem Demonstrieren vor. Wenn Männer erst einmal Teilzeit arbeiten, werden sie schnell merken, wie viel ihnen das Jonglieren zwischen Job und Kind persönlich bringt.»

(aufgezeichnet von Yves Demuth)