Franziska Zemp, Nora Bienz, Anne-Sophie Keller, Nicole Janouschek und Christiane Brunner

5 Frauen erzählen, warum sie genug haben

Birthe Homann, Beobachter-RedaktorinDaniel Benz, Beobachter-Redaktor
Von Birthe Homann, Daniel Benz, Tanja Polli, Anina Frischknecht, Yves Demuth und Peter Aeschlimann
am 06.06.2019
Quelle: Lea Meienberg

Frauen werden bis heute ungleich behandelt. Am 14. Juni 2019 protestieren sie dagegen. Die Parolen sind lautstark, die Geschichten dahinter oft leise. Fünf Frauen erzählen, wo sie an Grenzen stossen.

Anne-Sophie Keller: «Frauen, seid mal dreist wie Männer!»

Anne-Sophie Keller

Anne-Sophie Keller kämpft gegen stereotype Rollenbilder. Frauen sollen mehr Chuzpe zeigen, sagt die Autorin und Journalistin.

Quelle: Lea Meienberg

«In meinem Kinderzimmer herrschte das Matriarchat: zwei Dutzend Barbies, ein Ken. Mehr männliche Rollen waren nicht vorgesehen in diesem Kosmos. Natürlich verstehe ich die Kritik an Barbie. Ihre Körpermasse sind komplett unrealistisch, das kann Gift sein fürs Selbstvertrauen junger Mädchen. Ich fand aber einen gesunden Umgang mit der Plastikpuppe. Ich steckte sie nicht einfach in hübsche Kleidchen und bürstete pausenlos ihr blondes Haar. Nein, ich schickte meine Barbie zur Arbeit – in einem rosaroten Auto.

Baumhütten bauen, Flüsse stauen, Sachen halt, die man gemeinhin Buben zuschreibt, das war nicht so meine Welt. Ich leitete das Prinzessinnen-Ressort in unserer Familie. Ein Grund dafür war sicher der Mangel an starken Frauenfiguren, die Vorbild hätten sein können. Es gab Pippi Langstrumpf aus den Büchern – damit hatte es sich aber schon. 

Mein Vater ging Alimente verdienen, die allein erziehende Mutter bestritt ein kleines Sekretariatspensum. Normale, mittelständische Welt in Thun. Meinen Eltern mache ich keinen Vorwurf, ihrer Generation schon. Damals dachte man: Alles kommt gut. Dabei lief wenig bis gar nichts in den Neunzigern. In Sachen Gleichstellung sind wir meilenweit vom Ziel entfernt. Ich bin noch täglich daran, mich zu emanzipieren.

Frühe Gehirnwäsche

Wenn ich Mädchen sehe, die mit Glitzerschuhen und Handtäschchen in den Kindergarten spazieren, irritiert mich das. Die Nachfrage für geschlechterspezifische Produkte scheint ungebrochen. Da findet ganz früh im Leben eine Gehirnwäsche statt. In den Läden bekommt man ja kaum mehr ein Unisex-Duschgel. Entweder das rosa Glitzer-Prinzessinnen-Bad oder das blaue Piraten-Abenteurer-Bad.

Für Eltern ist es schwierig, diesen Mist nicht zu kaufen. Kinder wollen das! Dazugehören wollen ist menschlich, klar. Schnell wird daraus schädlicher Gruppendruck. Die Mädchen, die ich hüte, haben ein iPad-Spiel, bei der sie einer Figur Pickel und Falten wegretuschieren können. Furchtbar.
 

28 Prozent der Mädchen zwischen 5 und 7 bekommen Taschengeld. Bei den Buben sind es 43 Prozent.


Wer früh in eine Rolle gezwängt wird, kämpft ein Leben lang mit den Folgen. Ich kenne keine Frau, die sich nie Gedanken macht über ihr Gewicht oder ihr Aussehen. Ich sehe es in meinem Kolleginnenkreis. Alles gut ausgebildete, emanzipierte und intelligente Frauen. Doch das Gefühl, nicht zu genügen, das Gefühl, sich anpassen zu müssen, kennen wir alle. Eltern müssen sich bewusst sein: Es macht etwas mit der Tochter, wenn sie ihr Kinderzimmer mit einem gertenschlanken Püppchen teilen muss. Im schlimmsten Fall entwickelt ein junges Mädchen eine Essstörung.

Plötzlich Sachen tun, die frau gar nicht will

Beim Job, auf Festivalbühnen, in der Politik: Frauen sind überall untervertreten. Die Gründe dafür sind bereits in der Kindheit zu finden. Mädchen bekommen später Sackgeld, sie müssen viel öfter zu ihren jüngeren Geschwistern schauen. Viele lernen nie, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren. So gleiten sie in eine passive Rolle, und plötzlich machen sie Dinge, die sie eigentlich gar nicht wollen.

Auch ich bin vor diesen Klischees nicht gefeit. Mit zwanzig zog ich nach Zürich. In der WG-Sprache heisst Rollenverteilung ‹Ämtliplan›. Mit meinem Mitbewohner, einem ETH-Studenten, teilte ich die Putzarbeit. Eine Woche er, eine Woche ich. Klar war hingegen, wer kaputte Sachen repariert: er.

Wer denkt, Sexismus finde bei der Arbeit nicht statt, hat Tomaten auf den Augen. Ich wurde noch drei Jahre nach Stellenantritt ‹Schätzeli› genannt. Es gab anzügliche Bemerkungen, übergriffige, grenzwertige Sprüche. Auch von Chefinnen. Wer aufmuckt, begibt sich nicht selten in Teufels Küche. Als ich einmal wie ein Mann meinen Lohn verhandelt hatte, gab es Stunk. Wenn sich frau als durchsetzungsfähig zeigt, gilt frau sofort als zickig. 

Männer krallen sich die interessanten Jobs, Frauen räumen die Tassen vom Sitzungstisch. Man will nett sein – und wird nicht ernst genommen. Den ‹toughen Shit›, den traut man dir dann nicht mehr zu. Frauen brauchen die Chuzpe, auch mal dreist zu sein. Sie sollten öfter sagen: ‹Ich mache das jetzt. Punkt.›»

(aufgezeichnet von Peter Aeschlimann)